»Ohne Dialog dominieren Vorurteile« Interreligiöser Dialog als Herausforderung corner

»Ohne Dialog dominieren Vorurteile«

Interreligiöser Dialog als theologische Herausforderung für eine multikulturelle Gesellschaft

von PATRICK BECKER

Die wissenschaftliche Reflexion über Religion in einer globalen Perspektive kann nicht von einem interkulturellen und interreligiösen Diskurs absehen. Deshalb spielt der interreligiöse Aspekt im Masterstudiengang »Theologie und Globale Entwicklung« eine wichtige Rolle. Dialog geschieht dabei nicht nur auf einer wissenschaftlichen Ebene, sondern häufig im Alltag zwischen Student/-innen und Dozent/-innen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen.

Simone Paganini (Mitte) und Idris Malik (rechts) im Gespräch mit Patrick Becker, dem Koordinator des Studiengangs »Theologie und Globale Entwicklung«.
FOTO: SIMONE PAGANINI

Patrick Becker, Koordinator des Studiengangs »Theologie und Globale Entwicklung«: Islamophobie einerseits und Verdachtsmomente gegenüber einer christlich geprägten Gesellschaft andererseits sind Aspekte, die in der gegenwärtigen Diskussion zum Tragen kommen. Wenn man sich die heiligen Schriften von Islam und Christentum anschaut, bekommt man ein anderes Bild der Beziehungen, die zwischen religiösen Gemeinschaften und Zivilgesellschaft entstehen sollten. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Simone Paganini, Professor für Biblische Theologie in Aachen: Für mich ist die grundsätzliche und ursprüngliche Botschaft Jesu nicht nur die, die wir am Ende des Matthäusevangeliums lesen, nämlich »Gehet hin und tauft die ganze Welt!«, sondern vor allem das Bild vom Salz im Teig, mit dem Jesus seine Nachfolger vergleicht. Es geht nicht darum, die Gesellschaft mit allen Mitteln christlich zu machen – wie es im Laufe der Geschichte allzu oft und häufig auch mit gewaltsamem Nachdruck passiert ist –, sondern darum, eine Vorbildfunktion einzunehmen. Alles andere ist extrem problematisch und wird zurecht von vielen Menschen auch nicht mehr gutgeheißen.

Idris Malik, studiert »Theologie und globale Entwicklung « und ist ehrenamtliches Mitglied im Vorstand einer der ältesten Moscheen Deutschlands: Uns Muslimen ist dieses christliche Verständnis der Missionierung nicht fremd. Wie im Koran, in der 49. Sure bei Vers 13 klar zum Ausdruck kommt, sind die Menschen von Gott mit all ihren Unterschieden gewollt. Das Ziel dieser Unterschiedlichkeit ist aber nicht die Trennung, sondern das Kennenlernen des Anderen. Im Islam ist eine Zwangskonversion – egal ob durch Gewalt oder durch Unterdrückung – verboten. Unser Verständnis der Einladung zum Islam bezieht sich auf die Darstellung und Erläuterung der Inhalte des Islams, auf dass sich jede und jeder ein Bild von Glauben und Religion machen und überlegen kann, ob sie ihn anspricht oder nicht. Vorbilder und Begleitung gehören natürlich dazu.

Paganini: Das ist im Christentum auch so, oder besser gesagt, es sollte so sein. Entweder sind die Vorbilder in Kirche und Gesellschaft authentisch und überzeugend, oder Christen geraten in Erklärungsnot und die christlichen Werte werden unglaubwürdig.

Malik: Wobei wir auch nicht verkennen dürfen, dass die historische Praxis in beiden Glaubensgemeinschaften anders gewesen ist und manchmal immer noch ist. Diese Geschichte darf nicht vergessen werden, denn es wäre falsch, ein naiv idealistisches Bild zu zeichnen. Es geht darum, in der Zukunft die historischen Fehler nicht zu wiederholen.

Paganini: Das ist in der Tat entscheidend. Angst vor Religion hilft niemandem. Im Gegenteil, ein konstruktiver Dialog bringt für die moderne, immer mehr multikulturell werdende Gesellschaft sowohl auf sozialer, aber auch auf politischer Ebene nur Vorteile. Ohne Dialog dominieren die Vorurteile. Vorurteile aber führen zu Ignoranz und zu radikalen Positionen. So werden, anstatt konstruktiv nach Lösungen zu suchen, Grenzen verfestigt und neue Mauern aufgebaut.

