Ein asiatisch-amerikanischer Theologe aus Malaysia Jonathan Y. Tan corner

Jonathan Y. Tan

Ein asiatisch-amerikanischer Theologe aus Malaysia

von GEORG EVERS

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Jonathan Yun-ka Tan wurde im Februar 1969 von chinesisch-stämmigen Eltern in Ipoh in Malaysia geboren, wo er auch zur Grundschule der De La Salle Schulbrüder ging und später am Gymnasium derselben Gesellschaft in Singapur die Hochschulreife erlangte. Sein eigentlicher Studienwunsch, Theologie zu studieren, stellte er als guter Sohn, der die konfuzianische Tugend der Kindespietät achtet, zunächst zurück und folgte dem Wunsch seiner Eltern, indem er zunächst an der nationalen Universität von Singapur Jura studierte und dieses Studium mit Auszeichnung beendete. Die Ausbildung und Tätigkeit als Jurist, die ihm logisches Denken und Klarheit der Formulierung beim Schreiben lehrte, hat er nie bereut, sondern sie als Grundlage für seine spätere Tätigkeit als Theologe geschätzt. Nach drei Jahren Rechtsanwalttätigkeit konnte er dann 1996 endlich in den USA in Berkeley das Studium der Theologie beginnen, das er mit einer Magisterarbeit über Fragen der liturgischen Inkulturation in der malaysischen katholischen Kirche abschloss. Jonathan Tans Interesse an liturgischen Fragen ging nicht zuletzt auf seine Tätigkeit als Kirchenmusiker zurück, da er von seiner Jugend an in verschiedenen Kirchen als Orgelspieler tätig gewesen war und auch qualifizierten Orgelunterricht in Singapur erhalten hatte. Unter dem bekannten vietnamesisch-amerikanischen Theologen Peter Phan (vgl. Forum Weltkirche 127 [2008], Nr. 4, 31–34) promovierte er 2002 an der Katholischen Universität Washington mit einer vergleichenden Studie über die Missionstheologie von Johannes Paul II. und der Missionstheologie der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC). Danach erhielt er 2002 einen Lehrauftrag für »Minderheiten-Studien und Religion« an der Xavier Universität in Cincinnati in Ohio, wo er bis heute als Professor tätig ist.

Der Vorrang der Orthopraxis

Wie er einmal geschrieben hat, verdankt Jonathan Tan sein Interesse und seine Liebe für chinesische Kultur und Religionen seinen Eltern, und hier vor allem seiner Mutter. Als Bürger Malaysias chinesischer Abstammung hat Jonathan Tan sich intensiv mit der Ahnenverehrung auseinandergesetzt, die in der Missionsgeschichte Chinas, Japans, Koreas und Vietnams eine so entscheidende Rolle gespielt hat. Tan kritisiert, dass beim sog. Ritenstreit die Unterscheidung zwischen »religiösen« und »rein zivilen rituellen Handlungen« den Zugang zur Praxis der Ahnenverehrung eher verbaut als erschlossen habe. Denn die darin angelegte Dichotomie zwischen »rein religiösen« und »rein zivilen Handlungen« ist Ausdruck westlichen Denkens, aber dem asiatischen Denken und Handeln fremd. Die Betonung der »wahren Lehre« (Orthodoxie) auf Seiten des kirchlichen Lehramts damals und auch heute noch, aus der heraus die Praxis der Ahnenverehrung bewertet und verworfen wurde, verkennt die Eigenart des östlichen und chinesischen Zugangs zur Ahnenverehrung, der über das »richtige Handeln« (Orthopraxis) in der Beobachtung traditioneller Riten geht. In seiner Magisterarbeit hielt Jonathan Tan fest: »Die gegenwärtige malaysisch- chinesische Kultur kann als eine Kultur der Orthopraxis bezeichnet werden, in der die Identität der malaysischen Chinesen nicht an die Zustimmung zu einer bestimmten Religion, Glauben oder Ideologie gebunden ist. Vielmehr ist die malaysisch-chinesische Identität bestimmt und geformt durch die richtige Beobachtung von gemeinschaftlichen Bräuchen und Traditionen mit besonderer Beachtung des gemeinsamen kulturellen Erbes, was angesichts des Druckes der vorherrschenden malaysischen politischen Elite in der multi-kulturellen Gesellschaft Malaysias von größter Bedeutung ist.« Die Praxis der Ahnenverehrung ist unter Malaysiern chinesischer Abstammung auch heute noch in vielfältigen Formen weit verbreitet und ein entscheidendes Element, eine eigene chinesisch-malaysische Identität zu formen und zu bewahren.

