Segnen, beleben, aufrichten Spiritualität der Begegnung und Aufnahme corner

Segnen, beleben, aufrichten

Spiritualität der Begegnung und Aufnahme

ROSA RAMOS

Missionarische Spiritualität in einer komplexen und gespaltenen Welt braucht mehr als missionarischen Eifer und Sendungsbewusstsein: Sie muss die Begegnung, das Gebet und das Zuhören kultivieren, mutig sein, wenn es darum geht, Strukturen der Sünde zu benennen, und braucht die Offenheit, auch in anderen Kulturen und Lebensstilen Spuren der Frohen Botschaft zu erkennen.

Schwester Marie Frank bereitet in der Suppenküche der Mutter-Teresa-Schwestern in der südlichen Bronx in New York das Essen zu.
32 FOTO: KNA-BILD

Zum besseren Verständnis meiner Position muss ich klarstellen, dass ich diesen Beitrag von Uruguay aus schreibe. Das ist ein säkularisiertes Land mit einer starken laizistischen Tradition, womit es sich vom übrigen lateinamerikanischen Kontext unterscheidet. Kirche und Staat sind seit 100 Jahren getrennt, und dieser Zeit gingen 30 Jahre des Streits um die Macht voraus. Die Kirche Uruguays ist klein, arm und machtlos, also sehr frei. Das ist meiner Meinung nach gut, da wir Gläubigen diesen Glauben frei gewählt haben und ihn authentisch und engagiert leben, wobei wir den Laizismus und die Vielfalt innerhalb unseres Volkes respektieren.

Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch

Die vom Heiligen Geist durchdrungene Kirche hat die Auffassung des »Extra Ecclesiam nulla salus« überwunden und sich damit von dieser ebenso absoluten und überheblichen wie Angst einflößenden und fordernden Behauptung befreit. Wenn man diesen Paradigmenwechsel annimmt, dann bedeutet das nicht, dass man aufhört, die großmütige Hingabe so vieler Missionarinnen und Missionare im Laufe von zwei Jahrtausenden bis hin zum Blutzeugnis nicht mehr zu würdigen. In Treue zu ihrem Glauben und den Glaubensauffassungen ihrer Zeit haben sie ihre Kräfte nicht geschont und ihr Leben nicht für sich behalten. Sie gaben es vielmehr ganz und gar hin im Dienst der Sendung, die sie auf sich genommen haben. Es bedeutet auch nicht den Verzicht auf die Verkündigung der Frohen Botschaft von Jesus von Nazaret, des Mensch, Bruder und Heiland gewordenen Gottes.

Der Wert der Mission wird auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil herausgestellt, indem es eines seiner neun Dekrete der Missionstätigkeit der Kirche widmet. Darin weist es darauf hin, dass die Ursprungsquelle der Mission Gott selbst ist. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, dies entspricht ihrem Sein selbst (Lumen gentium 17; Ad gentes 2). Die Mission ist keine Tätigkeit, der sich einige zuweilen in fernen oder heidnischen Ländern widmen.

Mit der dogmatischen Konstitution Lumen gentium vollzieht die Kirche eine kopernikanische Wende, indem sie sich selbst als Volk Gottes versteht. Die gesamte Kirche ist also missionarisch, und jedes Glied dieser Kirche ist ein verantwortlicher, ausgesandter Zeuge. Der Ausruf des Paulus bleibt nach wie vor gültig: »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9,16) Papst Franziskus bekräftigt es in seiner ersten apostolischen Exhortatio: »Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selbst ›gebrandmarkt‹ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.« (Evangelii gaudium 273) Der Papst bestätigt nicht nur die »Aufgabe« der Mission, sondern indem er emphatisch die erste Person benutzt, verallgemeinert er diese Aufgabe. Er lädt insbesondere die Jugendlichen in diesem Jahr in der Botschaft für den Welttag der Missionen an Pfingsten dazu ein.

