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Säkularisierung und Religiosität

Faktoren der Entwicklungszusammenarbeit?

von GUIDO MEYER UND STEFFEN JÖRIS

Welchen Beitrag kann eine Auseinandersetzung mit Religion und Theologie im engen Fächerkanon der Entwicklungszusammenarbeit leisten? Es gilt zu zeigen, warum die Kombination von Theologie und Entwicklungszusammenarbeit gerade mit Blick auf die heutige säkularisierte Gesellschaft notwendiger ist denn je.

Priesteramtskandidaten beim gemeinsamen Tischgebet. In Deutschland sinkt die Zahl der Anwärter seit den 1980er Jahren beständig. Gab es 1990 insgesamt noch fast 20.000 Geistliche, sind es heute noch knapp 14.000. Im Jahr 2018 wurden nur 61 Männer zu Priestern geweiht. Das ist die zweitniedrigste jemals registrierte Zahl.
FOTO: KNA-BILD

»Entzauberung« aller Lebensbereiche

Der Begriff Säkularisierung hat viele Bedeutungen. In diesem Zusammenhang möchten wir ihn als einen Rückgang religiöser Zeichen und Deutungsmuster in einer Gesellschaft verstehen. Während in früheren Gesellschaften, wir nennen sie vormoderne Gesellschaften, die Religion gleichsam überall präsent war und sie quasi das Tun und Verstehen der Menschen prägte, ist seit fast fünf Jahrhunderten und seit etwa 150 Jahren in unseren Gefilden ein zunehmender Rückgang der Religion im öffentlichen Raum zu beobachten. Ist von Säkularisierung die Rede, wird meist die von Max Weber entwickelte Theorie ins Feld geführt, derzufolge sich eine zur Moderne hin entwickelnde Gesellschaft immer mehr von magischen und religiösen Weltdeutungen abwendet und somit das Phänomen Religion immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, bis es schlussendlich zu der viel zitierten »Entzauberung« aller Lebensbereiche kommt.

Diese soziologische Grundthese hat Jahrzehnte lang den wissenschaftlichen Diskurs bestimmt. Seit einigen Jahren jedoch wird sie zunehmend in Frage gestellt. An vielen Stellen ist gar von »einer Wiederkehr der Religionen « die Rede, so dass sich die Frage stellt, ob nicht Weber – und ihm folgend Generationen von Soziologen – die Entwicklung aus einer zu engen (west-)europäischen Perspektive betrachteten. Zu Recht hebt Hans Joas immer wieder hervor, dass im durchaus modernen Nordamerika die Säkularisierung im europäischen Sinn kaum gegriffen hat. Sind wir mit dem Begriff Säkularisierung und der damit verbundenen Logik, die besagt, dass mit der Moderne notwendigerweise ein Verschwinden der Religion einhergeht, einem eurozentrischen »Mythos« verfallen?

Sicher scheint indes, dass in Europa Säkularisierungsprozesse mit unterschiedlichem Tempo und mit unterschiedlicher Intensität voranschreiten. Grob gesprochen ist die Geschwindigkeit geringer in südlichen Gefilden, während in nördlichen Ländern, vor allem den skandinavischen Ländern, die Säkularisierung bereits weit vorangeschritten ist. Und auch in Deutschland lassen sich die Konsequenzen einer umfassenden Säkularisierung gut wahrnehmen: anhaltende Kirchenaustritte und die stetig sinkende Zahl von Priesteramtsanwärtern sowie die ständig sinkenden Kirchenbesucherzahlen sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Ebenso zeigt auch die Jugendforschung auf, dass für nur 33 Prozent der Jugendlichen in Deutschland der Glaube an Gott wichtig ist (17. Shell Jugendstudie, 2015). Bedeutsam ist zudem der deutliche Bruch zwischen Ost- und Westdeutschland. Während Ostdeutschland Experten zufolge als das säkularisierteste Gebiet der Welt bezeichnet wird, scheint der Westen einem anderen Muster zu folgen. Säkularisierungsprozesse folgen länder- und regionenspezifischen Gesetzen, bei denen unter anderem geschichtliche, kirchenspezifische und religionspolitische Faktoren eine bedeutende Rolle spielen.

