Argentinische Theologin Virginia Azcuy corner

Virginia Azcuy, argentinische Theologin

Theologie an den "encrucijadas" - den Wegkreuzungen

von MARGIT ECKHOLT

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Mit diesem Zitat eröffnet Virginia Azcuy einen autobiographischen Text in der Textsammlung »A mitad de camino« über die gegenwärtige jüngere argentinische Theologengeneration. »Geistlich zu leben, das heißt, im Dialog, im Gespräch zu leben«. Virginia Azcuy nennt einen Leitfaden ihres persönlichen Weges und ihres Weges in der Theologie: die Spiritualität, die im Dialog und Gespräch konkret wird und ihre Früchte austrägt an den vielen Kreuzungen, die ihren bisherigen Weg geprägt haben: zwischen geistlichem Lebensweg und engagierter Theologie, zwischen Nord und Süd, zwischen klassisch-akademischen und feministisch-befreiungstheologischen Optionen.

Virginia Azcuy wurde am 24. August 1961 in Buenos Aires geboren, sie ist mit drei Brüdern groß geworden, Tochter eines angesehenen argentinischen Geologen und Mitglied des CONICET, des argentinischen Forschungsverbandes, und einer der Natur, vor allem den Pflanzen verbundenen, auch künstlerisch tätigen Mutter. Erst auf dem Gymnasium Nuestra Señora de la Misericordia, das Virginia 1974 –1978 besuchte, setzt sie sich, mit 13 Jahren, zum ersten Mal mit Glaubensfragen auseinander, sie lässt sich 1974 taufen und engagiert sich in der im Geist der 2. Lateinamerikanischen Bischofssynode von Medellín arbeitenden Jugendbewegung »Palestra«. 1980 nimmt sie das Theologiestudium an der theologischen Fakultät in Villa Devoto / Buenos Aires auf. Gleichzeitig vertieft sich ihre geistliche Suchbewegung, die Texte Teresa von Avilas und Therese von Lisieux’ begleiten sie, sie knüpft Kontakte mit dem Karmel und ist – bis 1987 – in der Fraternidad Mariana Femenina engagiert, die als Fundación Apostólica Mariana in der Diözese San Nicolás gegründet worden ist.

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN

  • La figura de Teresa de Lisieux. Ensayo de fenomenología teológica según Hans Urs von Balthasar (tesis doctoral), Buenos Aires, Ediciones de la Facultad de Teología, 1997, 2t.
  • El lugar teológico de las mujeres. Un punto de partida, Hrsg., Proyecto 39 (2001) 448 p.
  • Diccionario de Obras de Autoras. Hrsg. mit Gabriela Di Renzo u. Celina Lértora Mendoza. Buenos Aires, San Pablo, 2007, Bd. 1.
  • Antología de Textos de Autoras. Hrsg. mit Marcela Mazzini u. Nancy Raimondo. Buenos Aires, San Pablo, 2008, Bd. 2.
  • Estudios de Obras de Autoras. Hrsg. mit Mercedes García Bachmann u. Celina Lértora M. Buenos Aires, San Pablo, 2009, Bd. 3.
  • Citizenship – Biographien – Institutionen. Perspektiven lateinamerikanischer und deutscher Theologinnen auf Kirche und Gesellschaft. Hrsg. mit Margit Eckholt. Münster, LIT Verlag 2009.
  • Hitos y Cruces del Camino. Hrsg. mit Marta Palacio u. Nancy Bedford. Buenos Aires, San Pablo, 2010, Bd. 4 (im Druck).

