»Missionarische Jüngerschaft« In den Spuren der Konferenz von Medellín (1968) corner

»Missionarische Jüngerschaft«

In den Spuren der Konferenz von Medellín (1968)

MARGIT ECKHOLT

2018 wurde vielerorts das 50-jährige Jubiläum der zweiten Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Medellín begangen. Der Rückblick auf die Entwicklungen von Medellín über Puebla und Aparecida bis zum apostolischen Schreiben Evangelii gaudium von Papst Franziskus macht deutlich: Die Konferenz von Medellín ist nicht nur für Lateinamerika, sondern für die gesamte Weltkirche bedeutsam und stellt einen wichtigen Schlüssel dar, um das Pontifikat von Franziskus zu interpretieren.

Papst Paul VI. eröffnete am 24. August 1968 in der Kathedrale von Bogotá die zweite Generalversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates. Zwei Tage später setzten die Bischöfe ihre Tagung in Medellín fort.
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Von Medellín zu Papst Franziskus – die prophetische Stimme der Kirche erinnern

Vom 26. August bis 6. September 1968 fand in Medellín/Kolumbien die zweite Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats statt: für die lateinamerikanische Kirche der Ausgangspunkt für ein neues ortskirchliches Bewusstsein und den spannenden und schmerzhaften Prozess des Aufbrechens einer in koloniale Strukturen der »cristiandad« (»Christenheit«) und mit den Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verwobenen Kirche hin zu einer Kirche an der Seite der Armen, der Ausgeschlossenen, der um ihre Rechte gebrachten Campesinos oder Arbeiter.

»Als Hirten mit einer gemeinsamen Verantwortung möchten wir uns mit dem Leben aller unserer Völker verpflichtend verbinden in der angstvollen Suche nach geeigneten Lösungen für ihre vielfachen Probleme«, so die lateinamerikanischen Bischöfe in der Botschaft an die Völker Lateinamerikas, die den Entschließungen der Konferenz vorangestellt ist. »Unsere Sendung ist es, zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen und der Gemeinschaften des Kontinents beizutragen.« Die Bischöfe benennen die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, »Hunger und Elend, Massenerkrankungen und Kindersterblichkeit, Analphabetismus und Marginalität, enorme Lohnunterschiede und Spannungen zwischen den sozialen Klassen, Anfänge der Gewalt und geringe Teilnahme des Volkes in Fragen des Gemeinwohls«, Herausforderungen, die sich in den 1970er-Jahren angesichts der autoritären Regime in Ländern wie Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile und Uruguay zuspitzen und die in Medellín getroffenen Optionen auf einen harten Prüfstand stellen werden. Priester, Ordensleute und Laien an der Seite der Armen werden als Kommunisten verschrien, werden verfolgt, gehören zu den Verschwundenen und ums Leben Gebrachten, vom Volk als Märtyrer verehrt. Bischöfe wie Oscar Arnulfo Romero von San Salvador, Enrique Ángel Angelelli von La Rioja/Argentinien oder Juan José Gerardi Conedera von Guatemala-Stadt, die sich an die Seite des Volks gestellt haben und der Gewalt von Militärs beziehungsweise Paramilitärs zum Opfer fallen, werden in kirchlichen Kreisen eher ausgegrenzt. Der lateinamerikanische Bischofsrat (CELAM) nimmt mit der Wahl von Bischof Alfonso López Trujillo zum Generalsekretär (1972) und dann zum Präsidenten des CELAM (1979–1983) Abstand von den ausgeprägten sozialen und politischen Optionen der Konferenz von Medellín; ein Konflikt, der sich im Vorfeld der dritten Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Puebla (1979) und dann Mitte der 1980er-Jahre in den Debatten um die Theologie der Befreiung zuspitzt. Es wird erst Papst Franziskus sein, der den Weg des Werdens der lateinamerikanischen Ortskirche, wie er von den Bischöfen in den Konferenzen von Puebla, Santo Domingo und Aparecida weiter ausgeprägt worden ist, wieder an Medellín rückbindet und damit an das prophetische Lehramt der Bischöfe erinnert, die Stimme der Kirche an der Seite der Armen zu sein, die notwendige strukturelle Reformen einfordert und sich auch selbst davor nicht verschließt.

