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Lebendig und lebensnah

Warum interkulturelle Partnerschaften ein Gewinn sind

STEFAN SILBER

Zwischen Óbidos in Brasilien und Würzburg in Deutschland besteht seit fünf Jahren eine lebendige Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft. Unsere Erfahrungen zeigen, warum interkulturelle Partnerschaften helfen, wechselseitig zu wachsen und das Fremde und das Eigene neu zu entdecken und besser zu verstehen.

Miteinander beten, voneinander lernen, solidarisch sein: Im Austausch mit den Partnern wächst das interkulturelle Bewusstsein.
FOTO: KERSTIN SCHMEISER-WEIß, PRESSESTELLE ORDINARIAT WüRZBURG

Beim Besuch einer Delegation aus der Diözese Würzburg beim indigenen Volk der Katxuyana in Brasilien bat der mitreisende Journalist Burkard Vogt – wie üblich – die Leitung des Dorfes um Erlaubnis, auch fotografieren zu dürfen. Diesmal wurde sie ihm aber nicht einfach so erteilt, sondern er musste in Vorleistung treten. Zum Glück ist Vogt auch ein begabter Musiker und konnte mit seiner Gitarre das Lied »Laudato si« zum Besten geben. Danach erlaubten die Dorfbewohner ihm, seine Kamera zu benutzen.

Geben und Nehmen, Empfänger und Schenkender gleichzeitig sein: Das Beispiel zeigt, warum interkulturelle Partnerschaften ein Gewinn sind – für beide Seiten. Ich möchte das zunächst am Beispiel unserer Diözesanpartnerschaft illustrieren, in einem zweiten Schritt mit ein bisschen Theorie vertiefen und drittens einen vorsichtigen Blick in die Zukunft werfen.

Fünf Jahre diözesane Partnerschaft

Am 2. Dezember 2012 begründeten die Bischöfe Johannes Bernardo Bahlmann und Friedhelm Hofmann stellvertretend für viele Laien, Ordensleute und Priester aus ihren Diözesen die diözesane Partnerschaft zwischen Óbidos und Würzburg. Von Anfang an wird sie ausdrücklich als »wechselseitige Partnerschaft« eingerichtet. Dadurch sollte eine echte Partnerschaft wachsen können, nicht nur die Unterstützung der einen Seite durch die andere.

In der Partnerschaftsurkunde heißt es deshalb: »Als Teile der einen Weltkirche sehen wir uns als Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft. Im Gebet miteinander verbunden, lernen wir aus den unterschiedlichen pastoralen Erfahrungen und setzen konkrete Zeichen der Solidarität. In unserer diözesanen Partnerschaft wollen wir uns für Gerechtigkeit, Menschenwürde und das ›Leben in Fülle‹ (Joh 10,10) einsetzen.« Vieles davon ist bereits gelungen, wird schon ansatzweise gelebt, auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans. Unsere lebendige und lebensnahe Partnerschaft ist tatsächlich eine wechselseitige Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft geworden.

Gebetsgemeinschaft

Von Anfang an war klar, dass unsere Partnerschaft auch im gemeinsamen Gebet zum Ausdruck kommt. Bereits bei den ersten Besuchen standen gemeinsame Gottesdienste und Gebetszeiten im Mittelpunkt. Im Glauben an Gott und in der Liturgie wussten wir uns von Anfang an verbunden, noch bevor wir uns näher kennenlernten.

Auch die verschiedenen Partnerschaftstage wurden immer mit einem gemeinsamen Gottesdienst eröffnet oder beendet. Menschen aus Óbidos und aus Würzburg gestalten sie gemeinsam: durch Singen, Tanzen, Beten, durch das Lesen aus der Bibel, die Predigt, ein Glaubenszeugnis, durch Symbole und Produkte aus der Partnerdiözese bei der Gabenbereitung. Das getanzte Gebet zur Evangelienprozession ist für uns Würzburger inzwischen zu einem Erkennungszeichen unserer Diözesanpartnerschaft geworden.

Auch in den Sitzungen unseres Arbeitskreises wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch gebetet und gesungen. So haben wir das »Gebet für unsere Erde« (LS 246) von Papst Franziskus bewusst in Sorge um die bedrohte Umwelt unser Partner in Brasilien gebetet. In wie vielen Fürbitten an die Partnerdiözese gedacht wurde, wie oft im privaten Gebet für die Partnerschaft, die beiden Ortskirchen oder ganz konkrete Menschen hier und dort gebetet wurde, muss ungezählt bleiben.

