Zum Hören aufgerufen Papst Franziskus entfaltet eine missionarische Spiritualität corner

Zum Hören aufgerufen

Papst Franziskus entfaltet eine missionarische Spiritualität in »Evangelii gaudium«

VIRGINIA R. AZCUY

Evangelii gaudium, Freude des Evangeliums, ist das erste apostolische Schreiben von Papst Franziskus. Es wurde am 24. November 2013 veröffentlicht und trägt den Untertitel »Über die Verkündigung des Evangeliums in derWelt von heute«. Franziskus vertieft darin die Grundlage jeder Verkündigung: das Hören. Nur wer auf dasWort hört und das »Ohr beim Volk« hat, kann das Wort verkündigen. Ein zentraler Gedanke aus Evangelii gaudium, den man nicht überhören sollte.

Die senegalesische Schwester Christine Ngom hört einer Frau im Dorf N’doffane zu. Sie kennt die Geschichten vieler Mädchen und Frauen, die unter weiblicher Genitalverstümmelung leiden.
FOTO: FRITZ STARK

Mit der Aufnahme des Zweiten Vatikanischen Konzils sind in Lateinamerika und der Karibik viele Veränderungsprozesse in Gang gesetzt worden. Sowohl Bischöfe als auch Theologinnen und Theologen diskutieren seitdem auch darüber, wie Mission und Verkündigung heute zu verstehen sind: nicht mehr im Sinne eines kolonialistischen Verständnisses von »Missionen« beziehungsweise Missionsgebieten, sondern dynamisch, als ein beständiger Zustand »missionarischer Jüngerschaft«. Dies betont auch das Abschlussdokument der Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats von Aparecida (2007), an dem der damalige Erzbischof von Buenos Aires und Vorsitzende der argentinischen Bischofskonferenz, Kardinal Jorge M. Bergoglio, maßgeblich beteiligt war. Franziskus vertieft diesen Gedanken einer missionarischen Spiritualität in Evangelii gaudium (EG): Als Getaufte sind wir gerufen, an die Ränder hinauszugehen. Doch um in den Geist der Verkündigung eintreten zu können, braucht es vor allem eins: das Hören.

»Ein Ohr beim Volk«

Alles beginnt mit dem Hören des Wortes. Wer zuhört, wird befähigt, das Evangelium zu verkünden, anderen zu begegnen und die Geschichte zu beurteilen (vgl. EG, Kap. 2 und 4). Indem wir hören, lernen wir so zu empfinden und zu sehen, wie Jesus selbst für sein Volk fühlte und es in den Blick nahm. Das Hören ist die Voraussetzung der Verkündigung: damit »die Herzen entfacht werden« (EG 142; 144). Dabei orientiert sich die Praxis des Hörens an den Schritten der Lectio divina, der lesenden Versenkung in Gott. Evangelii gaudium stellt die Heilige Schrift als den bevorzugten Ort der Begegnung mit der unfassbaren Freiheit des Wortes Gottes dar, die uns über unsere Prognosen und Schablonen hinausführt (vgl. EG 22).

Die Kapitel 3 und 4 von Evangelii gaudium weisen darauf hin, dass sich das Hören auf das Wort in Beziehung zur Schrift und zugleich in Verbindung mit der Geschichte vollziehen muss, damit es zum Nährboden einer nicht nur individuellen oder privaten Frömmigkeit, sondern einer auf die Verkündigung des Evangeliums hin orientierten Spiritualität (vgl. EG 152–155) wird. Für Papst Franziskus ist das Hören des Wortes mit dem kritischen Blick auf die Geschichte verbunden. Der Prediger richtet seine »Betrachtung auf das Wort Gottes und auch auf das Volk« (EG 154). Auf das persönliche Hören auf die Heilige Schrift folgt das »soziale« Hören des Schreis der Allerärmsten und Leidenden der Menschheit. Das bedeutet, dass das Hören desWortes sich nicht in einer individuellen oder kirchlichen Spiritualität des Lesens der Heiligen Schrift erschöpfen darf, sondern dass es den Dialog mit den Kulturen und das Lesen der Zeichen Gottes in der Geschichte eröffnen muss. Die Zwischenüberschrift der Nummern 154 bis 155 von Evangelii gaudium lautet: »Ein Ohr beim Volk«. Dies erinnert an den Ausdruck, den der argentinische Bischof Enrique Angelelli geprägt hat: »Mit einem Ohr beim Evangelium und mit dem anderen Ohr beim Volk«.