So wird in den 50-Jahr-Feiern der Konferenz von Medellín auf den verschiedenen lateinamerikanischen Tagungen, die von Mexiko über El Salvador und Bogotá bis Santiago de Chile im Jahr 2018 durchgeführt werden, der Zusammenfall dieser Erinnerung mit dem ersten Pontifikat eines Papstes aus Lateinamerika als ein »Ereignis des Geistes« herausgestellt. Es knüpft an die Ekklesiogenese des Zweiten Vatikanischen Konzils und an den Paradigmenwechsel hin zu einer sich in globalen und pluralen Gesellschaften neu positionierenden Weltkirche an, deren erster Dienst die Verkündigung des Evangeliums und der Dienst an den Armen und Ausgegrenzten ist. Der von Papst Franziskus im letzten Konsistorium neu gekürte peruanische Kardinal Pedro Ricardo Barreto Jimeno hat in seinem Beitrag auf der vom CELAM ausgerichteten Tagung in Medellín (August 2018) gesagt, dass »die Wahl von Franziskus, dem ersten lateinamerikanischen Papst, die Frucht der ganzen Geschichte der lateinamerikanischen Kirche ist, in Treue nicht nur zu den Orientierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern auch und in grundlegender Weise in Treue zu einem leidenden Christus, einem gestorbenen und auferstandenen Christus«. Das Konzil, die Konferenz von Medellín und das Pontifikat von Franziskus werden von Kardinal Barreto miteinander verknüpft als »Zeichen der Erneuerung und der Reform, die wir in der Kirche erleben und die wir stärken müssen«.

Darum hat die Erinnerung an die 50 Jahre der Konferenz von Medellín nicht nur Bedeutung für die lateinamerikanische Kirche, sondern für die Weltkirche und die Interpretation des Pontifikats von Franziskus, der von Beginn an den sozialen Auftrag des Evangeliums auf den Spuren seines Namenspatrons Franz von Assisi in das Zentrum stellt. Die erste Reise nach Lampedusa und die Begegnung mit Geflüchteten und Gestrandeten, die Fußwaschung in einem römischen Gefängnis, das Teilen der Mahlzeiten mit Wohnsitzlosen in Rom sind nur wenige ausdrucksstarke Zeichen dieser sozialen Orientierung. Wenn er dies – im Anschluss an die letzte Konferenz des lateinamerikanischen Episkopats in Aparecida (2007), in der er als Mitglied des Leitungsteams des CELAM und Vorsitzender der Redaktionskommission des Tagungsdokuments Verantwortung getragen hat, – mit dem Thema der »missionarischen Jüngerschaft« und der Mission verbindet, so geht es ihm um eine grundlegende Erneuerung der Kirche aus den Quellen des Evangeliums, eine Mission, die sich an Leben und Lehre Jesu – vor allem an der Friedensbotschaft seiner Bergpredigt – orientiert. Hier steht er in der Nachfolge Papst Pauls VI., dessen soziales Pontifikat in Europa angesichts der Debatten um Humanae vitae (1968) in den Hintergrund getreten ist, dessen Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (1975) für die Kirchen des Südens jedoch von zentraler Relevanz gewesen ist und den Prozess des Werdens der Lokalkirchen und der notwendigen Inkulturation des Evangeliums begleitet hat. Mit seinem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (2013) wird Papst Franziskus direkt an diesen Weg anknüpfen.