Transkulturelle liturgische Inkulturation

Als aus Malaysia stammender Theologe ist Jonathan Tan seinen asiatischen Wurzeln treu geblieben und hat in einer Reihe von Beiträgen die theologischen Entwicklungen in den asiatischen Kirchen, die durch die vielfältigen Konferenzen und Seminare der FABC-Gremien vorangebracht wurden, kritisch und konstruktiv verfolgt. Sein besonderes Interesse galt zunächst den Fragen der Inkulturation auf dem Gebiet der Liturgie. Dabei hält er fest, dass liturgische Inkulturation nur dann gelingen kann, wenn die fundamentalen und existentiellen Beziehungen zwischen dem christlichen Evangelium und den asiatischen Völkern mit ihren reichen religiösen und kulturellen Traditionen anerkannt und die vielfältigen sozio-ökonomischen Herausforderungen in den verschiedenen asiatischen Ländern berücksichtigt werden. So das Ergebnis seiner im Jahr 1997 zur Thematik der transkulturellen liturgischen Inkulturation in der katholischen Kirche in Malaysia fertig gestellten Magisterarbeit. Später hat er die Dokumente der FABC durchforstet, um aus dieser Vielzahl von Äußerungen asiatischer Bischöfe und Theologen die Grundlagen einer für alle asiatischen Ortskirchen relevanten inkulturierten Liturgie herauszuarbeiten. Die Art und Weise, wie die Liturgie gefeiert wird, ist zugleich auch ein Maßstab für den Grad der Inkulturation einer Ortskirche im asiatischen Kontext. In Asien muss eine Ortskirche, wenn sie denn wirklich eine Ortskirche sein will, Elemente aus den oft vielfältigen kulturellen und religiösen Traditionen und ethnischen Verschiedenheiten aufgreifen und verarbeiten, damit eine Form des Gottesdienstes sich entwickeln kann, welche die gegebene Vielfalt und Verschiedenheit versöhnt und zu einer Harmonie bringt. Angesichts der weitgehend ablehnenden Haltung auf Seiten des zentralen Lehramts in Fragen einer liturgischen Inkulturation hat Jonathan Tan das Feld der Liturgie verlassen und sich der in Asien mindestens ebenso wichtigen Frage ein.

BIOGRAPHISCHE DATEN VON JONATHAN Y. TAN

  • Geboren 1969 in Ipoh in Malaysia
  • Schulausbildung in Singapur
  • 1992 Abschluss des Jurastudiums an der Universität von Singapur
  • bis 1996 Tätigkeit als Rechtsanwalt
  • 1996 –1998 Studium der Theologie an der Jesuit School of Theology / Berkeley, USA
  • 2002 Promotion in Theologie an der Catholic University of America / Washington;
  • seit 2002 Assistant Professor an der Xavier University, Cincinnati.

