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Kirche unter sozialistischer Flagge

Kuba: mehr Spielräume für die Katholiken?

MARTIN HAGENMAIER UND MICHAEL HUHN

Im April 2018 wurde Miguel M. Díaz-Canel Bermúdez zum neuen Regierungschef Kubas gewählt. Ob er und Staatschef Raúl Castro die Handlungsräume für die katholische Kirche eher ausweiten oder eingrenzen werden, wird die Zukunft zeigen. In den vergangenen Jahren gab es vorsichtige Aufbrüche.

76,8 Prozent der kubanischen Bevölkerung leben in städtischen Gebieten. Die Hauptstadt Havanna (Foto) ist mit etwa 2,1 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Insel.
FOTO: KNA-BILD

Kuba ist die größte Insel der Großen Antillen. Auf einer Fläche wie Bayern und Baden-Württemberg leben 11,2 Millionen Menschen. Mit 102 Einwohnern pro Quadratkilometer gehört Kuba zu den stark besiedelten Ländern Lateinamerikas. Das Land hat einen hohen Anteil afroamerikanischer und europäischer Bevölkerung. Manchen Schätzungen zufolge haben 60 bis 70 Prozent der Kubaner afrikanische Vorfahren. Obwohl die Insel weitgehend fruchtbar ist, liegen jedoch auch viele Flächen brach. 80 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden.

Vorsichtige Systemänderung

Am 1. April 2006 übernahm der jüngere Bruder des langjährigen Staatschefs Fidel Castro die Amtsgeschäfte. Unter starkem wirtschaftlichem Druck versuchte Raúl Castro, das System vorsichtig zu ändern und Privatwirtschaft in begrenztem Umfang zuzulassen. Personen können jetzt »auf eigene Rechnung«, also als Selbstständige, in genau definierten Berufssparten agieren. Inzwischen sind mehr als 500.000 Kubaner auf diese Weise tätig. Insbesondere kleine private Restaurants, Pensionen und Taxifahrer profitieren von dieser Möglichkeit und dem gleichzeitigen Anstieg des Tourismus. Aber auch Friseure, Ingenieure oder Architekten freuen sich über die neuen Arbeitsbedingungen. Es entstanden zudem Bauernmärkte, welche landwirtschaftliche Produkte direkt in der Stadt oder auf dem Land vermarkten. Dabei muss nach wie vor ein Teil der Ernte zu einem festen – sehr geringen – Preis an den Staat abgegeben werden. Brachliegendes Ackerland wurde an Privatpersonen verpachtet.

Ein wirtschaftliches Sonderprojekt ist der Tiefseehafen Mariel in der Nähe von Havanna, dessen Gebiet gleichzeitig als Sonderwirtschaftszone ausgewiesen wurde. Hier sollen sich ausländische Betriebe ansiedeln, die dafür Sonderbedingungen erhalten. Ein durchschnittlicher Arbeitslohn in Kuba liegt zwischen 25 und 40 Euro pro Monat. Bis jetzt gibt es kein Internet in Privathaushalten. In den vergangenen Jahren wurden jedoch nach und nach WIFI-Hotspots in fast allen Zentren der Provinzstädte, insbesondere in den öffentlichen Parks, ausgebaut. Die Benutzer können sich gegen eine Gebühr mit ihren Smartphones oder Tablets mit dem Internet verbinden und nutzen dies hauptsächlich für die Kommunikation mit Verwandten und Bekannten im Ausland.

Durch die Krise in Venezuela ist das Land, welches Kuba finanziell am stärksten förderte, als Unterstützer fast ganz ausgefallen. Die Regierung versucht dies mit der Vertiefung bestehender Beziehungen etwa zu China, Russland, Vietnam und weiteren Ländern auszugleichen und gleichzeitig das Land in Richtung Westen zu öffnen. In der Hoffnung auf politische Veränderungen zeigen sich die Länder der Europäischen Union interessiert an Kuba und bewiesen dies durch zahlreiche Besuche und verschiedene Abkommen zur Verbesserung der Beziehungen. Der »Gemeinsame Standpunkt« der EU von 1996 verlangte von den Mitgliedstaaten der EU, ihre Beziehungen zu Kuba dazu zu nutzen, politische Veränderungen in Richtung Demokratie auf den Weg zu bringen. Dieser wurde am 12. Dezember 2016 abgeschafft. Es ergibt sich nun die Möglichkeit, direkt mit der Regierung von Kuba neue Beziehungen auszuloten.