Die zweite Generalversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates bei einer Arbeitssitzung in Medellín.
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Vom Zweiten Vatikanischen Konzil zu Medellín – Paul VI. und die »Option für die Armen«

Die Konferenz von Medellín ist ein »Ereignis des Geistes« in der lateinamerikanischen Kirche, wie es das Zweite Vatikanische Konzil für die Weltkirche gewesen ist. Die Bedeutung von Medellín liegt aus heutiger Perspektive gerade darin, dass die Konferenz ein Ausdruck für die »Konkretisierung« des Welt-Kirche-Werdens auf dem Konzil ist. Das Konzil hat Armut als »Zeichen der Zeit« benannt und diesen Weg der Armut in christologischer Perspektive in das Herz der Kirche eingeschrieben (vgl. Lumen gentium 8), aber es hat die Armut nicht, wie es Wunsch von Kardinal Lercaro war, zu »dem« Thema des Konzils werden lassen. Auf dem Konzil haben sich – im Geist von Charles de Foucauld und inspiriert durch den französischen Arbeiterpriester Paul Gauthier und den brasilianischen Bischof Dom Hélder Câmara – die Bischöfe des Südens zur Gruppe »Kirche der Armen« zusammengefunden und kurz vor Abschluss des Konzils den »Katakombenpakt« unterzeichnet, eine Selbstverpflichtung zu einem Leben in der Nachfolge des armen Jesus. Sie sind intensiv von Papst Paul VI. begleitet worden, der seit seinem Einsatz für Flüchtlinge und Verfolgte im Dienst von Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs weltkirchliche Interessen verfolgte, mit Dom Hélder Câmara seit den 1950er-Jahren in Kontakt stand und dann zur Eröffnung der Konferenz von Medellín als erster Papst vom 22. bis 24. August 1968 nach Lateinamerika reiste. In seiner Predigt zum Abschluss des Konzils hat Paul VI. unter Rückgriff auf Joh 13,35 und 1 Joh 4,20 (»… wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht«) die christologische Spur für die Beurteilung der »Option für die Armen« ausgelegt, die dann von Kirche und Theologie in Lateinamerika aufgegriffen wird: »… die alte Erzählung vom Samaritan…(wurde) zum Beispiel und zur Norm für die geistige Haltung des Konzils (…). Ein gewaltiges Mitgefühl hat es völlig durchdrungen. Das Aufspüren und Erwägen der menschlichen Not – sie ist umso größer, je größer der Sohn der Erde sich aufspielt – hat die Aufmerksamkeit unserer Synode ganz und gar in Anspruch genommen.« »Im Antlitz eines jeden Menschen – zumal wenn es durch Tränen und Leiden durchsichtig geworden ist – (können und müssen wir) das Antlitz Christi, des Menschensohnes, erkennen« (vgl. Mt 25,40). Deshalb »wird unser Humanismus zum Christentum, und unser Christentum wird theozentrisch; so sehr, dass wir auch sagen können: Um Gott zu kennen, muss man den Menschen kennen«. In den Armen begegnen wir Christus. Das ist die theologische Qualität des »Zeichens der Zeit« der Armut, das die lateinamerikanische Kirche auf ihrer Konferenz in Medellín in das Zentrum stellen wird und damit die Pastoralkonstitution Gaudium et spes in die konkrete Realität Lateinamerikas übersetzt: Es geht um die Präsenz Gottes im »Heute« und wie angesichts der Bedrohung des Menschlichen in Situationen von Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit auf neue Weise von Gott gesprochen und das Evangelium bezeugt werden kann. Paul VI. wird in diesem Sinn den Impuls für die Gründung von »Justitia et Pax«, dem Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden geben, ebenso wie für die Initiative der Weltfriedensgebete. Und er wird, angestoßen von Don Manuel Larraín Errazuriz, dem Bischof von Talca/Chile, und Bischof Antonio Samorè (von 1967 bis 1983 Präsident der 1958 gegründeten Päpstlichen Kommission für Lateinamerika) in der Audienz für die lateinamerikanischen Bischöfe am 23.11.1965 kurz vor Abschluss des Konzils zur Vorbereitung einer zweiten Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats aufrufen, die in Verbindung mit dem Eucharistischen Kongress 1968 in Medellín stattfinden solle. Gerechtigkeit und Frieden sind für Paul VI., so der Kirchenhistoriker Johannes Meier, die »Ecksteine für die Mission der Kirche«, und daran wird Papst Franziskus anknüpfen und damit das soziale Lehramt von Paul VI. in den Vordergrund stellen. Am 24. August 1968 bei seiner Ansprache in San José de Mosquera, 25 km von Bogotá entfernt, vor mehr als 300.000 Campesinos und Tagelöhnern hat Paul VI. an seine Predigt zum Abschluss des Konzils angeknüpft: In den Armen kann das Bild Christi erkannt werden, »ihr seid Christus für uns«, so der Papst. Dies wird zum Leitmotiv des neuen Wegs der lateinamerikanischen Kirche: in Medellín erster Ausdruck einer Kirche an der Seite der Armen und im Dienst von Frieden und Gerechtigkeit, in den Dokumenten von Puebla (1979) und Santo Domingo (1992) dann weiter entfaltet im Blick auf die vielen Gesichter der Armen und Ausgegrenzten, der jungen Menschen, Frauen, Arbeiter, der Campesinos und Indígenas, und von Papst Franziskus im starken Sinne erinnert und damit neu in das Herz der Weltkirche gestellt.