Willkommen! Viele gegenseitige Besuche prägen die Partnerschaft zwischen Würzburg und Óbidos.
Im Laufe der Zeit sind Freundschaften entstanden.
FOTO: KERSTIN SCHMEISER-WEIß, PRESSESTELLE ORDINARIAT WüRZBURG

Lerngemeinschaft

Gemeinsames und wechselseitiges Lernen: Das war für viele von uns in Würzburg eine der wichtigsten Motivationen dafür, diese Partnerschaft anzustreben. Viele von uns hatten bereits vorher persönliche interkulturelle Erfahrungen in Brasilien oder anderen Teilen Lateinamerikas gesammelt. Wir waren und sind überzeugt davon, dass solche Erfahrungen ein Gewinn sind und auch für andere Menschen ein Gewinn sein können.

Seitdem gab es zahlreiche wechselseitige Besuche zwischen Gemeinden, Schulen und kirchlichen Gremien, weltwärts- und reverse-Freiwillige, die Begegnungen bei den Weltjugendtagen 2013 in Brasilien und 2016 in Polen – viele Begegnungen, die uns das Leben, den Glauben, die Hoffnungen und die Sorgen der jeweils anderen nahegebracht haben – über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg. Inzwischen lernen wir sogar dreiseitig: Es gab erste Kontakte zwischen unserer afrikanischen Partnerdiözese in Mbinga und Óbidos, und der neue Schulkalender für 2018 vereint die drei Diözesen in monatlichen großformatigen Bildern.

Über die Partnerschaft mit Óbidos haben wir einen unmittelbaren Einblick in die sozialen und politischen Probleme Brasiliens und des Amazonasraums erhalten. Dabei wird uns auch der Spiegel vorgehalten im Hinblick auf unsere eigene Verantwortung für die desaströse Politik der Industrieländer. Wer zum Beispiel die Zerstörung der Schöpfung durch den Bauxitabbau in Juruti Velho erlebt hat, nimmt den Verbrauch von Aluminium bei uns anders wahr. Persönliche Begegnungen machen globales Lernen leichter.

Aber wir haben auch gelernt, dass die Kirche vom Engagement jedes Einzelnen lebt und dass sie Auswirkungen auf das Alltagsleben der Menschen, ihre politischen und sogar ihre wirtschaftlichen Verhältnisse hat. Ein Beispiel: Als 2013 Ana de Lourdes, Shirley und Janirene im Würzburger Diözesanrat zu Besuch waren, stellte Weihbischof Boom die Frage, was ihnen denn bei uns auffiele. Ana de Lourdes nannte zwei Dinge: Ihr habt Priester im Überfluss und euch fehlt die Bibel.

Die persönlichen Begegnungen haben uns dabei nicht einfach nur mehr lernen lassen, sondern vor allem anders. Es sind Beziehungen und Freundschaften entstanden. Solche persönlichen Begegnungen sind wichtiger als umfassende Information und finanzielle Unterstützung. Aus ihnen wächst eine Partnerschaft. Schließlich konnten wir lernen, dass wir die Partnerschaft nicht idealisieren dürfen. Es gibt auch Schattenseiten. Dieser Realismus und manchmal die richtige Dosis Kritik gehören zu dem, was wir gelernt haben.

Überschwemmungen am Amazonas. Sein Pegel steigt und sinkt um mehrere Meter, je nachdem, wie viel Wasser seine Zuflüsse in der Regenzeit aufnehmen müssen.
FOTO: KERSTIN SCHMEISER-WEIß, PRESSESTELLE ORDINARIAT WüRZBURG