Die Auffassung von einer missionarischen und dienenden Kirche (Lumen gentium 1) muss der aktuellen Wirklichkeit gerecht werden: der Vorherrschaft eines Modells, das Ungleichheit unter den Menschen und Ausplünderung der natürlichen Ressourcen (Laudato si) hervorbringt; der Komplexität und vielfältigen Verflochtenheit der gesellschaftlichen Probleme; der kulturellen Vielfalt, der Säkularisierung usw.

Die Mission darf nicht nur davon ausgehen, dass die Epoche der Christenheit auf kirchlicher Ebene vorbei ist – oder mehr als 50 Jahre nach dem Konzil vorbei sein müsste. Sie muss auch von der Herausforderung einer Globalisierung ausgehen, die paradoxerweise das Nebeneinander verschiedener Welten und Kulturen im selben Gefüge von Raum und Zeit nicht verhindert: vormoderne, moderne und postmoderne; zufriedene, übersättigte und hungernde Gesellschaften; die skandalöse Gleichzeitigkeit eines Konsums im übersteigerten Maße und von Verteidigungskämpfen um das Recht zu leben. Diese Komplexität erfordert große Umsicht und Sensibilität, um sich der heutigen Zeit anzupassen – oder genauer gesagt: sich eben nicht anzupassen und eine im Wesentlichen prophetische Funktion der christlichen Sendung zu erfüllen.

Neben diesem Verständnis von Kirche als missionarischem Gottesvolk in einer komplexen und von religiösem Pluralismus gekennzeichneten Welt muss man nun aber von einer anderen grundlegenden Voraussetzung ausgehen:

Gläubige meditieren bei Sonnenaufgang im Zentrum für indische Spiritualität »Sameeksha« in Kalady im südindischen Bundesstaat Kerala. Der christliche Ashram wird von Jesuiten geleitet.
FOTO: KNA-BILD

Die Spiritualität ist ein Menschheitserbe

Die Spiritualität ist ein Erbe der Menschheit, nicht nur der Katholiken, ja nicht einmal nur der Christen. Dies anzuerkennen, bedeutet eine neue Grundlage für die Mission und für die missionarische Spiritualität.

Abgesehen von ihrer Religion oder ihrem nichtreligiösen Bekenntnis haben alle Menschen eine der konkreten Daseinsverfassung des Menschen selbst (conditio humana) innewohnende Spiritualität, von der her sie ihrem Leben Wert beimessen und es aufbauen. Es handelt sich um den Hauch – ruach, dynamis –, der jeden Tag in Bewegung versetzt, belebt und sowohl darin unterstützt, an den großen Taten der Menschheit teilzunehmen, als auch hilft, das Grau des Alltags anzunehmen. Die Spiritualität ist ein besonderes Licht, in dem man die Welt betrachtet, klar unterscheidet, bewertet und in ihr handelt. Sie ist die Art und Weise, wie man empfindet, liebt und lebt, die alle Beziehungen mit Leben erfüllt: die Beziehung zu Gott oder dem Transzendenten, zu den Mitmenschen, zur Natur, zur Geschichte (Welt des Menschen: Geschichte im Werden, Heilsgeschichte). Sie ist eine besondere Linse, die es möglich macht, das Licht aufzunehmen und zu reflektieren.

Prägnant hat es Jon Sobrino formuliert: »Die Spiritualität ist ein universales Erbe der Menschheit«.Aufgrund dieser Universalität des Begriffs kann man ihn mit dem des anthropologischen Glaubens von Juan Luis Segundo vergleichen. Der Glaube ist keine zwangsläufig religiöse Kategorie. »Er stellt eine vom Menschsein untrennbare Dimension dar, das, was wir die Suche nach Sinn nennen können, um das Leben zu leben.« Noch vor jedem religiösen, christlichen, jüdischen, islamischen Glauben gibt es einen anthropologischen Glauben, der einem jeden Menschen innewohnt und seinem Leben Sinn verleiht. Es handelt sich hierbei um eine Struktur bedeutender Werte, die dem Menschen Orientierung gibt und seinem konkreten Leben Bestand verleiht. Dieser anthropologische Glaube oder diese Spiritualität als Erbe der Menschheit kann man in den Menschen und Völkern mittels einer theologischen Hermeneutik entdecken, die in der Lage ist, selbst im Weltlichsten und »Profanen« die Gegenwart des Quellgrunds zu erkennen, aus dem sie emporsteigt. Diese Hermeneutik wäre eine grundlegende Aufgabe für die missionarischen Jüngerinnen und Jünger.