Auf dem Weg des Theologiestudiums wird vor allem die Begegnung mit Professor Lucio Gera von Bedeutung. Lucio Gera, Professor für Dogmatik an der theologischen Fakultät der UCA, Diözesanpriester und Berater auf der 2. und 3. Generalversammlung in Medellín und Puebla, hat für die Entwicklung der argentinischen Theologie im Geiste des 2. Vatikanums wichtige Impulse gegeben, er ist bis heute ein wichtiger Wegbegleiter für die jüngere Generation der argentinischen Theologen/Theologinnen. Virginia Azcuy wird Assistentin an seiner »Cátedra« für Ekklesiologie und wird von Lucio Gera in ihrer Lizentiatsarbeit zum Thema »Die Armen als Sakrament Christi im Denken von Ignacio Ellacuría« begleitet. Parallel zu dieser Studie, zwei Jahre vor der Ermordung Pater Ellacurías, seiner Mitbrüder und der beiden Hausangestellten fertiggestellt, arbeitet Virginia Azcuy als Stipendiatin in einem deutsch-lateinamerikanischen Forschungsprojekt zur Katholischen Soziallehre in Lateinamerika, das von Peter Hünermann und Juan Carlos Scannone geleitet wird. Auf einer Tagung des Projektes in Buenos Aires knüpft sie 1990 die ersten Kontakte zu deutschen Theologen. Die entscheidende »encrucijada« tut sich durch ihre Entscheidung auf, ein Promotionsprojekt unter Leitung von Pater Gera anzugehen und einen großen Teil der Forschungsarbeiten an der Universität Tübingen unter Leitung von Peter Hünermann durchzuführen. Die persönliche geistliche Suchbewegung und die theologische Vertiefung kreuzen sich nun: Wegbegleiter ihrer Promotionsstudien sind Hans Urs von Balthasar und Therese von Lisieux, der Karmel in Tübingen wird zu einer geistigen Heimat, freundschaftliche Beziehungen wachsen im Doktorandenkreis von Peter Hünermann und mit den Stipendiaten des Intercambio Cultural Latinoamericano-alemán. Die Grundlagen für fruchtbare weitere Zusammenarbeit mit Nancy Bedford, heute Professorin am Garrett- Evangelical-Theological-Seminary in Chicago, mit Carlos Schickendantz, Vizepräsident der Katholischen Universität von Córdoba und Professor für Dogmatik, sowie mit Margit Eckholt werden hier gelegt.

Ende 1995 kehrt Virginia Azcuy nach Buenos Aires zurück, sie beendet ihre Promotion im November 1996 und veröffentlicht sie ein Jahr später unter dem Titel »La figura de Teresa de Lisieux. Ensayo de fenomenología teológica según Hans Urs von Balthasar«. Wie die meisten lateinamerikanischen jungen Wissenschaftler nimmt sie in den ersten Jahren nach der Rückkehr aus Deutschland verschiedene Lehraufträge an theologischen Ausbildungszentren in Argentinien wahr. Im Jahr 1998 wurde sie zur »profesora asociada adjunta« auf dem Lehrstuhl für Theologie der Spiritualität an der theologischen Fakultät der Katholischen Universität in Buenos Aires ernannt und im Jahr 2000 zur Professorin für Ekklesiologie, dann 2003 als »profesora extraordinaria titular« ebenda und im selben Jahr zur Professorin für Mariologie und Frauentheologie an der theologischen Fakultät der Jesuitenuniversität in San Miguel. Vor kurzem wurde sie zur »profesora ordinaria « an der Katholischen Universität ernannt.

