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Entwicklung neu denken

Abschied von alten Denkmustern

von MARKUS BÜKER

»Studieren, um globale Zusammenhänge zu verstehen« – mit diesem Leitsatz wirbt der Masterstudiengang »Theologie und Globale Entwicklung«. Die Studierenden werden an Reichtümer und Grenzen bestehender Haltungen und Konzepte geführt und lernen neue Koordinaten kennen. Der »unterentwickelte« Süden kann und will nicht länger durch den »entwickelten« Norden entwickelt werden. Vielmehr bedarf es »globaler Zusammenarbeit«, um unsere Welt gerechter zu gestalten. Die These »Alles ist mit allem verbunden« aus Laudato si’ soll im Folgenden anhand einiger Erfahrungen dargelegt werden.

Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (UN) traten am 1. Januar 2016 mit einer Laufzeit von 15 Jahren in Kraft. Im Gegensatz zu den Millenniums- Entwicklungszielen gelten sie für alle Länder, nicht nur die Entwicklungsländer.
FOTO: UNITED NATIONS

Gebrochenes Versprechen

Auch im Jahr 2019 werden die Versprechen von Wohlstand, Einhaltung der Menschenrechte und demokratischer Teilhabe bei Weitem nicht für alle Menschen erfüllt werden. Diese Versprechen sind aber Teil der europäischen, vernunftgeleiteten Aufklärung: Politik, Wirtschaft und Technik treiben demnach Fortschritt und Entwicklung voran, damit das Leben für Menschen kontinuierlich besser wird. Im Laufe der Zeit würden alle von dieser Art der Modernisierung profitieren. Vier Beispiele zeigen, dass diese Versprechen auf den bisher eingeschlagenen Wegen nicht einzuhalten sind, obwohl der Glaube daran weiterhin die internationale Zusammenarbeit prägt.

Ernährung:

Auch wenn immer mehr Menschen ausreichend Nahrung haben, hungerten 2017 immer noch etwa 821 Millionen Menschen. Die Staatengemeinschaft hat im Rahmen der Vereinten Nationen in der Agenda 2030 beziehungsweise den darin enthaltenen 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs) bekräftigt, Armut und Hunger bis 2030 vollständig überwinden zu wollen. Cindy Holleman, Hauptautorin des Welternährungsberichts der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO vom September 2018, stellt fest: »Wir sehen nun schon das dritte Jahre in Folge, dass der Hunger zugenommen hat. Das ist traurig. Damit sind wir auf das Niveau von vor einem Jahrzehnt zurückgefallen. Das muss uns große Sorgen machen, auch weil die drei Hauptursachen besorgniserregend sind: Konflikte, Klimawandel und Wirtschaftskrise. Wenn wir diese drei Ursachen nicht in den Griff bekommen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir unsere Ziele für 2030 nicht erreichen werden.« Hinzu kommt noch die verfehlte internationale Landwirtschaftspolitik, die das Potential kleinbäuerlicher Betriebe viel zu wenig nutzt, die jetzt noch etwa 70 Prozent der Menschheit auf 35 Prozent der verfügbaren Fläche ernähren. Gemäß Bericht hungert jeder neunte Mensch, gleichzeitig hat aber jeder achte Mensch Übergewicht. Es wäre genug Essen für alle da. Die ressourcenintensive Ernährung der einen, zum Beispiel durch übermäßigen Fleischkonsum mit dessen schädlichen CO2-Emissionen, ist Teil der Ursachen des Hungers der anderen. Hauptursachen für den Hunger weltweit liegen also auf unterschiedlichen Ebenen. Überwindung des Hungers ist eine Frage von Gemeinwohlorientierung in Politik und Wirtschaft und damit von Ethik, und nur unter anderem eine Frage von Technik und Bevölkerungswachstum.