Ein Blick über die Grenzen Europas stellt die Reichweite und wissenschaftliche Tragfähigkeit der klassischen Säkularisierungstheorie jedoch in Frage. Mehr noch: In weiten Teilen der Welt fragt man im Umgang mit der Religion weniger danach, ob sie nun wiederkommt oder vergeht, als vielmehr welche Religion und welche Religiosität ein emanzipatives Leben an sich und ein solidarisches und aufbauendes Miteinander ermöglicht. Denn weltweit gewinnen vor allem die Religionen und Sekten an Boden, die weniger auf Tradition, Wissen und Emanzipation der Gläubigen setzen, als vielmehr diejenigen, die Anhänger möglichst schnell persönlich wirksam mit einem Glauben konfrontieren, der quasi ohne Tradition und Wissensbestände auskommt. Erweckungsbewegungen, charismatische und fundamentalistische Strömungen und Sekten gewinnen mittlerweile vor allem in Lateinamerika, Afrika und Teilen Asiens gegenüber den angestammten Religionen an Bedeutung. Neben undurchsichtigen Machtstrukturen ist vielen dieser Bewegungen eine politische und sozialethische Auseinandersetzung mit der Umgebung fremd. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund bekommt die Theologie im Rahmen von entwicklungspolitischen Fragestellungen eine hohe Relevanz. Denn Aufgabe der – vor allem Praktischen – Theologie ist es seit jeher, Religiosität und deren Ausdruck kritisch zu hinterfragen und im Hinblick auf ein umfassendes Heil der Gläubigen zu fördern.

Gut behütet im Straßenverkehr. Auch im Zeitalter der Postmoderne finden sich an vielen Orten religiöse Symbole.
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Zeitalter der Postmoderne

Dass sich die Religion nicht nur auf dem Rückzug befindet, zeigt sich in den unterschiedlichsten Ausdrucksformen von Religiosität in unseren postsäkularisierten Gesellschaften: Werbung und Medien sind voll von religiösen Zeichen. Und auch bei ethischen Fragestellungen ist Religion in unseren Gesellschaften ein wichtiger und prägender Faktor.Jedoch hat sich die Frage der individuellen Identität und damit auch der (kollektiven) Zugehörigkeit durch das Aufkommen der Postmoderne gewandelt. In unseren postmodernen Gesellschaften steht das Individuum und nicht ein vorgegebenes Kollektiv im Mittelpunkt der Erfahrungen und ebendieses Individuum ist gefordert, sich zu positionieren. Diese Positionierung um der eigenen Identität willen geschieht jedoch nicht durch einen einmaligen, starren Vorgang, sondern befindet sich vielmehr dauerhaft in einem fließenden Prozess, der es erlaubt, seine eigene Identität je nach Bedürfnis anzupassen. Dieses Bedürfnis ist nicht mit einer Beliebigkeit gleichzusetzen, die keinen Regeln unterliegt. Sehr wohl kann sich eine gewisse Identität festigen und bestehen bleiben. Dennoch sieht sie sich in der Pluralität der Gesellschaft ständigen Anfragen und ggf. einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Allerdings wäre es ein Fehler, im Umkehrschluss davon auszugehen, dass durch diese Individualisierung der Identitätsfrage jegliche kollektive Identität verloren ginge. Nicht zuletzt die Begeisterung bei sportlichen nationalen Großereignissen sollte beweisen, wie einfach es ist, ein kollektives – oftmals religionsähnliches – »Wir«-Gefühl zu erzeugen. Diese kollektiven Identitäten benötigen jedoch einen Diskurs und entstehen in der Auseinandersetzung mit dem anderen, so dass es neben dem »Wir« auch immer ein »Ihr« benötigt. Dies führt dazu, dass kollektive Identitätsgemeinschaften nicht zuletzt Zweckgemeinschaften bilden.

Diesen starken und in vielfacher Hinsicht heterogenen Veränderungen der gesellschaftlichen und religiösen Landschaft im Norden stehen die Länder der südlichen Hemisphäre entgegen, die vor allem im Zuge der medialen Globalisierung von all diesen Prozessen nicht unberührt bleiben. Gleichwohl sind die historischen Wurzeln hier andere: Die fünf Jahrhunderte, in denen die Säkularisierung sich in Europa verbreitete und von denen Charles Taylor so kenntnisreich berichtet, haben nicht nur das Individuum in ein neues Verhältnis zu sich selbst und zur Gemeinschaft gestellt, sie haben Politik und Gesellschaft und das damit einhergehende Wirklichkeitsverständnis fundamental verändert. Im Umgang mit dem Süden, der infolge der Globalisierung mit den postmodernen Gesellschaften des Nordens in Austausch tritt, wird dieser Entwicklungsverlauf hin zu einer säkularisierten Gesellschaft oftmals als Selbstverständlichkeit und einzig mögliche Entwicklung vorausgesetzt. Diese Projektion birgt jedoch Gefahren.