»Die Kirche, dienend und arm, Dienerin der Armen. Ich werde nicht müde zu wiederholen: Es ist eine große Liebe, in unserer voller Ungerechtigkeit steckenden Zeit Gerechtigkeit zu üben. Und die große Armut für die Kirche besteht darin, es hinzunehmen, schlecht beurteilt zu werden, ihren guten Ruf zu riskieren, ihr Ansehen zu verlieren. Als subversiv, als revolutionär, vielleicht als kommunistisch behandelt zu werden. Das ist, in der Zeit, in der wir leben, die Armut, die Jesus von seiner Kirche fordert…«, so Dom Hélder Câmara in einer Auslegung von Mt 20, 24 –28, die auch das Schicksal der mit Medellín verbundenen Theologie der Befreiung skizziert. Gustavo Gutiérrez hat 1968 in einem Vortrag in Chimbote zum ersten Mal den Begriff der »Theologie der Befreiung« geprägt; ihm – und mit ihm anderen Theologen wie Ronaldo Muñoz (Chile), Juan Luis Segundo (Uruguay), José Comblin (Belgien/ Brasilien), João Batista Libanio (Brasilien), Leonardo und Clodovis Boff (Brasilien), Ignacio Ellacuría und Jon Sobrino (El Salvador) – geht es um eine neue Art, Theologie zu treiben, als »kritische Reflexion auf die geschichtliche Praxis«, als »befreiende Theologie«, die der Kirche hilft, »ihren Auftrag zu einer befreienden Verkündigung des Evangeliums in der Geschichte zu erfüllen« (Clodovis Boff). Die befreiungstheologischen Entwürfe knüpfen an den methodischen Dreischritt des »Sehens, Urteilens und Handelns« an, setzen bei der konfliktiven Realität des lateinamerikanischen Kontinents – bei Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Armut – an und legen von dort her eine neue Weise, von Gott zu sprechen, vor. Ordenschristen, Priester und Laien entscheiden sich für ein Leben an der Seite der Armen, sie entdecken hier Jesus Christus neu. Nachfolge Christi ist, so P. Carlos Palmés SJ, langjähriger Vorsitzende der CLAR, der Vereinigung der lateinamerikanischen Ordensgemeinschaften, auf der Tagung des Stipendienwerks Lateinamerika-Deutschland in Bogotá zur Erinnerung an die Konferenz von Medellín (August 2018), »Nachfolge des armen und gedemütigten Jesus, der sich für die Armen einsetzt«, ein Weg, der dem Jesuiten Jorge Mario Bergoglio – der spätere Papst Franziskus – sehr vertraut ist. Zur Verkündigung Jesu Christi gehöre es, so Palmés, die »institutionelle Gewalt« beim Namen zu nennen und Entwicklung, Gerechtigkeit und Befreiung zu fördern. Indem die lateinamerikanische Kirche in ihrer »Option für die Armen« selbst den Weg der Armut geht, radikalisiert sie die »Entdeckung« der Welt auf dem Konzil. Die »Inkarnation« in die Welt hinein wird zu einer Entäußerung, in der der ursprüngliche Sinn des Evangeliums neu entdeckt wird und ihm in den verschiedensten Formen der Praxis auf der Seite der Armen und Ausgegrenzten, bis hin zum Martyrium, zur Hingabe des Lebens, neue Ausdrucksgestalten gegeben werden. Der Weg der Kirche von Medellín ist der Weg einer neuen Entdeckung Amerikas, in dem das, was durch die Eroberung »verdeckt« worden ist, aufgedeckt wird und eine heilende Rückbesinnung auf die Geschichte und das Leid der eroberten Völker möglich sein wird. Papst Franziskus wird daran anknüpfen und diese dekoloniale Perspektive der Kirche Europas und des Westens in das Herz schreiben.