Klimawandel:

Die Entwicklung der industrialisierten Länder beruht seit 200 Jahren auf dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas zur Energiegewinnung. Das dabei frei werdende CO2 ist einer der wesentlichen Faktoren für den Klimawandel. Menschen und Länder, die wenig bis gar nicht an dieser Industrialisierung Anteil hatten, leiden am meisten unter den Folgen des Klimawandels: Anstieg des Meeresspiegels, Dürren, Stürme, Extremwetter. Im Pariser Klimaabkommen wurde 2015 deswegen vereinbart, den weltweiten Temperaturanstieg wenn möglich auf 1,5oC, jedoch maximal auf 2oC zu begrenzen. Auch in Europa wird der Klimawandel erfahrbar: Außerordentliche Wetterereignisse wie der heiße und trockene Sommer beziehungsweise Herbst 2018 sprechen auch hier dafür, dass die Berechnungen der Wissenschaft zutreffen. Die Menschheit erreicht ohne einschneidende Veränderungen in den nächsten Jahren Wendepunkte, an denen es kein Zurück mehr gibt. Sind die Polkappen abgeschmolzen, werden sie nicht mehr neu aufgebaut werden können. Den von den materiellen und immateriellen Fortschritten der Moderne ausgeschlossenen Menschen im sogenannten globalen Süden stehen die weltweiten Mittel- und Oberschichten in industrialisierten und Schwellenländern gegenüber, die mit ihren Lebensstilen und Fabriken die Probleme verursachen, vor denen sie sich als Arme und Ausgeschlossene kaum schützen können. Folglich erklärte die UNO in der Agenda 2030 auch die reichen Länder, die zu großen Teilen alle Klimaprobleme verursachen, zu Entwicklungsländern. Um menschliches Leben für alle jetzt und in Zukunft zu ermöglichen, muss an allen Orten, weltweit, Wandel stattfinden.

Flucht und Migration:

Im Jahr 2017 wurden weltweit 68,5 Millionen Menschen gezählt, die auf der Flucht sind. Sie werden vertrieben, fliehen vor Kriegen oder verlassen aufgrund von Armut und Perspektivlosigkeit ihre Heimat. Die Türkei, Pakistan, Uganda, Libanon, Iran nehmen die meisten Flüchtlinge auf, auch wenn diese Staaten selber arm sind. Eine Minderheit der Flüchtlinge sucht »hier bei uns« eine neue Zukunft. Der Versuch, durch Entwicklungszusammenarbeit Fluchtursachen zu bekämpfen, um dadurch Migration und Flucht nach Europa zu verhindern, kommt häufig zu spät. Funktionieren kann dies wahrscheinlich erst in etwa zehn Jahren. Je nachdem, wie man Ursachen, Folgen und Verantwortung für diese Art von Entwicklung versteht, fallen die Reaktionen aus. Einer solidarischen Willkommenskultur steht eine sich immer offener zeigende rassistisch-nationalistische Haltung der Abschottung und Verachtung den vermeintlich »Fremden« gegenüber. Die Hoffnung, Europa zu einer Insel der Seligen zu transformieren und mit dem Hochziehen von Zäunen, Mauern und dem willentlichen Ertrinkenlassen von Flüchtlingen im Mittelmeer die Armen und die Ursachen für ihre Armut draußen halten zu können, wird nicht funktionieren.

Urbanisierung: Im Jahr 2050 werden einem Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen zufolge etwa zwei Drittel der Menschheit, also dann sieben Milliarden Menschen, in Städten leben. Beispielsweise wächst die indische Hauptstadt Neu-Delhi jährlich um 800.000 Menschen. Für den Bau der Infrastruktur mit Straßen, Wasserleitungen und Häusern werden vor allem in Asien und Afrika so viele CO2-emittierende Materialien wie Zement benötigt, dass keine Ressourcen für andere Orte mehr zur Verfügung ständen, sollte der Klimawandel noch auf zwei Grad Celsius begrenzt werden. Das heißt: Über die eigenen Möglichkeiten eines »guten Lebens« kann Europa längst nicht mehr alleine entscheiden. Stadtbewohner sowie Stadtplaner in Afrika und Asien bestimmen darüber mit.