Missionarische Spiritualität heute

Es gibt Grundzüge der missionarischen Spiritualität, die man bleibende Merkmale nennen könnte wie etwa apostolischer Eifer, Sendungsbewusstsein, Verwurzelung in der Kirche, Leben aus den Sakramenten usw. (Ad gentes 24f.). Doch heute gälte es, noch weitere Grundzüge zu kultivieren. Denn den neuen ekklesiologischen Kategorien des Konzils zufolge ist es notwendig, ein aktualisiertes Verständnis der theologischen Anthropologie und eine profunde Bewertung der historischen Herausforderungen der Gegenwart hinzuzufügen.

Es geht um ein komplexes, schwieriges und ungewisses Heute, und dies nicht nur auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene. Um eine auch trügerische Gegenwart, in der das Leben, die Schönheit, das Glück gepriesen werden, in der jedoch viel Schmerz und Tod ausgesät werden, auch viel Leere, Sinnlosigkeit und selbst Zynismus, worauf die postmodernen Philosophen hindeuten.

In dieser globalisierten und pluralen Gesellschaft bedarf es einer missionarischen Spiritualität, die imstande ist, Heil, Sinn und Hoffnung zu vermitteln, die in der Lage ist, den »Wohlgeruch Christi« auszuströmen, ein »heiliges Öl«, das eine Frohe Botschaft für die Menschen ist – vor allem für jene, die am meisten leiden (Gaudium et spes 1) –, die dazu berufen sind, ihr Menschsein zu verwirklichen. Diese Menschwerdung wird auf der Grundlage einer Spiritualität möglich, die zur Kultur der Begegnung und der Aufnahme (Evangelii gaudium) und der Förderung der Menschenwürde (Evangelii nuntiandi) ermutigt. In diesem Kontext wird sich die Verkündigung vollziehen.

Heute ist es dringend an der Zeit, das Auftreten und den Stil Jesu, des Gesandten Gottes in der Geschichte, wieder zur Geltung zu bringen: Jesus ist dasModell eines Missionars – norma normans non normata (normierende Norm, die nicht mehr selbst normiert werden kann): in seiner Selbstentäußerung (Kenose: Phil 2,6ff.), in seiner gemeinschaftsstiftenden Funktion (Koinonia: Mk 10,45), in seiner Verkündigung des Reiches Gottes in sehr konkreten Worten und Gesten (Mt 11,2–6), indem er wandernd umherzog und Gutes tat (Apg 10,38). All dies hat eine missionarische Spiritualität zur Voraussetzung, die von jener Formgebung durch den Sohn durchdrungen und gereinigt ist, der unser Nächster wurde, um zur Begegnung mit der Menschheit aufzubrechen und seine starke und besondere Erfahrung Gottes als Abba mit ihr zu teilen.