Im Zuge der Annäherung der USA an Kuba unter Präsident Barack Obama wurden 2010 52 politische Gefangene freigelassen. Bei den Verhandlungen zur Freilassung vermittelte neben der spanischen Regierung – auf ausdrücklichen Wunsch von Raúl Castro – die katholische Kirche, insbesondere der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega y Alamino. Ein anderer Verhandlungsmarathon führte zu einer wechselseitigen Freilassung von Gefangenen. Diese war unabdingbare Voraussetzung einer Annäherung zwischen Kuba und den USA. Weitere Freilassungen politischer Gefangener in Kuba folgten im Zuge der Aufnahme der Gespräche mit den USA, die schließlich 2015 zur Eröffnung gegenseitiger Botschaften führten. An dem Annäherungsprozess beider Staaten hatte der Vatikan, insbesondere Papst Franziskus und in seinem Auftrag Kardinal Alamino, einen wesentlichen Anteil.

Am 22. Juli 2018 beschloss das kubanische Parlament den Entwurf für eine neue Verfassung, mit dem einige weitreichende Reformen verbunden sind. So erkennt die geplante Verfassung neben gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auch privaten Besitz an und hebt die Bedeutung ausländischer Investitionen hervor. Der Begriff »Kommunismus« wird nicht mehr angeführt. Die Kommunistische Partei Kubas bleibt jedoch weiterhin die federführende politische Kraft im Land. Einige Veränderungen des politischen Systems sind auch vorgesehen: Das Amt des Premierministers wird eingeführt und die Amtszeit künftiger Präsidenten auf zehn Jahre beschränkt. Am 24. Februar 2019 soll die überarbeitete Verfassung der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt werden.

Kuba auf einen Blick
Fläche: 110.860 km2
Hauptstadt: Havanna
Bevölkerung: 11,2 Millionen, darunter 64,1 % Weiße, 9,3 % Schwarze, 26,6 % Mulatten und Mestizen
Landessprache: Spanisch
Religionen:
Katholiken (57 %),
Protestanten (5 %),
Muslime (weniger als 0,1 %),
andere: 37 %
Regierungsform: sozialistische Republik; Einparteienherrschaft der Kommunistischen Partei Kubas PCC
Wirtschaft: Zucker und Tabak sind die wichtigsten Exportgüter; Förderung von Nickel und Erdöl; Tourismus nimmt an Bedeutung zu; Pharmaindustrie
Quelle: Auswärtiges Amt

Religionsgemeinschaften in Kuba

57 Prozent der Kubaner sind katholisch getauft – ein Erbe der 400-jährigen spanischen Kolonialzeit. 5 Prozent der Bevölkerung gehören protestantischen Kirchen an, wobei die Baptisten (100.000 Mitglieder) und pentekostalen Kirchen (110.000 Mitglieder) die größten Gruppen bilden. Die Zeugen Jehovas haben 96.000 Mitglieder, die Methodisten 36.000, die Siebenten-Tags-Adventisten 35.000, die Anglikaner 22.000 und die Presbyterianer 15.000. Dazu kommen weitere christliche Konfessionen – unter anderem Griechisch- und Russisch-Orthodoxe –mit geringen Mitgliederzahlen. Vielerorts sind es kleine Hausgemeinschaften, in denen Christen zusammenkommen und Gottesdienst feiern, insgesamt in schätzungsweise 25.000 Häusern. Außerdem gibt es 6.000 bis 8.000 Muslime und 1.500 Juden sowie wenige Buddhisten und Bahai.

Kirchliche und religiöse Gruppen müssen vom Büro für religiöse Angelegenheiten anerkannt werden. Neben den christlichen Kirchen spielt die Ausübung der Santería für viele Kubaner eine bedeutende Rolle. Die Santería ist eine synkretistische Religion, die aus den Glaubensvorstellungen afrikanischer Sklaven im Kontakt mit der katholischen Kirche entstanden ist. Dabei werden die traditionellen afrikanischen Gottheiten in den Gestalten katholischer Heiliger verehrt. Die katholische Kirche respektiert diese Form der Religiosität. Sie mischt sich oft mit katholischen Formen der Volksreligiosität. Es gibt keine statistischen Angaben über die Anzahl der Personen, die diese Kulte praktizieren.