Bei der weltweiten Bekämpfung des Hungers sind große Erfolge erzielt worden. Aber 2017 hungerten immer noch 821 Millionen Menschen auf der Erde.
FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH/MISEREOR

Legitimationsverlust von »Entwicklung«

Teil des Erfolgsgeheimnisses der europäischen Entwicklung war es, sich seit Jahrhunderten die Ressourcen – Arbeitskraft, biologische Vielfalt und Bodenschätze – anderer Erdteile erschlossen zu haben. Aber das im 19. und 20. Jahrhundert prägende Modell von Entwicklung verliert heute seine Legitimation. Denn die inneren Widersprüche des industriegesellschaftlichen und wachstumsabhängigen Modells von Entwicklung mit der dazugehörigen Wirtschaft, Technik, Politik und Kultur werden nicht nur in anderen Kontinenten, sondern jetzt auch in Europa sichtbar. Klimawandel, bedrohlicher Verlust der Artenvielfalt, Überdüngung der Meere, zunehmende Knappheit von Trinkwasser sind die ökologischen Folgen. Hinzu kommen die menschlichen Konsequenzen: Verelendung immer neuer Bevölkerungsgruppen durch Kriege, Armut, Krankheiten, ethnische oder geschlechtliche Diskriminierung. Die Globalisierung des sogenannten westlichen Entwicklungsmodells erzeugte Konsequenzen, deren Steuerung nicht mehr allein in Europas Hand liegen. Mit anderen Worten: Hambacher Forst und Amazonien fallen der gleichen Logik zum Opfer. Globale Zusammenarbeit zur Bewältigung der großen Menschheitsfragen ist gefragt. Stattdessen nehmen aber weltweit Unsicherheiten und Ängste zu, weil Menschen sich in einer rasant getakteten Welt zunehmend fremd fühlen. Autoritär-nationalistische Regierungen versuchen auf Kosten von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit Vorteile für ihre Unterstützer zu sichern.

Handlungsfelder

Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Idee, dass der reiche Norden mit Geld, Technik und Personal den armen Süden »entwickeln« kann, um die Versprechen der Moderne einzulösen, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Gegensätze von Armut und Reichtum sind heute höchstens Stadtviertel voneinander entfernt, egal ob in Beirut, Bogotá oder Bangkok, selbst in Berlin gibt es diese Gegensätze nah beieinander. Zudem rücken die weltweit wachsenden Mittelschichten mit ihren ressourcenintensiven Lebensstilen als Zielgruppe entwicklungsrelevanten Handelns auf allen Kontinenten, besonders in den Schwellenländern, immer stärker in den Fokus. Folglich haben diejenigen, die mit den Menschen, deren Organisationen und sozialen Bewegungen vor Ort zusammenarbeiten, den Glauben verloren, dass das überlieferte Modell der Entwicklungszusammenarbeit zukunftstauglich ist. Mit den Armen teilen, bedeutet dabei schon lange nicht mehr nur, etwas vom Reichtum in Deutschland abzugeben. Es muss darum gehen, die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Grundlagen unseres Lebensmodells, das auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruht, radikal zu hinterfragen und entsprechend umzusteuern. Bei der wie auch immer bezeichneten neuen Gestalt von Entwicklung sollte es neben Technik auch um die Potentiale der Menschen, um die Förderung der Zivilgesellschaft, um Bewusstseinsbildung, um die Beeinflussung politscher und wirtschaftlicher Entscheidungen gehen. Neben dem Aspekt der solidarischen Unterstützung durch die Bessergestellten tritt mit ebensolcher Wichtigkeit das Anliegen der – gemeinsamen – Arbeit am Wandel, an der sogenannten wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Transformation. Das ist die politische Aufgabe, die ansteht. Die Formel »from aid to change«, »von der Hilfe zum Wandel« macht die Runde. Es geht nicht mehr nur darum, zu helfen, sondern darum, Lebensstile und Strukturen zu verändern. Seit dem UNO-Umweltgipfel von Rio 1992 wird dementsprechend die gemeinsame, aber den je eigenen Möglichkeiten entsprechende besondere Verantwortung aller Länder für Nachhaltigkeit betont. Die Zukunftsfähigkeit menschlichen Handelns soll und muss erreicht werden. Es mehren sich die Publikationen, die Wege dahin zeigen. Zuletzt legte Uwe Schneidewind vom Wuppertal-Institut eine 500-seitige Studie über »Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels« vor, um unsere Handlungsmöglichkeiten in Deutschland auszuloten. Die Initiative »Die Welt in 2050«, in der namhafte Wissenschaftler/-innen mitarbeiten, benennt ebenfalls konkrete Wege. Sechs miteinander verbundene Handlungsfelder müssen ihr zufolge bearbeitet werden, um mit den SDGs Menschenwürde für alle in ökologisch verträglicher Weise zu erreichen (www.twi2050.org ): menschliche Entwicklung; Konsum und Produktion; Ausstieg aus fossiler Energiegewinnung und Zugang zu Energie; Ernährung, Biosphäre, Wasser; zukunftsfähige Städte sowie Digitalisierung.