»Mission unter den Völkern«

Ein wichtiger Beitrag ist seine Dissertation, die eine vergleichende Studie über die Missionstheologie von Johannes Paul II. und die missionstheologischen Beiträge der FABC zum Inhalt hatte. Dabei war und ist es ihm ein Anliegen, den eigenen Beitrag zur Mission der Sendung der Kirche seitens der asiatischen Minderheitenkirchen herauszustellen. Wichtig ist ihm der Wechsel in der Perspektive, aus der heraus die Verkündigung der Botschaft des Evangeliums erfolgt. Während die Missionstheologie aus der Sicht des römischen Zentrums das Modell einer »Mission zu den Völkern« (missio ad gentes) vertritt, sieht Yonathan Tan die Eigenart der Missionstheologie der asiatischen Kirchen darin, dass sie eine »Mission unter den Völkern« (missio inter gentes) vertritt. Der Unterschied zwischen den beiden Modellen ist bedeutsam. Die Vertreter einer »Mission zu den Völkern«, traditionell als »Mission zu den Heiden « bezeichnet, gehen immer noch von der Vorstellung aus, dass die Sendung der Kirche aus einem, meist geographisch bestimmten, christlichen Umfeld heraus zu vom Christentum noch nicht erreichten Volksgruppen erfolgt. Die Sendung der Kirche besteht darin, diesen Menschen, von denen traditionell gesagt wurde, dass sie »in Dunkelheit und Finsternis leben«, das Licht des Evangeliums zu bringen und die in ihren Religionen angelegten Spuren des göttlichen Wortes (logoi spermatikoi) zur Vollendung zu bringen. Aus dieser theologischen Sicht erscheinen die anderen Religionen, wenn sie nicht als Hemmnisse der christlichen Mission verteufelt werden, bestenfalls nur als »Vorbereitung auf das Evangelium«, die durch die Begegnung mit dem Christentum eigentlich zum Verschwinden gebracht werden. Es handelt sich hier um eine lineare Sicht der Heilsgeschichte, die Gottes Heilswirken als einen sich in der Geschichte abspielenden Prozess versteht, in dem Gottes Heilswirken in Jesus Christus beginnt, und, fortgesetzt durch die Kirche, sich ständig neue Räume und Menschen erobert und in ihrem Fortschreiten die vorbereitende Funktion der anderen Religionen zur Vollendung bringt. Jonathan Tan kritisiert, wie andere asiatische Theologen, zum Beispiel Aloysius Pieris aus Sri Lanka, auf den er sich beruft, diese Einstellung, da sie der Eigenart und Eigenständigkeit der asiatischen religiösen und kulturellen Traditionen nicht gerecht wird. Bei aller anscheinenden Würdigung der positiven Elemente in diesen Religionen als Wegbereiter für das Evangelium, werden sie doch in einer herabwürdigenden und paternalistischen Sicht, die stark nach religiös-kulturellem Imperialismus riecht, letztlich für das Christentum vereinnahmt und instrumentalisiert, da ihre Eigenständigkeit und Integrität nicht berücksichtigt wird. Die asiatischen Ortskirchen erhalten ihren besonderen Charakter durch diese Verbundenheit mit den reichen und vielfältigen kulturellen und religiösen Traditionen Asiens und der Teilhabe an der in Asien weitverbreiteten Haltung einer Ehrfurcht vor dem Geheimnis und dem Heiligen. Die asiatischen Ortskirchen verstehen ihre Sendung »unter den Völkern« so, dass sie unter ihren in anderen Religionen und Traditionen lebenden Mitbürgern Zeugnis für die Werte des Reiches Gottes ablegen und gemeinsam mit ihnen für eine bessere und gerechtere Welt arbeiten. Es geht also nicht in erster Linie um quantitatives Wachstum durch Gewinnung neuer Christen und der Ausdehnung der kirchlichen Jurisdiktion über neue geographisch bestimmte Gebiete, sondern um ein qualitatives Wachstum der Geltung der Werte des Reiches Gottes. Asiatische Missionstheologen sind sich bewusst, sich an Menschen zu wenden, die nicht einfach keine oder eine falsche Religion haben, sondern an Menschen und Völker, die schon immer von Gottes Gnade berührt worden sind. An diese schon erfolgten religiösen Erfahrungen anknüpfend, kann dann die Botschaft vom Reiche Gottes diesen Menschen im Dialog präsentiert werden. Im Gegensatz zu einem linearen Verständnis der Heilsgeschichte vertreten asiatische Theologen und die FABC ein ganzheitliches Verständnis von Heilsgeschichte, wobei der dreifaltige Gott durch die verschiedenen Sendungen des Sohnes und des Heiligen Geistes in vielfältiger Weise in den asiatischen Traditionen tätig war und weiterhin ist. Aus dieser Sicht heraus haben asiatische Theologen und Bischöfe nie die Ansicht vertreten, dass die asiatischen Religionen vor-biblisch oder vor-jüdisch seien und darauf warteten, in einer linearen Entwicklung in der Zeit im Christentum ihre Erfüllung zu finden. Aus der Sicht der FABC waren die asiatischen Religionen immer und jederzeit »bedeutsame und positive Elemente in Gottes Heilswirken, in dem Gott unsere Völker an sich gezogen hat«. Denn ein und derselbe Geist, der in der Inkarnation, im Tod und in der Auferstehung Jesu wirksam war und in der Kirche fortwirkt, war auch unter all diesen Völkern schon vor der Inkarnation wirksam und ist auch weiterhin die treibende Kraft in den Religionen Asiens heute.