In dieser Zeit so vieler gescheiterter Begegnungen muss die missionarische Spiritualität gerade eine Spiritualität der Begegnung und liebevollen Aufnahme sein, aus der das Leben entspringt. Die Erzählungen des Evangeliums zeigen uns Jesus, wie er stets mit anderen unterwegs, zu anderen unterwegs ist: Er hält Mahl mit Frauen, Sündern, Kranken und Armen, er lässt sich finden und berühren, er sieht dem anderen in die Augen und bringt stets das Leben, das Leben in Überfülle (Joh 10,10). Auch als Auferstandener sucht er die Begegnung, gibt er sich seinen Freunden zu erkennen, um ihre Erstarrung zu lösen, ihre Ängste und ihre Trostlosigkeit zu vertreiben. An erster Stelle sendet er Maria Magdalena aus, damit sie ihren Brüdern die gute Nachricht mitteile, dann sendet er alle in die Welt und verspricht ihnen seine treue Gegenwart bis zum Ende der Zeit (Mt 28,20). Man könnte also behaupten, dass sich in jeder echten Begegnung von Menschen, Gruppen oder Kulturen diese Begegnungen des Rabbi wieder ereigneten, der als guter Pädagoge den Weg gezeigt hat, der außerdem stets zuhört, sich freut und Mut macht (Lk 10,17–24; 24).

Zwei Franziskanerinnen unterwegs in Äthiopien. Sie besuchen Familien und laden die Kinder ein, den katholischen Kindergarten zu besuchen.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH

Kultivierung des Gebets und des Zuhörens

Es muss klargestellt werden, dass die Verkündigung dem, was die Leute bereits leben, glauben, in ihrem tiefen Inneren erträumen und tatkräftig erhoffen, nicht fremd ist. Vielmehr bringt sie das Gute und Schöne, das hier bereits am Werk ist, explizit zum Ausdruck, macht sie »das Neue, das Gott bereits in der Menschheit wirkt« (Jes 43,19; Lk 17,21) in diesem Gefüge von Raum, Zeit und Volk deutlich, wie es die Propheten und Jesus selbst taten. Dies setzt für das missionarische Gottesvolk die Kultivierung des Gebets und des Zuhörens voraus, wie es Bischof Enrique Angelelli, der Blutzeuge von Rioja (Argentinien), formuliert hat. Es geht darum, »mit einem Ohr am Evangelium und mit dem anderen Ohr am Volk« zu leben, mit einem aufmerksamen und lauteren Blick, des Staunens und der Bewunderung fähig angesichts des Werkes Gottes, auch »in den Höllen der Geschichte, die gleichfalls theologische Orte sind«3. Denn »es genügt nicht, das Schreckliche zu sehen, man muss die Erlösung sehen, die sich innerhalb der Geschichte bereits entfaltet«

Evangelii gaudium entwirft und beschreibt anschaulich die missionarische Spiritualität der Begegnung: »Jedes Mal, wenn wir einem Menschen in Liebe begegnen, werden wir fähig, etwas Neues von Gott zu entdecken. Jedes Mal, wenn wir unsere Augen öffnen, um den anderen zu erkennen, wird unser Glaube weiter erleuchtet, um Gott zu erkennen. […] Die Aufgabe der Evangelisierung bereichert Herz und Sinn, eröffnet uns geistliche Horizonte, macht uns empfänglicher, um das Wirken des Heiligen Geistes zu erkennen, und führt uns aus unseren engen geistlichen Schablonen heraus. Gleichzeitig erfährt ein engagierter Missionar die Freude, eine Quelle zu sein, die überfließt und die anderen erfrischt, Missionar kann nur sein, wer sich wohl fühlt, wenn er das Wohl des anderen sucht, das Glück des anderen will.« (Evangelii gaudium 272)

Diese Gedanken nimmt Papst Franziskus in der Botschaft für den Weltmissionssonntag im Oktober 2017 wieder auf und legt dabei den Akzent auf eine »Spiritualität des Exodus«, die es verhindert, sesshaft zu werden. Und er greift wiederum ein Bild auf, das große Verbreitung gefunden hat: »Mir ist eine ›verbeulte‹ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.« (Evangelii gaudium 49)

Missionarische Spiritualität muss mutig sein

Eine missionarische Spiritualität heute muss darüber hinaus eine solide Grundlage haben und mutig sein. Sie muss fähig sein, den Wüsten und Unwettern die Stirn zu bieten, damit sie mitten in der Nacht nicht nachlässt, die Hoffnung auf das Morgenrot zu wecken, und im strengen Winter nicht darin nachlässt, das auszusäen, was danach aufkeimen muss. Eine Spiritualität, die in einer gespaltenen Welt bereit ist, Räume des Friedens und der Solidarität zu schaffen.