Blick von einem Hochhaus im Stadtteil Republica in Sa˜o Paulo: Die Metropole wächst und wächst. 2050 werden sieben Milliarden Menschen in Städten leben.
FOTO: FLORIAN KOPP/MISEREOR

Heutige Fragen

Das bisherige Modell von Entwicklung taugt nicht mehr. Unsere heutige »Entwicklung« ist Teil des Problems. Damit ist der Begriff der »Entwicklung « infrage gestellt. Die Dekonstruktion des herrschenden Diskurses über »Entwicklung« ist eine Daueraufgabe der »Entwicklungs«-Zusammenarbeit. Was verstehen die Beteiligten jeweils unter »Entwicklung«? Wer will wen und woraufhin entwickeln? Mit welchen Mitteln? Wer hat welche Macht, zum Beispiel darüber zu bestimmen, welche Mittel wo und wann eingesetzt werden? Inwieweit sind Frauen, Indigene oder Jugendliche selber Akteure des Wandels mit individueller und kollektiver Handlungsmacht? Wieweit wird bedacht, dass verschiedene Kategorien von Ungleichheit miteinander verschränkt sind, etwa Geschlecht, Alter, Ethnie, Religion, Nation etc. (Intersektionalität)? – Solche Fragen sind zu stellen, wenn man nach neuen Leitbildern von »Entwicklung« sucht.

Die konkrete Praxis der Projektarbeit wird kritisiert, wenn darin die eigenen Ansprüche nicht eingelöst werden. Solange Organisationen für die Finanzierung ihrer Arbeit abhängig vom politischen Willen der internationalen Geldgeber sind, werden sie nicht frei entscheiden können. Das Kriterium der »Hilfe zur Selbsthilfe« legt nahe, dass die Betroffenen und ihre Organisationen selber über ihre Zukunft entscheiden können. Inwieweit können aber arme Bauern oder Menschenrechtsanwälte noch selber entscheiden, wenn die Hilfe an Bedingungen geknüpft wird? Sie werden kaum Spielraum haben, wenn etwa durch teure Vorhaben wie die ökologischen Landwirtschaftscenter in Afrika Logiken entwickelt werden, die den Menschen vor Ort nicht entsprechen. Auch dann nicht, wenn Anwältinnen in einer kurzen Zeit möglichst viele Menschen in Rechtsfragen fortbilden müssen, ohne dass das Wissen praktisch wird. Propagierte »Partnerschaftlichkeit « wird ins Gegenteil verkehrt, wenn die unterschiedlichsten Geber wie Weltbank, Regierungen, zivile Mäzene oder Hilfsorganisationen mit ihren Lösungsvorschlägen die Beziehungen auf die ihnen jeweils eigene Art beherrschen. Die Geschichte der Kolonialisierung zeigt bis heute, dass dieses Übel noch nicht hinreichend überwunden wurde. Und sie zeigt, dass es immer wieder Kritik daran gibt, so dass Alternativen zur herrschenden Entwicklung aufkeimen.