Kuba hat den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (IPbpR), der eine wichtige Norm des globalen Völkerrechts ist und eine völkerrechtlich verbindliche Definition von Religionsfreiheit enthält, am 28. Februar 2008 unterzeichnet, jedoch nicht ratifiziert. Mit der Ratifizierung des IPbpR haben sich andere nationale Regierungen verpflichtet, Religionsfreiheit zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Der Staat darf nicht ungerechtfertigt in die religiöse Freiheit eingreifen, muss vor Einschränkungen durch Dritte schützen und durch entsprechende umfangreiche Maßnahmen die Religionsfreiheit als Menschenrecht fördern und ihre Gewährung erleichtern.

Kirche im kommunistischen Staat

Ein Blick zurück: Anlässlich des Eucharistischen Kongresses in Matanzas 1951 bereiste der italienische Journalist und Jesuit Riccardo Lombardi Kuba. Er war erschrocken über die Allianzen mit der wirtschaftlichen und politischen Elite, auf die die Kirche sich eingelassen hatte, und über mangelndes Apostolat: »Die kapitalistische und reaktionäre Presse beschirmt sich mit dem Kreuz Christi. Die Kirche […] lebt im Gehege.« (Christoph Anders, Kuba. Evangelisches Missionswerk in Deutschland, Hamburg 1997, S. 92, 94.)

Damals waren die Pfarrer auf dem Lande de facto Angestellte der Hacienderos, der Landbesitzer. Zwar hatte es dank der Laienbewegung Katholische Aktion hier und da Aufbrüche gegeben, etwa ein soziales und sozialpolitisches Engagement über den »innerkirchlichen Zaun« hinaus. Gleichwohl erreichte die Kirche zumal auf dem Lande nur einen kleinen Teil der getauften Katholiken. Mit einem Wort: Sie war bei Weitem nicht so im Volk verwurzelt, wie Pater Lombardi es aus anderen Ländern Lateinamerikas kannte. Andererseits ersehnte die Mehrheit der Katholiken damals – nicht anders als das kubanische Volk insgesamt – das Ende der Diktatur von Fulgencio Batista. Viele gläubige Katholiken, darunter acht Priester, schlossen sich den von Fidel Castro geführten Aufständischen an. P. Guillermo Sardiñas war von seinem Bischof sogar ausdrücklich beauftragt worden, die Rebellen als Seelsorger zu begleiten. Den Triumph der Revolution am 1. Januar 1959 begrüßte der Erzbischof von Havanna, Enrique Pérez Serantes, mit einem »Vida Nueva« (Neues Leben) überschriebenen Hirtenbrief.

Doch die »Flitterwochen« zwischen Kirche und Revolution hielten nicht lange an, sie schlugen bald um in wechselseitiges Misstrauen, Verhärtung und Konfrontation. Als führende Persönlichkeiten des gestürzten Batista-Regimes ohne oder nach zweifelhaften Gerichtsverfahren hingerichtet wurden, protestierte Erzbischof Pérez öffentlich. Während die protestantischen Kirchen schwiegen, wurde die katholische Kirche zu einer Zuflucht der Opposition. Das zeigte sich, als beim Nationalen Katholischen Kongress im November 1959 mehr als eine Million Menschen zusammenströmten, weit mehr, als es überhaupt »praktizierende« Katholiken gab. Aus den Prozessionen am 8. September 1960, dem Fest Mariä Geburt, entwickelten sich Demonstrationen gegen die Regierung. Unter Castros Gefolgsleuten begann eine unheilvolle Gleichsetzung zum Gemeinplatz zu werden: »Christ = Konterrevolutionär«, und später auch deren Umkehrung: »Revolutionär = Atheist«. Erzbischof Pérez zog in einem »Rom oder Moskau« überschriebenen Hirtenbrief seinerseits die Trennlinie: Ein Katholik könne sich um seines Seelenheils und um der Treue zu seiner Kirche willen nicht an der Transformation seines Vaterlandes in eine materialistische, gar atheistische Gesellschaft beteiligen. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges waren auch in Kuba Partei wie Kirche der »Logik« des Blockdenkens mit seinem »Entweder-Oder« zum Opfer gefallen.