Becker: Christentum und Islam sind Religionen, die nicht nur das spirituelle Innenleben beeinflussen, sondern durch ihre Ethik auch auf die Mitgestaltung gesellschaftlichen Lebens zielen. Von christlichen beziehungsweise europäischen Werten ist oft die Rede. Was ist mit dem Islam? Sind islamische Werte anders?

Malik: Wenn man sich die heiligen Schriften beider Religionen ansieht, besteht unbestritten eine gemein- same Grundlage der Ethik, was natürlich auch auf die gemeinsame Prophetengeschichte zurückzuführen ist. Sehr viele Gestalten und ihre Botschaft sind dem Christentum und dem Islam gemeinsam, nicht nur Abraham, sondern auch Moses und Jesus. Muslime orientieren sich nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im Alltagsleben an den islamischenWerten. Dabei sind diese Werte Europa gar nicht fremd. Es handelt sich vielfach um grundsätzlicheWerte, die zum Beispiel auch in den biblischen zehn Geboten zu lesen sind und die auf eine religiöse, aber auch solidarische und ethische Gesellschaft abzielen. Das sind also die Werte, die uns tagtäglich begleiten.

Becker: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Malik: Nehmen wir das gemeinsame gesellschaftliche Leben in Deutschland, hier ist es zum Beispiel für Muslime eine Pflicht, Nachbarn gut zu behandeln, gleich welche religiöse Überzeugung sie haben. Oder wenn der Koran von der Hilfe für das Waisenkind spricht, so spricht er nicht spezifisch vom muslimischen, sondern vom Waisenkind schlechthin.

Paganini: Moral ist nicht in erster Linie ein Gesetz, das irgendwo aufgeschrieben wäre. Moral wird genau in dem Moment relevant, wo Menschen in ihrem Umfeld nach ihren moralischen Prinzipien handeln, die Werte, an die sie glauben, zu realisieren versuchen. Ich sehe in der deutschen Gesellschaft zum Beispiel keine großen Unterschiede zwischen dem Engagement von Christen und Muslimen, wenn es darum geht, Flüchtlingen zu helfen. Ein engagierter Pfarrer in Aachen Ost hat mir einmal gesagt: »Zuerst hilft man, danach stellt man eventuell Fragen.« Da arbeiten Kirchen und islamische Vereine beziehungsweise Gemeinschaften sehr ähnlich und nicht selten zusammen. Solidarität, Nächstenliebe, aber auch die zutiefst religiöse Motivation für den sozialen Einsatz und für eine solidarische Gesellschaft sind dem Christentum und dem Islam gemeinsam.

Becker: Gibt es weitere Gemeinsamkeiten?

Malik: Ein Leitprinzip, das sowohl im Koran als auch in der Bibel zu lesen ist, gehört zu den Grundsätzen der menschlichen Ethik überhaupt: Man soll das Gute tun und das Übel soll vermieden werden.

Paganini: Es gibt leider auch Christen, die aus Angst oder aus einem falschen Verständnis des Christentums heraus meinen, die europäische Gesellschaft vor dem Islam schützen zu müssen und dabei auch zu Gewalt bereit sind. Da sehe ich einen sehr gefährlichen Radikalismus, der nicht weit weg ist von dem einiger Muslime, die gewalttätig agieren und dafür selbstverständlich in der Öffentlichkeit verurteilt werden. In beiden Fällen sind das aber Einzelne, die innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft keinen Rückhalt haben.

Becker: Bei unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der eigenen Religion merkt man, dass interreligiöser Dialog und innerreligiöser Dialog irgendwie zusammengehören. Wie wird Ökumene in der Vielfalt religiöser Ausformungen und Weltanschauungen gelebt?