Das führt dazu, von einer »anderen Entwicklung« zu sprechen oder »Entwicklung« als Konzept ganz aufzugeben. Für nicht wenige Autor/-innen in Afrika, Asien und Lateinamerika kann »Entwicklung« kein legitimes Ziel mehr sein, weil sie immer die kolonialen Muster der Vergangenheit in sich trägt. Sie gehen deswegen von einem Ansatz des »Post-Development« aus. In Lateinamerika bringen die Kritiker/-innen der Entwicklung indigene Kosmovisionen mit dem »Buen vivir«, einer integralen Sicht des Menschen und der menschlichen Gemeinschaft, ein. Der Mensch wird als Teil der Schöpfung gesehen, in der alles Lebendige und die Natur miteinander verbunden sind. Die Zeit ist wichtiger als der Raum, das heißt: Die Qualität der Beziehungen bestimmt über den Erfolg des gemeinsamen Weges. Papst Franziskus greift diesen Gedankengang in seiner Enzyklika Laudato si’ auf. Diese Sichtweise hat als Leitbild Eingang in die Verfassungen von Bolivien und Ecuador gefunden; ihre Umsetzung scheitert in diesen Ländern aber an verschiedenen Stellen.

Aus dieser Perspektive entspinnen sich gegenwärtig bedeutende Fäden von Postwachstums-Theorien. Weil ein »Weiter so!« nicht mehr möglich ist, werden Wege aus der Wachstumsfalle gesucht, geht es um die Befreiung vom Überfluss (Nico Paech), die Überwindung der imperialen Lebensweise (Ulrich Brand/ Markus Wissen), um nur zwei Beispiele zu nennen. 2018 hat eine Studiengruppe der Deutschen Bischofskonferenz die Frage »Raus aus der Wachstumsgesellschaft? « im Rahmen einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft beantwortet. Der Dissens bei den Wegen aus der Krise ist offensichtlich. Dabei geht es auch wesentlich darum, wie man zur herrschenden Form des Kapitalismus steht. Solange Politik gar nicht mehr allein das Zusammenleben bestimmt, sondern längst Wirtschaft und Banken, technologische Entwicklungen und kulturelle Akteure auf allen Ebenen, international, national, regional und lokal das Zusammenleben mitgestalten, liegt es nahe, auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Allianzen die entsprechenden Hebel in Richtung sozialer und ökologischer Gerechtigkeit anzusetzen.

Salamata Bitogo, Mitglied der Forschungsgruppe Elevage Wend Manega in Burkina Faso, verabschiedet sich von der Misereor-Mitarbeiterin Sabine Dorlöchter-Sulser.
FOTO: FLORIAN KOPP/MISEREOR

Eine andere Art von Entwicklung

In seiner Enzyklika Pacem in Terris erkannte Papst Johannes XXIII. 1963 im Namen der Kirche die unveräußerlichen Menschenrechte als Voraussetzung für die freie Entwicklung an. Mit Populorum Progressio, der sogenannten »Entwicklungsenzyklika« macht Paul VI. die volle Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft und damit die Überwindung des Gegensatzes zwischen Nord und Süd zur Aufgabe der Kirche. Papst Franziskus skizziert 2015, kurz vor der wegweisenden UNO-Konferenz zur Agenda 2030 und den Klimaverhandlungen in Paris, in seiner Enzyklika Laudato si’, wie Fortschritt und Entwicklung neu zu definieren sind (LS 191 und 194).