Säkularisierung findet auch in Asien, Afrika und Lateinamerika statt. Hier allerdings schlagen diese Prozesse zumeist in Gesellschaften ein, die sich aus westlicher Perspektive in einem raschen Tempo von einer vormodernen in eine postmoderne Gesellschaft wandeln. Dabei werden Eigenheiten, wie die koloniale Vergangenheit, meist nur geringfügig betrachtet und wirtschaftliche Märkte ohne soziales Gewissen eingeführt sowie undemokratische Systeme gefördert. Im Zuge dieser Entwicklung schwindet der Schutzraum, den die Religionen einst boten, und es ist nicht verwunderlich, dass ein Erstarken unterschiedlicher Religionen oftmals mit fundamentalistischem Hintergrund in diesen südlichen Ländern zu beobachten ist.

Das Kreuz, nur ein kulturelles Symbol? Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hat mit seinem »Kreuzerlass « und seiner Aussage, das Kreuz stehe für ein klares Bekenntnis zur bayrischen Identität und zu den christlichen Werten – und nicht unbedingt für die Religion – für Empörung gesorgt. Seit dem 01.06.2018 müssen in allen bayrischen Dienstgebäuden verpflichtend Kreuze hängen.
FOTO: PETER KNEBEL/REUTERS

Der westliche Blick

Hier wie dort scheint ein differenzierter Blick auf Säkularisierungsphänomene vonnöten. Dabei geht es vor allem darum, die Eigenheiten des jeweiligen eigenen Kontextes zu berücksichtigen und von diesen nicht voreilig auf den anderen zu schließen. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich den eigenen gesellschaftlichen Hintergrund vor Augen zu führen, um in Auseinandersetzung mit dem Süden eben jene Projektionen möglichst zu vermeiden. Die traditionell-institutionellen Religionsgemeinschaften mit ihren vorgegebenen Weltbildern scheinen sich mit veränderten Identitätsbedingungen in der postmodernen Gesellschaft schwerzutun. Und dennoch: Komplett verschwunden sind sie nicht. Auch ist die Sehnsucht des Menschen nach einem, das Selbst übersteigenden, transzendenten Sinn immer noch lebendig. In diesem Sinne ist der religiöse Fundamentalismus lediglich ein extremes Beispiel für Menschen, die mit den Anforderungen der Pluralität in einer postmodernen Gesellschaft nicht zurechtkommen. Nachdem unter den modernen Emanzipations- und Freiheitsbestrebungen viele vorgegebene Sozialisationsmuster verlorengegangen sind, finden sich Identitätskonflikte auch in der Breite der Gesellschaft. Dabei stellen sich auch Anfragen nach einem übergeordneten Sinn und es werden nicht zuletzt traditionell religiöse Topoi – oder besser religiöse Zeichensysteme – verwendet.

Eine solche Debatte findet derzeit zum Beispiel innerhalb der deutschen Gesellschaft statt. Dabei wird das Kreuz als Zeichen benutzt, um eine Aussage zu treffen, die eine größtmögliche kollektive Identifikation ermöglicht, ohne dabei jedoch den semantischen Rahmen (den Code) dieses Zeichens näher zu bestimmen. Das religiöse Zeichen, das Kreuz, soll identitätsstiftend wirken, ohne inhaltlich näher bestimmt zu werden. Dabei wird fraglich, inwieweit das Zeichen noch mit dem ursprünglichen Code des Zeichens übereinstimmt. Das Zeichen dient zur Schaffung einer kollektiven Identität in Abgrenzung von einem ungewollten anderen, ohne dabei jedoch seinen semantischen Rahmen, zum Beispiel in Form von klaren Wertevorstellungen, zu kommunizieren.

Um den Bogen zu den traditionellen Religionsgemeinschaften und der postmodernen Gesellschaft zu schließen, bleibt bei dieser Bestandsaufnahme die ernüchternde Feststellung, dass die christliche Religion die Deutungshoheit ihrer eigenen Zeichensysteme oftmals verloren hat, ihre Rezeption in der Gesellschaft jedoch weiterhin bestehen bleibt. Ähnliche Phänomene sind auch in der südlichen Hemisphäre zu beobachten. Ein betont synkretistischer und in diesem Sinne unbefangener Umgang mit den religiösen Ausdrucksformen gehört hier in vielen Ländern seit Jahrhunderten einfach dazu. Auch dieses Phänomen muss im Rahmen einer reflektierten Entwicklungszusammenarbeit bedacht werden.

