November/Dezember 2014 Religiöse Toleranz corner

Ausgabe November/Dezember 2014

LIEBE LESERINNEN! LIEBE LESER!

Die Weltgemeinschaft scheint zurzeit durch ein bedrängendes Gefühl der Ohnmacht angesichts der brutalen Gewalt der IS im Irak und in Syrien wie gelähmt. Mord, Vergewaltigung und Versklavung im Namen von Religion, im Namen des Islam. Terroristen, die sich einer vorgeblich religiösen Rechtfertigung bedienen, um ihre Gräuel zu legitimieren. Es ist sehr zu begrüßen, dass 128 hochkarätige islamische Gelehrte aus aller Welt der IS absprechen, sich auf den Islam berufen zu dürfen, ja ihre Gewalt mit dem Koran begründen zu dürfen (www.lettertobaghdadi.com ). Zugleich müssen wir feststellen, dass insbesondere auch in unseren Breiten die Gewalt der IS in einer Weise interpretiert wird, als ob der Islam jetzt endlich sein wahres Gesicht zeige. Diesen haltlosen Behauptungen müssen wir uns entschieden entgegenstellen.

Zugleich verweist diese aktuelle Debatte über den Islam auf ein grundlegendes Problem: Religiöse Toleranz als ein hoher Wert, der den Respekt gegenüber anderen Religionen als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben aller Religionen ansieht, scheint in der heutigen globalisierten und hochkomplexen Welt aus den Fugen geraten zu sein. Buddhistische Extremisten in Sri Lanka und Myanmar greifen gewaltsam religiöse Minderheiten an. Hindu-Nationalisten in Indien sehen Mitglieder religiöser Minderheiten als Fremdkörper an, die keine Berechtigung haben sollen, als gleichberechtigte Bürger der indischen Nation anerkannt zu werden. Und eine kleine Gruppierung von Islamisten meint, dem indonesischen Staat die eigene Ideologie aufzwingen zu können und religiöse Minderheiten dieser Ideologie zu unterwerfen. Das bedeutende Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils »Nostra Aetate« hat die Wertschätzung gegenüber allen Religionen deutlich zum Ausdruck gebracht. Heute scheint die Bedeutung dieser Aussagen höher denn je. Dieses Dokument sollte Maßstab unseres Handelns sein!

Norbert Kößmeier