Solidargemeinschaft

Eine Partnerschaft lebt auch von ganz konkreten Zeichen der Solidarität. Hier gab es eine ganze Reihe von großen und kleinen Zeichen in den vergangenen fünf Jahren, vonseiten unserer Diözese, einzelner Gruppen, Pfarreien und Institutionen und nicht zuletzt auch vonseiten vieler Personen, die ihre Solidarität ganz praktisch zum Ausdruck bringen wollen. Manche Mitarbeiter der Diözese Würzburg zweigen etwa jeden Monat einen Teil ihres Gehalts ab, um in Óbidos eine Arbeitsstelle zu finanzieren. Zahlreiche Ideen im pastoralen Bereich, im Gesundheitswesen, in der Schule und in der Menschenrechtsarbeit der Diözese Óbidos konnten und können durch diese Solidarität verwirklicht werden. Es gibt auch politische Solidarität, etwa für die ökologische und Menschenrechtsarbeit in Óbidos. Menschen, die dort wegen ihrer politischen Arbeit mit dem Tod bedroht wurden, haben uns besucht und konnten so internationale Öffentlichkeit für ihr Anliegen und Unterstützung aus Deutschland mobilisieren. Berichte aus Óbidos haben uns motiviert, uns mit Unterschriftensammlungen, Briefen und Stellungnahmen für die Anliegen der Menschen in Brasilien einzusetzen.

Umgekehrt haben auch wir Solidarität erfahren: Bei Besuchen in Brasilien spürten wir, dass Anteil an politischen Ereignissen in Deutschland genommen wird. Auch bei persönlichen Schicksalsschlägen drücken die Freunde in Óbidos ihre Solidarität und ihr Mitgefühl aus. Vor allem die weltwärts-Freiwilligen, aber auch andere Besucher haben viel Unterstützung und Gastfreundschaft erfahren. Schließlich sind auch die reverse-Freiwilligen ein Zeichen der Solidarität aus dem Süden für uns. Eine wechselseitige Partnerschaft hilft uns, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass auch wir Solidarität nötig haben. Auch wir dürfen dankbar dafür sein, dass wir Hilfe und Zuwendung erhalten. Diese Erfahrung müssen wir vertiefen: Solidarität darf niemals eine Einbahnstraße sein.

Interkulturalität – Ein Gewinn

Warum müssen Partnerdiözesen immer so weit weg sein? Wäre es nicht einfacher, eine Diözesanpartnerschaft mit Bamberg oder Mainz abzuschließen? Oder wenn es schon das Ausland sein muss, wenigstens mit Österreich oder Südtirol, wo man keine Fremdsprache lernen muss?

Der Grund dafür ist der, dass kirchliche Partnerschaften eben genau von den Unterschieden leben. Eine gemeinsame Basis für die Beziehung ist im Glauben und im Evangelium gelegt. Die Partnerschaften zwischen Kirchen und anderen Gemeinschaften leben dann von den Differenzen, von der Fremdartigkeit, vom gegenseitigen Lernen und der wechselseitigen Hilfe. Wenn ich im anderen nur das Eigene finde, das Bekannte – dann wird es schnell langweilig. Aber wenn der andere anders ist, dann kann ich meinen Horizont erweitern, Neues entdecken und Altes neu sehen lernen. Dann kann ich in seinen Augen auch mich selbst anders wahrnehmen.

Es geht nicht um exotische Vorstellungen von einem unberührten Paradies: Es geht darum, die Welt als ein Netzwerk von Unterschieden und Beziehungen sehen zu lernen. Dazu gehören auch ungerechte Unterschiede und gewaltsame Beziehungen. Durch interkulturelle Beziehungen können wir lernen, wie komplex, schön und reich unsere Welt ist, aber auch gewalttätig, hässlich und unfair.

Zum kulturellen Austausch gehört auch, die Speisen und Getränke der jeweils anderen kennenzulernen. Überraschungen garantiert.
FOTO: KERSTIN SCHMEISER-WEIß, PRESSESTELLE ORDINARIAT WüRZBURG

Interkulturelle Beziehungen erweitern Horizonte

»Fremd ist der Fremde nur in der Fremde« lautet eine weise Erkenntnis Karl Valentins. Daheim ist der Fremde natürlich kein Fremder – und in der Fremde kann ihm alles so fremd werden, dass er sich selbst fremd wird. Manche werden in der Fremde vor Heimweh krank – und andere blühen dann erst so richtig auf. »In der Fremde« sind Erfahrungen möglich, die es zuhause nicht gibt. Das liegt an den unterschiedlichen Arten und Weisen, mit denen Menschen ihre Lebenswelt organisieren und deuten: ihren Kulturen. Diese Kulturen sind vielschichtig und umfassend: Vom Tagesablauf bis zum Lebenszyklus, vom Kochen bis zur Politik, von der Arbeit bis zu den Feiertagen ist alles kulturellen Regeln und Bedeutungsmustern unterworfen. Wer zu einer Kultur gehört, weiß, wie das funktioniert und was es bedeutet – wenigstens mehr oder weniger. Wer fremd ist, weiß es oft nicht – und interpretiert alles nach seinen eigenen kulturellen Vorstellungen.