Asiatisch-Amerikanische Theologien

Durch seine akademische Tätigkeit als aus Asien stammender Theologe an amerikanischen Universitäten sah sich Jonathan Tan herausgefordert, sich neu zu verorten. Schließlich kann er sich weder als einen genuin »asiatischen « Theologen verstehen, noch ist er in der Lage, die Rolle eines »amerikanischen« Theologen vollkommen abzudecken. Aus dieser Situation heraus resultiert seine Beschäftigung mit den vielfältigen Erscheinungsformen asiatisch-amerikanischer Theologien. Geweckt wurde dieses Interesse nicht zuletzt durch die Begegnung mit seinem akademischen Lehrer Peter Phan, der als in den USA lebender und tätiger Theologe vietnamesischer Abstammung eine vietnamesisch-amerikanische Theologie entwickelt hat. Jonathan Tan selber hat ein Buch »Asiatisch-Amerikanische Theologien « vorgelegt, in dem er erstmals eine Übersicht über die Vielfalt von theologischen Entwürfen von christlichen Theologen verschiedener konfessioneller Zugehörigkeit gibt, die in den letzten Jahrzehnten in den USA entstanden sind. Ausgehend von einer Analyse der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Probleme der Einwanderer aus asiatischen Ländern in der immer noch von der weißen Mehrheit dominierten amerikanischen Gesellschaft zeigt er die Bedeutung einer diesen Kontext reflektierenden Theologie auf. Der Kontext, in dem sich die vielfältigen theologischen Strömungen asiatisch-amerikanischer Theologien, heute schon in der zweiten Generation, entwickelt haben, ist bestimmt von Diskriminierung und Rassismus, die den Immigranten aus asiatischen Ländern, ebenso wie den afrikanischen oder lateinamerikanischen, lange begegneten und immer noch begegnen. Das Besondere an den asiatisch-amerikanischen Theologien ist ihre Eigenart sowohl »asiatisch« wie auch »amerikanisch« zu sein und damit eine Zwischenstellung einzunehmen, die sie zu einer »Mischlings- Theologie« macht, da sie Elemente sowohl aus »asiatischen « wie auch aus »amerikanischen« kulturellen und religiösen Traditionen in sich vereint. Die asiatischamerikanischen Theologen setzten sich mit ihrer gesellschaftlichen Verortung, zum »Rand« der amerikanischen Gesellschaft zu gehören, kritisch und konstruktiv auseinander. Dabei bemühen sie sich um Versöhnung und Heilung zwischen den verschiedenen rassischen Gruppen. Jonathan Tans eigener Beitrag besteht darin, Vorschläge für die Entwicklung einer gemeinsamen asiatisch-amerikanischen theologischen Methode gemacht zu haben, um die große Vielfalt der theologischen Entwürfe zu bündeln und effektiver zu machen. Ihm geht es dabei darum, im Dienst an der asiatisch-amerikanischen Minderheit, die Rolle des Anwalts ihrer Interessen wahrzunehmen und in der Deutung der »Zeichen der Zeit« diesen Menschen Wegweisung zu geben, indem die Theologen auf die Werte sowohl der asiatischen wie auch amerikanischer Traditionen zurückgreifen, um so glaubwürdig die Interessen dieser Menschengruppe zu vertreten.

Jonathan Y. Tan
FOTO: JONATHAN Y. TAN

Ein kritischer Beobachter

Jonathan Tan ist sich bewusst, dass die asiatisch-amerikanischen Theologien auf dem akademischen Sektor nicht mit den traditionellen europäischen oder nordamerikanischen Theologien konkurrieren können und dies auch gar nicht intendieren. Denn die Zeiten, in denen es so etwas wie eine allgemein und überall gültige »einheitliche« Theologie gegeben hat, waren wohl schon damals eher Ausdruck eines überzogenen Anspruchs, und sind heute angesichts der Vielzahl der Kontexte, in denen Theologie betrieben wird, längst überholt. Die Aufgabe der Zukunft wird es sein, das Gespräch zwischen den vielfältigen, auf jeweils eingegrenzte Kontexte bezogenen Theologien aufrecht zu erhalten und bei aller Vielfalt auch immer wieder gemeinsame theologische Methoden und Aufgabenstellungen zu finden. Jonathan Tan ist weniger ein kreativer Theologe, der seine eigenen Ideen ausbreitet und vorträgt, sondern eher ein kritischer Beobachter von Entwicklungen in Kirche, Gesellschaft und Theologie in Asien und den USA aus der Sicht eines malaysisch-chinesischen Theologen, der viel über die Entwicklungen in der asiatischen Theologie geschrieben hat und der in seinem jetzigen Lebens- und Arbeitsfeld in den USA die Problematik einer Vielzahl sich herausbildender asiatisch- amerikanischer Theologien kritisch begleitet.

GEORG EVERS
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