Gottesdienst in Medellín mit Papst Paul VI. während seiner Reise nach Kolumbien und auf die Bermudas im August 1968.
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Von Papst Franziskus zur Ekklesiogenese einer Weltkirche

Mit der Wahl des Jesuiten Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 zum Nachfolger von Papst Benedikt XVI. ist eine Vision konkret geworden, die lateinamerikanische Theologen wie Leonardo Boff schon seit Längerem formuliert haben: Ein »Papa-pastor « sei für die Kirche notwendig, kein Papst, der aus der römischen Kurie hervorgehe, sondern aus einer Kirche, in der circa 40 Prozent der Katholiken weltweit leben und die durch ihren kreativen Weg der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils die soziale Mission der Kirche, die »Option für die Armen«, in das Zentrum gestellt hat und in der »Cardenales-pastores« kirchliche Verantwortung übernommen haben, den Menschen nah, von einer befreienden Spiritualität geprägt und in verschiedene Projekte einer »pastoral social« und »pastoral popular« eingebunden. Dieser Vision entsprechend regt Papst Franziskus zu einem Reformprogramm an, das sich an den missionarischen und pastoralen Dynamiken der lateinamerikanischen Ortskirche orientiert und das das Ende einer eurozentrisch geprägten Kirche bedeutet. Alle Ortskirchen ruft Papst Franziskus auf, »kreative Quelle« (Gustavo Gutiérrez) eines neuen Handelns zu sein in einer sich wandelnden Weltgesellschaft und kirchliche Strukturen auszuprägen, die in der eigenen lokalen Realität verwurzelt sind. Was Zentrum, was Peripherie ist, wird durch den Papst aus dem Süden »durcheinandergewirbelt«, im Sinne eines neuen missionarischen Kirche-Seins in der einen, globalisierten, von verschiedensten Spannungen geprägten Welt. Auf den Spuren des Wanderpredigers Jesus von Nazareth, an der Seite der Armen und Ausgegrenzten, ermutigt und mahnt Papst Franziskus die Kirche, »aus sich« herauszugehen, ihre Selbstreferentialität aufzubrechen, um dem Evangelium Jesu Christi Raum zu geben. Selbstbesinnung und Bekehrung im Dienst eines neuen Hervortretenlassens der Kraft des Evangeliums, die in der Barmherzigkeit Gestalt annimmt, und der Aufruf zu einem damit verbundenen kirchlichen Strukturwandel bringen die römische Kirche und die Kurie in eine Bewegung. Der Widerstand, der sich gegen Papst Franziskus formiert, hat mit diesen »tektonischen Verschiebungen« zu tun, dem Aufbrechen einer eurozentrisch geprägten römischen Kirche und dem Realisieren der weltkirchlichen Aufbrüche des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Darum ist die lebendige Erinnerung an das Ereignis von Medellín nicht nur ein lateinamerikanisches Anliegen, sondern hat weltkirchliche Relevanz. Es steht für eine Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils, die den kirchlichen Erneuerungsprozess aus der Tiefe des Evangeliums mit der sozialen Mission der Kirche im Dienst der Menschwerdung – von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – ver- bindet. Der missionarische Aufbruch, den Papst Franziskus von Anfang an in das Zentrum seines