Deswegen gelten wir Deutsche in Lateinamerika oft als unhöflich, wenn wir »Nein« sagen. Für lateinamerikanische Kulturen wirft jedes Nein einen Schatten auf die Beziehungsebene. Um Gefahr für die Beziehung zu vermeiden, wird das Nein mit anderen Ausdrücken umschifft, etwa: »Ich werde mein Möglichstes tun.« Oder einfach »Si, si«. Wenn wir dann »Si, si« hören, denken wir, dass »Ja« gemeint ist. Das kann ein folgenschwerer Irrtum sein.

So lernen wir in den interkulturellen Beziehungen, dass alles, was wir für normal halten, auch anders sein kann: Essen und Trinken, Beziehungen, das Verhältnis von Arbeit und Freizeit. Und das gilt auch für Kirche und Religion: Interkulturelle Partnerschaften lehren uns viel über unseren Glauben, über Engagement und Solidarität, über Liturgie und Gemeindeleitung.

Interkulturelle Erfahrungen verstören

Begegnungen zwischen Kulturen machen auch Angst. Missverständnisse sind programmiert, Sprachlosigkeit ist an der Tagesordnung. Deswegen wollen viele Menschen sich lieber nicht darauf einlassen. Denn interkulturelle Erfahrungen können auch verstören. Nicht alles, was ich in der fremden Kultur sehe, finde ich gut. Es ist auch nicht alles gut, denn jede Kultur hat ihre Schattenseiten. Auch meine eigene. Begegnungen mit einer fremden Kultur können mir die Augen dafür öffnen, dass auch in meiner Kultur vieles nicht dem hohen Anspruch entspricht, mit dem jede Kultur sich selbst gern umgibt. Im Spiegel des Fremden kann ich das Eigene differenzierter, kritischer sehen. Und vielleicht verändern.

Wer Angst vor Veränderungen hat, setzt sich deswegen nicht gerne fremden Kulturen aus – und wenn, dann nur, um die eigenen Vorurteile zu bestätigen. Interkulturelle Beziehungen und Partnerschaften verstören auch deshalb, weil sie wieder neue ungerechte Abhängigkeiten hervorbringen. Gerade in einer Welt, die immer noch von Ausbeutung und Kolonialismus, Abhängigkeit und Machtstreben gekennzeichnet ist, kann eine Partnerschaft zwischen Menschen der Industriestaaten und Menschen der sogenannten Dritten Welt gar nicht aus der Zwangsjacke der komplexen Abhängigkeiten heraus. Spendenaktionen und Projektfinanzierungen zeigen das am deutlichsten: Sie lassen sich nicht durchführen, ohne Abhängigkeiten zu zementieren oder neue zu schaffen. Wenn die Notwendigkeit besteht, Entwicklungsprojekte durch Spenden zu finanzieren, treten andere Aspekte der Beziehung oft in den Hintergrund. Finanzielle Beziehungen legen die Partner auf eine Rolle fest.

Der interkulturelle Rahmen macht Abhängigkeit und Ungleichheit dann oft schwer durchschaubar. Wer transparente Projektabrechnungen erwartet, erscheint dem Gegenüber leicht als pingeliger Paragraphenreiter. Und wer ein Projekt anders durchführt als es diesseits des Atlantiks gedacht war, handelt vielleicht nicht unzuverlässig, sondern versucht, den örtlichen Gegebenheiten gerecht zu werden. Hier sind interkulturelle Kompetenz und Fingerspitzengefühl notwendig. Allzu oft werden, sobald es ums Geld geht, die weichen zwischenmenschlichen Feinheiten den harten wirtschaftlichen Fakten untergeordnet.