Anders gesagt: Sie muss »inkarniert« sein, fleischliche Gestalt angenommen haben, sie muss mit den Füßen auf dem Boden stehen, gemeinsam mit den Armen und den Opfern voranschreiten, auch wenn dies – wie so viele Märtyrer zeigen – das Leben kosten mag. Und zugleich muss sie eine Mystik auf den Knien sein, die uns den Mut verleiht, uns auf die Straßen zu begeben, auf denen so viele schwer verletzt hingeschleudert liegen.

Man muss die Einfachheit und Demut kultivieren, indem man die menschliche Schwachheit annimmt, um nicht überheblich zu werden (2 Kor 4,6). Es ist bezeichnend: Die einzige Gelegenheit, bei der Jesus fordert, man möge ihn nachahmen und von ihm lernen, ist die, als er sich selbst als »sanftmütig und demütig von Herzen« bezeichnet (Mt 11,29).

Auf der Grundlage dieser freiwilligen Demut zollte Jesus Respekt und urteilte nicht, war er fähig, die Wunden zu berühren und zu verbinden, ohne sie zu profanisieren. Er nahm das kaputte Leben der Menschen in größter Zärtlichkeit an, und genau in dieser Annahme ereignete sich die Umkehr, das menschliche Wachstum in Freiheit und Würde der Person.

Diese Demut – das lateinische humilitas kommt von humus, Boden, Grundlage, Wahrheit – schließt weder Kritik noch Mitleid aus. Die Demut verhindert es, jemanden über den Haufen zu rennen, aber sie hindert nicht daran, klar und in prophetischer Weise auf das hinzuweisen, was schlecht ist, was falsch ist, auf die Strukturen der Sünde in einer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Doch sie ist zutiefst von Mitgefühl durchdrungen und verhält sich wie der barmherzige Samariter den durch diese Strukturen verwundbaren und verletzten Menschen gegenüber.

In der Frankfurter Kirche Heilig Kreuz ist seit 2007 das »Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität« beheimatet. Eine Gruppe hat dort aus Kerzen ein begehbares Labyrinth geschaffen.
FOTO: KNA-BILD

Parteinahme für die anderen

So sehr diese Spiritualität des Respekts und der Demut auch nötig ist, so nötig ist aber auch eine Spiritualität der entschiedenen Parteinahme für die anderen, eine Spiritualität, die »die Wirklichkeit auf sich nimmt, sie als Auftrag annimmt und sie sich aufbürdet«, vor allem die Realität derer, die übel zugerichtet und auf die Straße geschleudert wurden. Dies setzt eine Spiritualität der Entäußerung von Besitz und der Lösung von sich selbst als Zentrum voraus, dank derer man aus sich selbst aufbrechen kann, sich selbst in der großzügigen Hingabe der eigenen Talente und seiner selbst transzendieren kann. Dies ist ein schönes Zeichen der Gegenkultur, ein prophetisches Zeichen für diese Zeit! Die Demut der missionarischen Jüngerinnen und Jünger lädt auch dazu ein, sich von den anderen »in Beschlag nehmen zu lassen«.

Die heutige Welt und Geschichte braucht Zeugen, keine »Schwätzer« ohne die Autorität eines Lebens, das wenigstens den Versuch unternimmt, kohärent zu sein. Zeugen, die den Wohlgeruch Christi an sich tragen und auf diese Weise ansteckend sind und zur Nachfolge ermutigen, aus der Überzeugung heraus, dass die Wirklichkeit mehr hergeben kann und dass das Leben menschlicher und in überbordender Fülle für alle da sein kann. Eine gesunde, freie und fröhliche, eine echte Spiritualität übt Anziehungskraft aus und steckt an – eine Spiritualität, die ein geheiltes Leben bezeugt, die fähig ist, andere zu begleiten, indem sie Zeugnis von Gott, dem Freund des Lebens, gibt.