Die soziale Dimension der Spiritualität

Die Formulierung »den Schrei der Armen hören« hebt die soziale Dimension der Spiritualität hervor. Im Text wird sie hauptsächlich in dem Unterabschnitt gebraucht, der mit »Gemeinsam mit Gott hören wir einen Schrei« überschrieben ist (EG 187–192). Diese Überschrift zeigt die theologische und spirituelle Grundperspektive der Darlegung an. Der Absatz, der das Thema der sozialen Integration der Armen einleitet, bietet ein christologisches Fundament, welches an eine zentrale Lehraussage von Aparecida (Fünfte Generalversammlung des Episkopats Lateinamerikas und der Karibik im Jahr 2007) erinnert: Die Option für die Armen ist eine unserem christologischen Glauben zuinnerst eingeschriebene Wahrheit (vgl. Aparecida 393; EG186). Das Hören des Wortes Gottes in der Schrift, in der Gemeinde und in der Geschichte erfolgt unter der Wirkkraft des Heiligen Geistes.

Das Hören auf den Schrei der Armen dient dazu, die persönliche, gemeinschaftliche und soziale Dimension einer Spiritualität gut miteinander zu verbinden, deren Zentrum das Wort Gottes, nämlich Christus, ist, der sich uns in der Schrift, in der Gemeinschaft des Glaubens und in der leidenden oder gekreuzigten Menschheit selbst hingibt. Den Schrei hören, bedeutet – spirituell betrachtet – Lernbereitschaft und Aufmerksamkeit für das Wirken der Gnade zugunsten der Armen. Diesem Schrei gegenüber taub bleiben heißt, sich vom Heilsplan Gottes abwenden. Die Radikalität dieses Kapitels von Evangelii gaudium ist von besonders prophetischer Art.

Schwester Imelda betreut tief im Regenwald Papua-Neuguineas Kleine Christliche Gemeinden. Vor Ort nimmt sie sich Zeit, auf die Sorgen und Nöte der Menschen einzugehen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Aus-sich-Herausgehen

Die Dynamik des Geistes und die Gnade bilden den »roten Faden« von Evangelii gaudium. Wie wird das Wirken des Geistes beschrieben? Vom Geist wird gesagt, »dass er in jede menschliche Situation und in alle sozialen Beziehungen einzudringen sucht« (EG 178), um sie mit seinem befreienden Wirken zu verändern. Was die Schrift und das Lehramt von Papst Franziskus lehren, lässt sich zusammenfassen in der Formel: Aus-sich-Herausgehen auf den Mitmenschen zu. Dieses Gebot dient als Unterscheidungskriterium für das spirituelle Wachstum als Antwort auf Gottes Gnade. Im Unterabschnitt »Treue zum Evangelium, um nicht vergeblich zu laufen « wird eine wichtige Verbindung zwischen dem Hören und der Barmherzigkeit hergestellt. Es wird gesagt: »Der Aufruf, auf den Schrei der Armen zu hören, nimmt in uns menschliche Gestalt an, wenn uns das Leiden anderer zutiefst erschüttert.« (EG 193) Im Hören auf den Schrei derer, die leiden, kann und muss sich die Barmherzigkeit einstellen. »… was der Heilige Geist in Gang setzt, ist nicht ein übertriebener Aktivismus, sondern vor allem eine aufmerksame Zuwendung zum anderen, indem man ihn als ›eines Wesens mit sich selbst betrachtet‹« (EG 199).

Option für die Armen als spirituelle Aufgabe

In der apostolischen Ermahnung von Papst Franziskus wird die Option für die Armen als eine »theologische Kategorie« (EG 198) beschrieben und auf die Quelle und den Gehalt dieser Option verwiesen: den dreieinigen Gott. Die Option für die Armen ist theologischer Natur, weil sie theozentrisch ist. Sie ist nicht von einer soziologischen Analyse hergeleitet und verdankt sich keiner sozialen Dringlichkeit, sondern Gott selbst ist ihr Fundament. Genau aus diesem Grund ist sie nicht unserem Belieben anheimgestellt, sondern im Evangelium verankert. Angesichts des Schreis, der sich aus den unterschiedlichen Formen von Ungerechtigkeit und sozialer Ungleichheit erhebt, treibt uns der Geist dazu an, hinzuhören und uns berühren zu lassen, damit Barmherzigkeit und Mitleid konkrete Gestalt annehmen. Aufgrund des Schreis der leidenden, armen und ausgegrenzten Menschen kann die Option für die Armen – abgesehen davon, dass sie auch eine Orientierung der Pastoral und eine theologische Perspektive darstellt – als eine spirituelle Aufgabe verstanden werden. Vereint mit dem Schrei des verlassenen Jesus am Kreuz gibt der Geist uns diese Option für die Gekreuzigten in der Hoffnung auf Auferstehung ein. Dies findet seinen Ausdruck in Jesus mitten unter uns. Die Armen sind ein bevorzugter Weg der Kirche, und die Option für die Armen stellt einen bevorzugten Weg der gemeinschaftlichen und sozialen Heiligkeit dar, der den universalen Heilswillen Gottes bekräftigt. Mit Aparecida und Evangelii gaudium kann man sagen, dass diese vorrangige Option für die Armen eine im Glauben selbst enthaltene Wahrheit darstellt. Zu bekennen, dass der Heilige Geist in allen wirkt, bedeutet, den Glauben in seiner verändernden Kraft in allem Menschlichen und Gesellschaftlichen zu bekräftigen (vgl. Aparecida 393; EG 178). Die soziale Dimension des Evangeliums ist ganz entschieden im Geheimnis des dreieinigen Gottes selbst verankert.