Für ihren persönlichen Lebensweg wird das Jahr 2001 von Bedeutung, sie legt die Weihe im ordo virginum der Erzdiözese Buenos Aires ab, eine geistliche Entscheidung, die aber nicht nach innen abschließt, sondern das konkrete – praktische und theologische – Engagement wachsen lässt. In den Jahren 2002 bis 2004 ist sie am Forschungsprojekt der UCA zur »deuda social « beteiligt und kann an ihre frühen Studien zur Befreiungstheologie und Armutsfrage anknüpfen, der interdisziplinäre Arbeitskreis wird für ihre eigene theologische Suchbewegung von großer Bedeutung. Spiritualität und Befreiungspraxis begegnen sich auf neue Weise, was in den Jahren ihrer Promotion noch keine Frage wird, wird nun zu der großen »encrucijada «, die den weiteren theologischen Weg Virginias begleiten wird: die Frauenfrage und die Auseinandersetzung mit feministisch-theologischen Ansätzen, vor allem auch in der Begegnung von Nord und Süd, von neuen US-amerikanischen Entwicklungen und einer Beschäftigung mit dem Feminismus in Lateinamerika. Entscheidend war ein Podium auf der Tagung der Sociedad Argentina de Teología, das Virginia Azcuy 2001 zusammen mit Gabriela Di Renzo, Marcela Mazzini und Josefina Llach zum Thema »Iglesia, Teología y Mujeres« bestritten hatte, für die argentinische Theologenvereinigung ein Novum. Im selben Jahr werden die neuen Ansätze argentinischer Theologinnen in der Zeitschrift Proyecto sichtbar, für die Virginia Azcuy die Nummer zum Thema »El lugar teológico de las mujeres. Un punto de partida« vorbereitet. Die Theologinnen beginnen, sich zu vernetzen, erste Treffen finden gemeinsam mit den protestantischen Theologinnen des Instituto Universitario ISEDET, des evangelisch-theologischen Zentrum in Buenos Aires, statt, mit Nancy Bedford und Mercedes García Bachmann. Ein weiterer wichtiger Baustein auf diesem neuen theologischen Weg sind die Tagungen, die von AGENDA – Forum katholischer Theologinnen e.V., Adveniat und dem Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland e.V. in Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie Wolfsburg im November 2002, sowie im November 2004 als gemeinsame Studientage deutscher und lateinamerikanischer Theologinnen in Mülheim/Ruhr durchgeführt werden. Für Virginia Azcuy und ihre Kolleginnen ist es der Anstoß zur Gründung der Theologinnenvereinigung »Teologanda«, deren Ziel es ist, argentinische – und andere lateinamerikanische – Theologinnen zu vernetzen und jüngere Frauen auf ihrem Weg in der Theologie zu fördern. »Teologanda« organisiert jährlich mehrere Tagungen in Buenos Aires, die »Seminarios Intensivos« und »Compactos«, zu denen oftmals auswärtige Referentinnen eingeladen werden und vor allem aktuelle Themen der feministischen Theologie und Gender-Forschung erarbeitet und vertieft werden. Beeindruckend ist das breit angelegte Publikationsprojekt »Mujeres haciendo teologías«, das für die lateinamerikanische Theologie zu einem Standardwerk zur Geschichte und Gegenwart der feministischen Theologie in Lateinamerika wird, wobei neben den lateinamerikanischen »Pionierinnen« feministischtheologischen Denkens die Referenzautorinnen aus den USA oder Europa vorgestellt werden. Neben biographischen Zugängen zu den Autorinnen werden ihre zentralen Werke über Kurzrezensionen und Textinterpretationen vorgestellt. Seit 2004 bietet Virginia Azcuy auch einen Zyklus im Lizentiatsstudium an der theologischen Fakultät der Jesuitenuniversität mit Kursen zum Thema »Teologías hechas por mujeres« an. Für die argentinische akademische Landschaft der Theologie ist dies ein wichtiges Zeichen – bis heute ist es nicht leicht, an den lateinamerikanischen theologischen Ausbildungsstätten Orte für eine Frauentheologie zu öffnen. Interessant ist, dass die Theologinnen, die sich zu vernetzen beginnen, an verschiedenen kirchlichen, gesellschaftlichen, theologischen Orten tätig sind und auch zwischen diesen Orten »wandern«. Das Netzwerk der argentinischen Theologinnen ist ökumenisch angelegt und durchlässig auf andere wissenschaftliche Disziplinen. Zu den Tagungen werden Philosophinnen, Soziologinnen, Historikerinnen usw. eingeladen; interdisziplinäres Arbeiten charakterisiert den »intellectus fidei« der Theologie der Frauen. Ziel ist es, wissenschaftlich wahr- und ernstgenommen zu werden, auf Kongressen präsent zu sein, zu publizieren, aber darüberhinaus die Ergebnisse der Arbeit auch auf Ebene kirchlicher Bildungsarbeit, in Pfarreien, Gemeinschaften usw. vorzustellen.