Pontifikats stellt, knüpft an diesen kirchlichen Erneuerungsprozess an. Wenn er im Anschluss an die Konferenz von Aparecida von »missionarischer Jüngerschaft« spricht, geht es ihm um ein Hineinwachsen des ganzen Volkes Gottes in einen lebendigen Glauben und ein tatkräftiges Christuszeugnis. So ist dieser Aufruf zur »Mission« – im Sinne einer Selbstbekehrung – auf den Spuren der Konferenz von Medellín und des Apostolischen Schreibens von Paul VI. Evangelii nuntiandi mit einer hellsichtigen Analyse der »Zeichen der Zeit« verbunden, mit dem Aufbruch aus einer »kolonialen Mentalität « und einer Ekklesiogenese, die sich vom Geist Gottes tragen lässt. »Die Kirche«, so hat der peruanische Theologe Gustavo Gutiérrez – Berater auf der Konferenz von Medellín – dies in einem seiner vielen Beiträge zum neuen Weg der lateinamerikanischen Kirche geschrieben, »erfährt die Konsequenzen dessen, sich in einer Welt tiefgreifender und entscheidender Veränderungen zu befinden. Sie selbst wird auf unbekannten Wegen gehen müssen, eine Wendung nehmen müssen, ohne im Voraus zu wissen, auf welche Risiken und Hindernisse sie stoßen wird.« Und so wird es auch nicht darum gehen, »die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils oder von Medellín ängstlich vor fehlgehenden Interpretationen zu schützen. Was zählt, ist ihre Exegese in den Ereignissen, ihre Wahrheit muss in der alltäglichen Existenz der Christen verifiziert werden. « Die Verkündigung des Evangeliums – die Mission der Kirche – ereignet sich immer in der Geschichte und in ihrer Orientierung am Weg der Menschwerdung Jesu Christi und seiner frohen Botschaft für die Armen, und so ist sie mit dem Einsatz für eine gerechte Gesellschaft und der Notwendigkeit eines kirchlichen Strukturwandels verbunden. Dazu gehören weltweit, aber auch in Lateinamerika, das von einer immer stärkeren Säkularisierung in Ländern wie Argentinien, Chile oder Mexiko geprägt ist, und einer Zunahme der Pfingstbewegung in Brasilien, den Andenländern und Mittelamerika, eine größere Offenheit für Ökumene und interreligiösen Dialog und neue ekklesiologische Strukturen, die Frage nach Ämtern für Laien und für Frauen und eine Entscheidung im Blick auf die »viri probati«, wie sie im Prozess der Vorbereitung der Amazonassynode (2019) diskutiert wird. Die lebendige Erinnerung an die Konferenz von Medellín gibt dafür eine Orientierung.

MARGIT ECKHOLT
Dr. theol., Professorin für Dogmatik mit Fundamentaltheologie am Institut für katholische Theologie der Universität Osnabrück und Leiterin des Stipendienwerks Lateinamerika-Deutschland e.V.

Ausgabe 6/2018

Papst Franziskus hat im September 2017 Medellín besucht. Vor Beginn des Gottesdienstes warteten viele Gläubige ungeduldig auf den Papst.
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Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst Franziskus, ist als Erzbischof von Buenos Aires 2009 unterwegs mit »Padre Pepe«. Der Priester setzt sich für die Armen in den Slums ein und ist ein wichtiger Gesprächspartner für Bergoglio.
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