Paganini: Ich bin der Meinung, dass die historisch gewachsenen Unterschiede innerhalb des Christentums zumindest in den praktischen Ausformungen grundlegend diskutiert werden sollten. Viele Menschen verstehen die Unterschiede kaum mehr. In der Praxis gibt es zwischen christlichen Konfessionen sehr ähnliche Probleme und Herausforderungen. Man könnte viel mehr voneinander lernen. Ähnliches gilt, meines Erachtens, auch im interreligiösen Dialog. Ich habe vor kurzem eine Masterarbeit von einer muslimischen Studentin betreut, die sich mit der Problematik der ständigen Entfremdung von jungen Muslimen von der traditionellen Religion beschäftigt. Junge Leute gehen nicht mehr in die Moschee und identifizieren sich nicht mehr mit den traditionellen Werten. Die Situation ist hier nicht viel anders als innerhalb der Kirchen. Die Herausforderungen sind ähnlich, vielleicht wäre es hilfreich, gemeinsam auf die Suche nach praktikablen Lösungen zu gehen.

Malik: Gemeinsam mit dem interreligiösen Dialog ist auch der innerreligiöse Dialog zu führen. Auch im Islam existieren viele verschiedene Gruppierungen und Konfessionen. Der innerreligiöse Dialog besteht schon seit Jahrhunderten, leider wurde er auch unter Muslimen immer wieder gewaltsam geführt. Ein grundlegender Unterschied zwischen dem Islam und dem Christentum – und das prägt den Charakter des innerreligiösen Dialoges – ist die Tatsache, dass es keine kirchliche Hierarchie im Islam gibt. Die Gruppen debattieren mehr oder minder autonom. Die gemeinsame Grundlage aber, das Glaubensbekenntnis, verbindet die Konfessionen und trotz vieler historisch gewachsener Unterschiede praktiziert man den Glauben auch gemeinsam. In unserer Moschee in Aachen finden sich Sunniten und Schiiten im Gebet und im sozialen Leben zusammen.

Bibel, Koran, Tora: Ein Grundwissen über die heiligen Schriften ist notwendig, um einen guten Dialog zwischen den unterschiedlichen Religionen führen zu können.
FOTO: KNA-BILD

Paganini: Das finde ich sehr schön. Vorbildhaft, würde ich sogar sagen. Man hört aber immer wieder von zum Teil sehr blutigen Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten.

Malik: Ja, Sie haben recht. Diese Auseinandersetzungen sind aber auch den Christen nicht erspart geblieben im Laufe der Geschichte. Man braucht nur an den Dreißigjährigen Krieg zu denken oder in jüngeren Zeiten an die Auseinandersetzungen in Irland, die nicht nur aber auch ganz stark konfessionell motiviert waren. Da sollte man sich nicht verstecken oder die Situation schönreden. Ich denke, dass sowohl Muslime, die andere Muslime töten, als auch Christen, die andere Christen töten, sehr wenig von der Botschaft ihrer jeweiligen Heiligen Schrift verstanden haben. Daher sind für mich die Auseinandersetzung und das Studium der Religionen besonders wichtig, denn je besser ich diese verstehe, desto besser verstehe ich mein Gegenüber.

Becker: Der Islam wird, wenn man Statistiken und Umfragen glaubt, in Deutschland immer noch als etwas »Fremdes« angesehen: Christen sind häufig in der Rolle der »Hilfsorganisation«, Muslime sind hingegen Mitglieder einer »Unterschichts- beziehungsweise hilfsbedürftigen Religion «, denen geholfen werden soll. Wie sehen Sie diese Problematik?

Paganini: Wie eine Religion wahrgenommen wird, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Dass die große Mehrheit der Flüchtlinge derzeit aus islamischen Ländern kommt und Hilfe braucht, ist unbestreitbar. Es war aber nicht immer so und es wird auch nicht so bleiben. Denn Menschen, die vor Krieg und Armut flüchten, kommen nach Europa, weil sie auf bessere soziale Bedingungen hoffen. Ihre Religion ist nur ein Teil ihrer Kultur, die man zunächst versuchen sollte zu verstehen. Die Situation ist im Moment auch durch die mediale Wahrnehmung oft auf »Christen helfen – Muslime empfangen« reduziert. Menschen, die in der Flüchtlingshilfe arbeiten, wissen ganz genau, dass die Lage nicht so simpel zu erklären ist. Auf der anderen Seite stellt auch die Bildungspolitik wichtige Weichen, um die sozialen Ungleichheiten wahrzunehmen. Auf universitärer Ebene leisten sich immer mehr Fakultäten Institute für Islamwissenschaft oder gar islamische Theologie. Das ist grundsätzlich gut, denn nur durch Bildung und durch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen Religion kann man Probleme und Herausforderungen identifizieren und auch lösen. Dies gilt nicht nur innerhalb der europäischen Gesellschaft, sondern weltweit. Da kann man auf beiden Seiten sehr viel gewinnen. Ich denke an die Absolventen des Studiengangs »Theologie und Globale Entwicklung «: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen Religion ist ganz wesentlich, will man anderen Religionen und Weltanschauungen später nicht als Oberlehrer/-in, sondern als neugieriger und hilfsbereiter Mensch begegnen.