Virginia Azcuy
FOTO: MARGIT ECKHOLT

Inhaltlicher Referenzpunkt ist für Virginia Azcuy die langjährige Mitarbeit in dem genannten Forschungsprojekt zur »argentinischen Krise« und der zunehmenden Armut in der argentinischen Gesellschaft. Hier wurde nach den Ursachen für die Entwicklungshemmnisse gefragt, gerade auch über den Blick auf die am meisten von der Krise Betroffenen – das sind vor allem Frauen, junge und alte. Von diesen – vor allem auch soziologischen – Analysen ausgehend bezeichnet Virginia Azcuy die »inequidad de género« und mit ihr verbunden die soziale Ungleichheit aus theologischer Perspektive als »iniquidad«: Die Ungleichheit ist eine »soziale Sünde«, gerade weil sie die Tiefenschichten menschlicher Existenz tangiert. Aufgabe der Theologie ist ein Beitrag zur Transformation dieser Situation und zur Schaffung von neuen, gerechten menschlichen Beziehungen. Der theologische Blick von Virginia Azcuy richtet sich – und dabei setzt sie beim Weg der Pionierinnen der feministischen Theologie in Lateinamerika an – auf die »gekreuzigten Frauen«: Es geht darum, so wendet sie eine Formulierung von Jon Sobrino, »bajar de la cruz a las mujeres crucificadas« – die gekreuzigten Frauen vom Kreuz zu holen. Das bedeutet dabei nicht, den Blick allein auf die Frauen als »Opfer« und »Leidende « zu richten, sondern vielmehr, über diesen Blick die Entwicklungspotentiale der Gesellschaft zu stärken, Wege der Gestaltung eines Miteinanders im Sinne eines guten Lebens auszulegen. Eine solche – die »inequidad de género« überwindende – »convivencia« mitzugestalten wird in den nächsten Jahren der entscheidende Beitrag der feministischen Theorie in Gesellschaften wie den lateinamerikanischen sein. Genau hier ist die theologische Frage eingebettet, die Virginia Azcuy angesichts der Gewalterfahrungen, die vor allem arme Frauen machen, in Anlehnung an Gustavo Gutiérrez so formuliert: »Wie von Gott sprechen angesichts der Ungleichheit der Geschlechter, welche Worte müssen die Frauen sagen, um die Ankunft des Heils zu verkünden und neue Praktiken zu initiieren, die zu einer Transformation von Kirche und Gesellschaft führen?«

Ein Höhepunkt des neuen Aufbruchs von »Teologanda « und ein Zeichen der Fruchtbarkeit des Netzwerkes war die Durchführung des Theologinnenkongresses in Buenos Aires im März 2008. Der von Teologanda und AGENDA, in Kooperation mit Adveniat, dem Secretariat for Churches in Latin America (SCLA) und dem Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland durchgeführte Kongress hat den gemeinsamenWeg der letzten Jahre unter dem Titel »Biographien – Institutionen – Citizenship« gebündelt. Auf dem Kongress kamen über 300 Theologinnen und Theologen (circa 1/10 davon Theologen) aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, der Dominikanischen Republik, El Salvador, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru, Puerto Rico und Uruguay, aber auch den USA, Spanien und Deutschland zusammen. Das Thema der »citizenship« wurde bewusst gewählt; es ist in den letzten Jahren in Lateinamerika zu einem wichtigen Leitmotiv gerade im Blick auf die vielschichtige Erinnerung an das »Bicentenario de la Independencia « (200 Jahre Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Länder von Spanien) geworden. Aus Frauenperspektive ist »citizenship« kein einfaches Thema, es geht um Fragen der Zugehörigkeit und Partizipation, der schwierigen Verhältnisbestimmung von Menschenrechten und Frauenrechten, um neue ekklesiologische Impulse und Wege zu einer »öffentlichen Theologie« von Frauen. Die Beiträge des Kongresses konnten einzelne »Schneisen« schlagen und Pisten für die weitere Arbeit auslegen.

»Encrucijadas« sind ein Kennzeichen des persönlichen und theologischen Weges, den Virginia Azcuy eingeschlagen hat: Das »vivir espiritualmente« – »geistlich Leben« – hat sie immer stärker eine in der argentinischen Realität inkarnierte Theologie entwickeln lassen, eine engagierte Theologie, die die Optionen der befreiungstheologischen Aufbrüche der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts in die Gegenwart hineinträgt und in dem lebendigen Netzwerk »Teologanda« weiterentwickelt. Ein Leitmotiv ihres Arbeitens formuliert sie mit der US-amerikanischen Theologin Letty Russell: »sich um den Tisch der Kirche und Welt versammeln«. Wünschen wir Virginia viele weitere fruchtbare »encrucijadas«!

MARGIT ECKHOLT
Theologin, Lehrstuhlinhaberin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Universität Osnabrück

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