Noch immer beziehen viele Kubaner Grundnahrungsmittel über Lebensmittelkarten. Sie zahlen mit dem Peso Cubano (CUP), einer der Währungen des Landes. Mit der anderen, dem Peso Convertible (CUC), der an den Wert des US-Dollars gekoppelt ist, können importierte Waren erworben werden.
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Herrschaft durch Willkür

Die bis dato einschneidendste Maßnahme der Revolution, nämlich die erste Welle der Enteignungen aufgrund des Gesetzes zur Landreform vom 17. Mai 1959, traf zwar katholische Großgrundbesitzer, nicht aber die katholische Kirche als solche. Denn diese hatte bereits im 19. Jahrhundert den allergrößten Teil ihres Grundbesitzes eingebüßt. Härter als die Landreform traf die Kirche das Gesetz zur Verstaatlichung des Bildungswesens vom 6. Juni 1961, infolgedessen die kirchlichen Schulen geschlossen und/oder vom Staat übernommen wurden. Das Ende der kirchlichen Schulen erwies sich langfristig als großer Verlust für die kubanische Gesellschaft: als Verlust einer Alternative in Bildung und in der Erziehung. Keineswegs so belanglos, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag, war die dritte die Kirche betreffende Maßnahme: die Verstaatlichung der Friedhöfe. Castro wusste, dass die Friedhöfe die Einkünfte garantierten, aus denen die Landpfarrer ihr Auskommen bestritten. Die Übernahme der Friedhöfe war einer der ersten gezielten Schläge staatlicher Kirchenpolitik.

Am 1. Mai 1961 wurde Kuba zum »Sozialistisch-Demokratischen Staat« erklärt. Dass »sozialistisch« auf Gehorsam gegenüber Moskau hinauslief, wurde immer deutlicher und auch, dass »demokratisch« – im Sinne des demokratischen Zentralismus bei Lenin – den Anspruch des Staates auf die Alleinverantwortung gegenüber dem Volk meinte. Kuba war also auf dem Weg, totalitär zu werden. In diesem Staat stellte der Gottesglaube eine Konkurrenz dar. Deshalb wurden die Kirchen streng überwacht. In den ersten Jahren der Revolution verließen rund 600 Priester (von fast 800) und etwa 1.800 Ordensschwestern (von 2.000) das Land. Größer war der Aderlass bei den Laien: Bis Ende 1962 emigrierten etwa 300.000 Kubaner. Junge Christen, die den Aufbruch nach der Batista-Diktatur bewusst als Christen mitgestalten wollten und sich dabei von ihrer Hierarchie allein gelassen sahen, wandten sich von ihren Kirchen ab und der Revolution zu. Die kubanischen Bischöfe taten sich lange schwer einzugestehen, dass dieser Idealismus für ein neues, »demokratischeres « Kuba in der Kirche keinen Platz fand und so zur Abwanderung führte.

Die geschwächten Kirchen wurden einer Vielzahl von Beschränkungen unterworfen. Prozessionen wurden genehmigungspflichtig – und Genehmigungen dafür nicht erteilt. Kirchen wurden nicht geschlossen, sondern dem Verfall überlassen. Christen wurden verhaftet, nicht per se weil sie Christen waren, sondern weil ihr Einsatz für Freiheitsrechte als »konterrevolutionär « galt. Eine unbekannte Zahl wurde ab 1965 in vom Militär betriebene Umerziehungs- und Arbeitslager eingeliefert. Dort wurden auch Zeugen Jehovas, die den Militärdienst verweigerten, politische Gefangene und eine große Zahl von Homosexuellen, die in das neue, das heißt »saubere« Kuba nicht passten, festgehalten. Für viele Theologen wurden die Lager zu ersten Orten ökumenischer Begegnung. Unter den Häftlingen war auch Jaime Ortega y Alamino, der spätere Erzbischof von Havanna.

Die vorherrschende Form des Umgangs mit den Kirchen war keineswegs der Terror, sondern – weit wirksamer – die Willkür der Behörden. Die Kirchen wurden im Ungewissen darüber gelassen, welchen Handlungsspielraum sie besaßen. In den 1960er-Jahren lebte die katholische Kirche in Kuba in jeder Hinsicht von der Substanz. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Einige protestantische Kirchen mochten sich nicht auf die Alternativen »Emigration« oder »inneres Exil« festlegen. Als einen dritten Weg bemühten sie sich, Theologie und kirchliche Praxis unter geänderten Verhältnissen neu zu denken. Jenseits der Theologenzirkel fand solches Bemühen jedoch kaum ein Echo.