Konstitutiv für seine weltweit beachtete Analyse ist der untrennbare Zusammenhang von sozialen und ökologischen Problemen. »Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer auch in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussion aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.« (LS 49) Franziskus entwickelt eine integrale Ökologie, bei der es um eine radikale Abkehr von der Konsumorientierung der Einzelnen wie der Gesellschaft geht. Diese ist aber nur möglich mit einer Abkehr von einer zerstörerischen Wirtschaft und Technologie, die weder das Wohl des Einzelnen noch das Gemeinwohl im Blick hat, sondern vor allem den Profit und die Macht seiner Besitzer. Dazu die Stimme von Franziskus beim zweiten Welttreffen der Sozialen Bewegungen 2015 in Santa Cruz de la Sierra (Bolivien): »Sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen.« Entwicklung betrifft immer vier Ebenen von Beziehung: zu den Nächsten, zur natürlichen Umwelt, zu sich selber und zu Gott. Entwicklung betrifft immer die persönliche und die gesellschaftlich- strukturelle Ebene, Menschenwürde und Weltgemeinwohl.

Damit die neue Art von Entwicklung integral ist, sollte sie auch die spirituelle Dimension beinhalten. Eine integrale Ökologie ist nicht ohne Mystik denkbar: »Es geht darum, nicht so sehr über Ideen, sondern vor allem über die Beweggründe zu sprechen, die sich aus der Spiritualität ergeben, um eine Leidenschaft für den Umweltschutz zu fördern. Denn es wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren allein mit Lehren, ohne eine ›Mystik‹, die uns beseelt, ohne ›innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen‹.« (LS 216) Entwicklungszusammenarbeit, wie sie in Deutschland kirchliche Werke, Eine-Welt- und Solidaritätsgruppen, Verbände, Orden, Diözesen betreiben, kann nicht davon ausgehen, dass sie als aus christlichem Glauben inspirierte Entwicklungszusammenarbeit automatisch besser ist als andere Entwicklungszusammenarbeit, nur weil sie mit dem Adjektiv »christlich« auftritt. Ihr muss es aber als Zukunftsmodell darum gehen zu versuchen, das zu tun, was ihre Akteurinnen und Akteure aus christlichem Glauben in einer plural gewordenen Welt heraus erkennen und sagen. Weil bei ihr der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht Staaten oder Projekte, ist die Qualität der Beziehungen zwischen Menschen der oberste Indikator für gelingende Zusammenarbeit über Kontinente hinweg.

Vielleicht ist der Fokus auf »Beziehungen« ein unerwarteter Paukenschlag, mit dem dieser Text endet. Paukenschlag, weil er die christliche Entwicklungszusammenarbeit nicht ihrer Gesinnung halber lobpreist, sondern ihrer dynamischen Identität wegen. Der Schluss führt auch zurück zum anfänglichen »Studieren, um globale Zusammenhänge zu verstehen «. Studierenden des RWTH-Masterstudiengangs soll die Verbindung von »Entwicklung« und »Religion «, die eben bereits institutionell durch die Zusammenarbeit mit den beiden christlich begründeten Werken und dem katholischen Institut geschaffen wurde, nahegelegt werden. Globale Zusammenhänge sollen auch religiös und kulturell, persönlich hinterfragt werden können. Dies sind Gesichtspunkte, die dem Masterstudiengang seine spezifische Ausrichtung verleihen – interdisziplinär. Sich dabei aber nicht nur kognitiv mit den Problemen und möglichen Lösungsvorschlägen zu befassen, sticht insbesondere hervor. Das eigene Herz an die globale Zusammenarbeit hängen, sich mit Herz für alle Menschen einsetzen, dieser affektive Charakter bekräftigt gemeinschaftliche Strukturen einer zukunftsfähigen Zusammenarbeit über Kontinente hinweg.

MARKUS BÜKER
Dr., Referent für theologische Grundsatzfragen in der Entwicklungszusammenarbeit bei MISEREOR

Ausgabe 1/2019

In der Enzyklika Laudato si’ skizziert Papst Franziskus, wie Fortschritt und Entwicklung neu zu definieren sind.
FOTO: KNA-BILD

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