Malik: Leider muss ich sagen, dass die hiesige Integrationsdebatte auf falschen Prämissen basiert und so, wie sie jetzt geführt wird, nicht zu einer zufriedenstellenden Lösung führen kann. Wir gehen immer davon aus, dass die Herkunft eines Menschen seine religiöse Zugehörigkeit bestimmt. Das ist schon falsch, weil Religion keine Frage der Herkunft, sondern der persönlichen Überzeugung ist. Die Eigenschaften eines Flüchtlings sind nicht nur von seiner religiösen Überzeugung geprägt, sondern vor allem von seinem sozialen Umfeld. Er muss ja nicht einmal religiös geprägt sein. Genauso muss beispielsweise ein Deutscher, der zum Islam konvertiert, nicht neu integriert werden.

Bei einer Dialogrunde in Rom kommen Muslime und Vertreter der katholischen Kirche zu Gesprächen zusammen.
FOTO: KNA-BILD

Paganini: Da haben Sie recht. Allerdings ist Religion, gerade wenn man in einem fremden Land plötzlich einsam und unsicher ist, etwas, was Identität schaffen und Halt geben kann. Dabei wird Religion aber sehr häufig extrem simplifiziert und man riskiert eine Radikalisierung. Ich denke, dass hier gerade muslimische Vereine eine sehr solide Arbeit sowohl im sozialen Bereich als auch in der Bewusstseinsbildung leisten.

Malik: Dem will ich gar nicht widersprechen, aber was Sie angesprochen haben, ist die positive Wirkung der Religion. Die Integrationsdebatte wird aber immer religionspolitisch unter dem Schatten des »Wir und Ihr« geführt. Hier wird nicht auf diese positive Wirkung eingegangen, sondern Religion sogar zur Spaltung der Gesellschaft benutzt.

Paganini: Ich denke, dass gerade die Analyse solcher Vorgänge einen Platz innerhalb der wissenschaftlichen Forschung und Lehre haben sollte. Unser Masterstudiengang stellt eine Möglichkeit dar, Religion und Religionen beziehungsweise Weltanschauungen von innen zu betrachten und diese in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu verstehen. Das ist eine große Herausforderung, aber gleichzeitig eine Chance. Ich bin überzeugt, dass nur ein derartiges Gespräch und eine vertiefte Kenntnis des Anderen zu einer besseren multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft führen können. Ein solches Sich-aufeinander-Einlassen ist keine Gefahr, sondern ich empfinde es stets als eine große Bereicherung.

Malik: Es ist in der Tat eine spannende Herausforderung. Muslime hierzulande wissen wenig über das Christentum und dieser gegenseitige Austausch bereichert sowohl Christen als auch Muslime in ihrem Wissen über die Religion des Anderen. Erst das Kennenlernen führt zum Abbau der Vorurteile, die bei allen Glaubensangehörigen vorhanden sind. Noch ein Wort zur Integrationsdebatte: Sie muss im Inland und in den Entwicklungsländern geführt werden. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber sie muss zur Ermutigung, sich als Migrant in die Gesellschaft einzubringen und eine neue Heimat zu finden, beitragen. Dazu gehört mehr als nur die religionspolitische Debatte. Die Menschen, Einheimische wie Zugewanderte, sind facettenreich und in all diesen Facetten müssen sie begriffen werden. Bildung und Sprache spielen eine wichtige Rolle. Die religiöse Identität kann einen wichtigen Beitrag leisten, die ethischen und moralischen Werte in das Bewusstsein und den Alltag unserer Gesellschaft wieder stärker einfließen zu lassen.

Becker: Danke für das Gespräch und für die Offenheit, mit der Sie diskutiert haben.

Ausgabe 1/2019

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