Resümee Säkularisierung ist ein hochkomplexes gesellschaftliches und kulturelles Phänomen, das lange Zeit in Kirchen- und Theologenkreisen als Defizit-Terminus gebraucht wurde, um die vermeintlich schreckliche Lage von Religion in modernen Gesellschaften zu beschreiben. Demgegenüber gilt es heute, die Chancen und Herausforderungen, die der neue gesellschaftliche Kontext für eine befreiende Religiosität bietet, wahrzunehmen. Nicht zuletzt deshalb, weil bestimmte Säkularisierungsbestrebungen bereits zutiefst in der jüdisch-christlichen Offenbarung und dem biblischen Gottes- und Weltbild eingeschrieben sind. Dabei ist gerade in Bezug auf entwicklungspolitische Fragestellungen die neue Innenorientierung der Religion, die politische und soziale Angelegenheiten aus dem religiösen Diskurs ausklammert, in Frage zu stellen. Jüdisch-christliche Offenbarungsreligionen sind von ihrem tiefsten Wesen als Heils- und Erlösungsreligionen in Geschichte und Gegenwart und damit auch in Politik und Gemeinwohl eingebunden. Ästhetisierenden oder spiritualisierenden Versuchen, diesen Zusammenhang aufzulösen, muss Theologie daher entschieden entgegentreten.

Die Theologie hat die wichtige Aufgabe, religiöse Zeichensysteme zu entschlüsseln. Das bedeutet, gesellschaftliche Zusammenhänge vor dem Hintergrund der Säkularisierungsthese zu beschreiben und verständlich zu machen. Zusätzlich braucht es die theologische Reflexion, um die Überzeugungskraft von Religion, ihre Wertevorstellungen und die zugrundeliegenden normativen Gestaltungsprozesse gleichsam von innen heraus zu erklären. Im Sinne Habermas’ gilt es, die emanzipativen und ethischen Potentiale der Religion in den öffentlichen Diskurs einzubringen und für die Gesamtgesellschaft verständlich und zugänglich zu machen.

In einem weiteren Schritt ist einer verkürzten Sicht der Entwicklungszusammenarbeit entgegenzutreten, die sich aus westlicher Perspektive ebenso effizient wie funktionalistisch auf wirtschaftliche Unterstützung fokussieren soll. Zusammenarbeit kann nur dort gelingen, wo dem Partner ein eigenes Denken und Fühlen, eine eigene Kultur und eigenständige gesellschaftliche und religiöse Rahmenbedingungen zugesprochen werden. All dies schreibt sich leicht und ist in der gelebten Praxis nicht immer einfach zu realisieren. Entwicklungszusammenarbeit muss deshalb über die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen hinaus die unterschiedlichen religiösen Strömungen in den Partnerländern wahrnehmen und respektieren und von den von ihnen bedienten Sehnsüchten her verstehen. Eine Theologie, die diese Expertise gewonnen hat und die »Zeichen der Zeit« zu deuten (Gaudium et spes 4) weiß, und die es darüber hinaus versteht, Religion von innen heraus zu plausibilisieren und ihre Ausdrucksformen – auch in Bezug auf ihre ethischen Implikationen – zu deuten, ist hier eine geeignete Partnerdisziplin, die im Verbund mit dazu beitragen kann, ein wenig Licht in manch blinde Flecken innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit zu bringen.

GUIDO MEYER
Dr., Professor für Religionspädagogik am Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen University

STEFFEN JÖRIS
Dr., Akademischer Rat für Neues Testament und Urchristentum am Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen University

Ausgabe 1/2019

ANMERKUNGEN

1 Vgl. dazu: Casanova, José, Säkularisierung und die Weltreligionen, Frankfurt a. M. 2007. Höhn, Hans Joachim, Säkularisierung. Gesellschaft im Umbruch – Religion im Wandel, Paderborn 2007.
2 Vgl. Detlef Pollack, Säkularisierung – ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland, Tübingen 2003.
3 Vgl. Taylor, Charles, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2009.
4 Vgl. Habermas, Jürgen, Glauben und Wissen, Frankfurt a. M. 2001.

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