Interkulturalität verpflichtet

Wer einmal in das Gesicht des fremden anderen geblickt hat und sich selbst als Fremdem begegnet ist – der kann sich dem Reiz, aber auch der Verpflichtung interkultureller Begegnung nicht mehr entziehen. Interkulturalität verpflichtet uns, dem anderen möglichst gerecht zu werden. Uns selbst so zu verändern, dass der andere uns nicht mehr als Fremde, sondern als Partner wahrnimmt. Dabei werden wir uns immer fremd bleiben. Denn so wie Menschen sich verändern, wandeln sich auch Kulturen. Der Philosoph Emmanuel Levinas sagt: »Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten werden.«Der Mensch bleibt ein Rätsel, und dieses Rätsel hält mich wach. Was Levinas für menschliche Begegnungen allgemein beschreibt, gilt umso mehr für interkulturelle und weltweite Beziehungen. Sie bleiben uns Rätsel, die uns wachhalten. Sie verpflichten uns auch, unsere gesellschaftliche Verantwortung für die Partnerinnen und Partner wahrzunehmen: Die Zerstörung des Regenwaldes und des Klimas, der Waffen- und der Drogenhandel, Sklavenarbeit und Korruption sind auch unsere Verantwortung, die wir als Konsumenten, Wahlberechtigte und zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit wahrnehmen oder eben nicht. Eine weltkirchliche Diözesanpartnerschaft verpflichtet uns, auch in diesen Bereichen prophetisch und anwaltschaftlich tätig zu werden.

Der Blick in das Gesicht des fremden anderen verpflichtet uns dazu, den anderen Fremden, die nicht zu unserer Partnerschaft gehören, ebenfalls ins Gesicht zu blicken. Und die Erfahrung einer gelungenen interkulturellen Beziehung erleichtert es uns, anderen interkulturellen Begegnungen nicht mehr aus dem Weg zu gehen. Solche Partnerschaften sind ein Gewinn, ja ein Muss für uns in Europa angesichts der derzeit sich verstärkenden Fremdenfeindlichkeit.

Ausblick: Wohin wollen wir noch kommen?

Wie soll unsere Partnerschaft weitergehen? Es wäre gut, die Basis zu erweitern, über die Menschen hinaus, die schon einmal an einer der Delegationen teilgenommen haben. Die Partnerschaft soll eine Aktion zweier Diözesen sein und nicht nur der Arbeitskreise. Es ist wichtig, in diesem Prozess immer das Wechselseitige an der Partnerschaft zu betonen: Sie soll eine Plattform für Begegnungen sein, eine Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft.

Wichtig ist auch, nicht nur die binnenkirchliche Perspektive zu stärken, sondern auch Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft mit ins Boot zu holen. Gerade in einer Situation, in der Demokratie sowohl in Brasilien wie in Europa in Gefahr ist, sollten wir uns als Kirche unserer zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten erinnern und zur Stärkung der Demokratie beitragen. Dazu gehört auch, dass wir in Deutschland die intensivere Vernetzung mit anderen suchen, die ebenfalls Solidarität mit Brasilien, dem Amazonasgebiet, den indigenen Völkern pflegen. Für 2019 hat Papst Franziskus eine Sondersynode der Bischöfe der Welt zur Thematik des Amazonasraums einberufen. Dieses Ereignis wird viele Menschen mobilisieren. Wir sollten uns gezielt mit den Erfahrungen unserer Partnerschaft in diese Bewegung einbringen.

Eine wichtige Herausforderung für unsere Partnerschaft wird auch sein, über Idealisierungen hinauszukommen. Bei aller berechtigten Begeisterung für die Partnerschaft und die jeweilige Partnerdiözese müssen wir auch die Schattenseiten und Ambivalenzen wahrnehmen – sowohl bei den Partnern als auch bei uns selbst. Einer unserer Freunde aus Óbidos sagte zu uns: »Die Delegationen aus Würzburg geben in Brasilien Hoffnung.« Ich glaube, das ist ein schönes Zeichen für die Zukunft unserer Partnerschaft. Und ich meine, dass wir auch umgekehrt sagen können: Die Partnerschaft mit der Diözese Óbidos macht uns in Deutschland Hoffnung. Es hat sich schon viel positiv entwickelt, und wir hoffen, dass es so weitergeht. Denn unsere Partnerschaft ist lebendig und lebensnah.

STEFAN SILBER
Dr. theol. habil., geboren 1966, Professor für Didaktik der Theologie im Fernstudium mit Schwerpunkt Systematische Theologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn

Ausgabe 5/2018

ANMERKUNGEN

1 Partnerschaftsurkunde, in: Würzburger Katholisches Sonntagsblatt 50 (2012), S. 13.
2 Emmanuel Levinas, Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, Freiburg/ München 1983, S. 120.

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