Die Missionare und Zeugen werden den Duft des Nardenöls an sich tragen und jeden Tag dazu bereit sein, andere zu salben, so wie Maria von Betanien Jesus gesalbt hat (Joh 12,3). Doch die Missionare von heute müssen sich auch darauf verstehen, den echten Duft wahrzunehmen, den die anderen Menschen, die anderen Kulturen, die anderen Lebensstile an sich tragen, denen sie sich mit bloßen Füßen nähern, da es sich um heiligen Boden handelt.

Feines Gespür und Zärtlichkeit

Es wird nötig sein, eine Spiritualität des feinen Gespürs, der besonderen Zärtlichkeit, zu kultivieren, die in der Lage ist, diesen Wohlgeruch in anderen Aromen zu entdecken und ihn im Glauben anzunehmen; eine Spiritualität, die nicht nur geben kann, sondern auch demütig diesen Wohlgeruch als Frohe Botschaft eines Gottes zu empfangen lernt, der zu aller Zeit und überall gegenwärtig ist, in steter Erwartung einer größeren Gemeinschaft seiner Kinder. Sich selbst salben und beschenken lassen durch das Neue anderer Lebenserfahrungen, wird es möglich machen, gemeinsam den langsamen und schönen Prozess der in Reziprozität wachsenden Menschwerdung zu durchlaufen.

Zusammengefasst: Eine missionarische Spiritualität der Gegenwart wird Frauen und Männer dazu ermutigen, lebendige Frohe Botschaft zu sein. So gekleidet und so arbeitend wie das Volk, dem sie dienen – ohne sich darum zu kümmern, ob sie dieselbe Hautfarbe und von klein auf dieselbe Geschichte und Kultur haben oder nicht. Sie werden diesen »Dienst« mitten unter der Landbevölkerung, an der Universität oder in den Elendsvierteln am Stadtrand, in den hypermodernen Zentren der Städte und in der Peripherie leben. Sie werden diesen Dienst schlussendlich in der pluralen Welt von heute leben, in der sich alle Kulturen und Lebenssituationen vermischen.

Überall werden die Missionarinnen und Missionare vom Geist dazu getrieben sein, ein »anderer Christus« zu sein, bereit, mit den Gekreuzigten an ihren Kreuzen zu leiden und ihr Leben dafür einzusetzen, sie vom Kreuz abzunehmen, wie uns Jon Sobrino auffordert. Sie werden als Zeugen der Auferstehung leben und alle einzelnen Auferstehungen feiern, die ihr Volk bereits in der Gegenwart erlebt, und das Reich Gottes anfanghaft verwirklichen, um das wir gemeinsam beten und auf das wir gemeinsam hoffen.

ROSA RAMOS
lehrt Philosophie und Theologie in Uruguay und ist Mitglied von »Amerindia«, einem lateinamerikanischen Netzwerk von Theologen, Sozialwissenschaftlern und pastoralen Mitarbeitern.
Aus dem Spanischen übersetzt von Bruno Kern

Ausgabe 6/2018

ANMERKUNGEN

1 Jon Sobrino, Spiritualität und Nachfolge Jesu, in: Ignacio Ellacuría/Jon Sobrino (Hrsg.), Mysterium Liberationis. Grundbegriffe der Theologie der Befreiung, Bd. 2, Luzern 1996, S. 1087–1114, hier: S. 1087–1090.
2 Juan Luis Segundo, El dogma que libera. Fe, revelación y magisterio dogmático, Santander 1989, S. 369.
3 Benjamin González Buelta, Ver o perecer: Mística de ojos abiertos, Santander 2006.
4 Benjamin González Buelto, Tiempo de crear polaridades evangélicas, Santander 2009.
5 José Laguna, Hacerse cargo, cargar y encargarse de la realidad. Hoja de ruta samaritana. Hrsg. von Cristianismo y Justicia, o. O. 2011.

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