Der Taifun Haiyan Yolanda hat manchen Fischerfamilien auf den Philippinen alles genommen. Benediktinerschwestern wollen ihnen neue Perspektiven eröffnen und hören, was die Familien am nötigsten haben.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Kontemplation und Aktion Die Verkünder und Verkünderinnen des Evangeliums im Aufbruch sind dazu aufgerufen, die falsche Alternative zwischen Kontemplation und Aktion hinter sich zu lassen, um sich auf die Liebe zu konzentrieren. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten, die Liebe zu Gott und zum Volk wird in zwei grundlegenden christlichen Praxisformen konkret: der Praxis des Gebets als Begegnung mit Gott und der Fürbitte für die anderen als einer Art und Weise, das Gemeinschaftliche und Soziale miteinzubeziehen. Wenn die Stunde gekommen ist, verherrlicht der Sohn den Vater und gibt im selben Akt der Liebe das Leben für seine Freunde hin (vgl. Joh 17,1; 15,13). Die christliche Liebe erfordert eine kontemplative Haltung, die darin fruchtbar wird, dass man sich hingibt und zur Gabe wird. Ohne das Empfangen des Heiligen Geistes kann es im Handeln keine Gabe geben. Wenn die Verkünder und Verkünderinnen des Evangeliums keine kontemplativen Menschen mehr sind, dann ist ihr Tun ohne »Lunge« (EG 262). Papst Franziskus freut sich darüber, »dass in allen kirchlichen Einrichtungen die Gebetsgruppen, die Gruppen des Fürbittgebets und der betenden Schriftlesung sowie die ewige eucharistische Anbetung mehr werden« (EG 262). Doch er weist auch auf die folgende Herausforderung hin: »Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen religiösen Zuwendung zeigen.« (EG 200) Nicht nur der Gegensatz von Kontemplation und Aktion muss überwunden werden, sondern zugleich auch der zwischen dem Nächsten und dem Volk oder zwischen persönlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Es geht Franziskus um ein neues Zukunftsbild: um Räume des Gebets und der Gemeinschaft in der Stadt sowie einer Praxis der spirituellen Begleitung als einer anderen Weise des Hörens. Man kann hier an die zunehmende Lebendigkeit der spirituellen Zentren und zugleich deren Herausforderung denken, eine Perspektive der gesellschaftlichen Integration zu entwickeln.

Und welche Bedeutung hat das spirituelle Verlangen, Volk zu sein? Papst Franziskus spricht von der Notwendigkeit, dieses Empfinden zu kultivieren, um zu Verkündern und Verkünderinnen des Evangeliums aus tiefster Seele zu werden: »… nahe am Leben der Menschen zu sein bis zu dem Punkt, dass man entdeckt, dass dies eine Quelle höherer Freude ist« (EG 268). Er bittet uns, auf Jesus als Vorbild zu schauen und uns sein Empfinden zu eigen zumachen, damit wir uns tief in die Gesellschaft integrieren, das Leben mit allen in ihren Bedürfnissen teilen und uns mit denen freuen können, die sich freuen, und mit denen weinen können, die weinen (vgl. EG 269). Eine inklusive Spiritualität in gemeinschaftlichem und sozialem Sinne entscheidet sich für reziproke Beziehungen, schöpft Mut an den Rändern und testet Wege der spirituellen und pastoralen Begleitung der Einzelnen und der Massen aus. Die Losung »Liebe zu Gott und zum Volk« ist Ausdruck einer Mystik, die ihre gemeinschaftliche und soziale Ausrichtung vertiefen will.

VIRGINIA R. AZCUY
Dr. theol., Professorin für Dogmatik und Spiritualität an der Theologischen Fakultät der Pontificia Universidad Católica in Buenos Aires und Forscherin am Centro Teológico Manuel Larraín in Santiago de Chile
Aus dem Spanischen übersetzt von Bruno Kern

Ausgabe 6/2018

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