Der erste Nationale Kongress für Bildung und Kultur im April 1971 definierte erstmals die Grundzüge revolutionärer Kirchenpolitik: Staat und Kirchen sind strikt getrennt; die Revolution respektiert den Glauben als ein individuelles Recht; die Toleranz endet, wenn Kirchen sich gegen die Revolution stellen; als »Waffe« zur Zurückdrängung der Religion dient »die wissenschaftliche Unterweisung in der Schule«. Das auf dem ersten Parteitag der Kommunistischen Partei 1975 verabschiedete Parteistatut schloss Christen von der Mitgliedschaft aus. Den Vorgaben des Parteitages folgte die sozialistische Verfassung vom 24. Februar 1976. Sie bestätigte »das Recht jedes Einzelnen, sich zu jedwedem Glauben zu bekennen und diesen zu praktizieren« – mit einem entscheidenden Zusatz, der der staatlichen Religionspolitik viele Möglichkeiten eröffnete, religiöse Freiheit zu beschränken: »innerhalb der Grenzen der revolutionären Ordnung«.

Für Touristen sind die bunten Oldtimer auf den Straßen Havannas ein beliebtes Fotomotiv. Der Pauschaltourismus im Land nimmt zu, Hotelressorts an den Küsten boomen.
FOTO: KNA-BILD

Zusammenbruch der Sowjetunion

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete die sowjetische Alimentierung Kubas. Statt einer Öffnung seines Landes versuchte es Castro in den 1990er-Jahren zunächst mit einer Strategie der Abschottung nach außen. Die Kehrseite der Medaille war die Erhöhung des Drucks nach innen. Darauf, dass Castro jegliche Veränderung ablehnte, reagierte der Großteil der Bevölkerung nicht etwa mit einem Aufstand. Aufgrund einer über Jahrzehnte erfahrenen Wehrlosigkeit flüchtete sie in Apathie. In dieser Situation verzichtete die Partei auf ein härteres Vorgehen gegen die Kirche, sie versuchte im Gegenteil, sie zu vereinnahmen. Der vierte Parteitag im Oktober 1991 beschloss, dass auch engagierte Christen in die Partei eintreten können. Die Verfassung folgte getreulich der Wegweisung der Partei und wurde im Folgejahr geändert: Seither ist Kuba kein atheistischer Staat mehr, sondern nur noch ein säkularer.

Die neue Erfahrung, mehr gebraucht als bekämpft zu werden, ermutigte die Bischofskonferenz, nicht mehr bloß zur Lage der Christen und der Kirche Stellung zu nehmen, sondern – politisch weit brisanter – zur Lage ihres Landes überhaupt. Die Probleme, so die Bischöfe, ergäben sich nicht nur durch das Ende der sozialistischen Solidarität und die Wirtschaftsblockade (die sie verurteilten), sondern seien vor allem hausgemacht. Sie erinnerten daran, wie viele Familien durch die Auswanderung von Angehörigen zerrissen seien. Sie wiesen darauf hin, dass sich in der angeblich klassenlosen Gesellschaft die Kluft zwischen den Privilegierten und der Masse des Volkes vertiefe. Die Kirche widersprach der Behauptung staatlicher Organe, es gebe »völlige Religionsfreiheit«. Sie verwies darauf, dass dieser Begriff mehr meine als die Erlaubnis, Gottesdienst zu feiern. Die Bischöfe verlangten zum Beispiel: die Diskriminierung von Christen in all ihren Formen zu beenden; den Kirchen Platz in den Medien einzuräumen; dass Eltern über die Art der Erziehung ihrer Kinder bestimmen könnten; die Wiedereröffnung kirchlicher Schulen und Kindergärten; dass das Amt für religiöse Angelegenheiten der Partei aufhöre, die Kirche zu kontrollieren. In der Diskussion darüber, wie weit man mit den Forderungen gehen und wie klar die Kirche gesellschaftliche Fragen ansprechen könne, gab und gibt es eine beträchtliche Spannweite der Positionen zwischen den Bischöfen.

Von großer Bedeutung war der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Januar 1998. Die Ankündigung der Reise beflügelte die Katholiken so sehr, dass Tausende von ihnen das Bild der Patronin Kubas von Tür zu Tür trugen und allen Haushalten das Markusevangelium überreichten. Die Parteiführung war nervös: Was könnte der Papst sagen? Wie würden die Massen darauf reagieren? Castro bemühte sich nach dem Papstbesuch darum, die Hoffnung auf eine Öffnung des Regimes, die damals zum Ausdruck kam, zu dämpfen. Doch der Versuch, die Uhr zurückzustellen, scheiterte. Durch den Papstbesuch gewannen die Katholiken so viel Selbstbewusstsein, dass sich in den Folgejahren weitere Zugeständnisse nicht mehr vermeiden ließen.

Spielräume heute

Auch die Kubareisen von Papst Benedikt XVI. 2012 und Papst Franziskus 2015 stärkten das Ansehen der katholischen Kirche in der kubanischen Gesellschaft. Häufigere Kontakte von Kardinal Alamino und weiterer Bischöfe mit kubanischen Regierungsvertretern verbesserten das Verhältnis zum Staat. Die Regierung gab der Kirche verschiedene Grundstücke zurück, in den vergangenen Jahren wurde erstmalig seit der Revolution die Erlaubnis zum Bau neuer Kirchen erteilt. Missionare können heute ohne Probleme einreisen, und neue Ordensgemeinschaften können sich niederlassen. Liturgie und Katechese sind innerhalb kirchlicher Räume möglich, auch Prozessionen sind wieder erlaubt. Etwa zehn Prozent der Katholiken nehmen am kirchlichen Leben teil. Die katholische Kirche weitete ihre karitative Arbeit aus, insbesondere in der Katastrophenhilfe und in der Versorgung alter Menschen. Sie publiziert mehrere interne Zeitschriften. Bildungsangebote sind in begrenztem Umfang möglich, soweit sie nicht mit dem offiziellen Bildungssystem des Staates kollidieren.

Mangels Räumlichkeiten treffen sich die Mitglieder der katholischen Kirche häufig in privaten Räumen in kleinen Gruppen. Mittlerweile ist es möglich, solche Häuser oder Wohnungen auch als rein kirchliche Häuser zu nutzen. Da es nur wenige Priester und Ordensschwestern gibt, kommt engagierten Laien eine wichtige Bedeutung zu. Sie werden geschult und übernehmen einen Gutteil der pastoralen Aufgaben in den Gemeinden und Pfarreien. Die katholische Kirche vermisst die Möglichkeit zur Gründung von Schulen und Hochschulen. Außerdem hat sie Interesse, stärker in den Medien präsent zu sein und eigene Sender aufzubauen. Schwierigkeiten gibt es, wo sich kirchennahe Gruppen oder Kirchen, wie etwa die »Pastoren für den Wandel«, der Opposition anschließen oder Meinungen vertreten, die in Opposition zur offiziellen Politik stehen. Konflikte gibt es auch bei der Realisierung nicht genehmigter Bauvorhaben oder der öffentlichen Ausübung religiöser Tätigkeiten, die nicht genehmigt sind. Die kubanische Verfassung garantiert viele Grundrechte, etwa die Kunstfreiheit, die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit, allerdings mit der Einschränkung, dass deren Ausübung nicht gegen die Revolution oder die sozialistischen Ziele gerichtet sein darf. Die Grenzen liegen da, wo das bestehende System in Frage gestellt wird.

MARTIN HAGENMAIER
Stellvertretender Leiter der Projektabteilung und verantwortlich für den Länderbereich Kuba bei Adveniat
MICHAEL HUHN
Historiker und Länderreferent bei Adveniat

Ausgabe 6/2018

Papst Franziskus im Gespräch mit Fidel Castro am 20. September 2015 während seines Besuches in Kuba.
FOTO: KNA-BILD

ANMERKUNG

Der Artikel stellt eine gekürzte und leicht veränderte Fassung des missio-Länderberichts zur Religionsfreiheitin Kuba dar. Vgl. Hagenmaier, Martin/Huhn, Michael, Religionsfreiheit: Kuba, in: Internationales Katholische Missionswerk missio e.V. (Hrsg.), Länderberichte Religionsfreiheit (Heft 40), Aachen 2018.

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