Josée Ngalula Theologin aus dem Kongo corner

Josée Ngalula

Theologin aus dem Kongo

von MARCO MOERSCHBACHER

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Wenn man die Anliegen, die die kongolesische Theologieprofessorin und Ordensschwester Josée Ngalula in ihren Veröffentlichungen vertritt, in wenigen Worten zusammenfassen wollte, könnte man wohl auf »Theologie in afrikanischen Sprachen« und »Theologie von Frauen für Frauen« kommen.

Josée Ngalula wird 1960, im ersten Jahr der Unabhängigkeit des heute Demokratische Republik Kongo genannten Landes, in der Hauptstadt Leopoldville geboren. Sie wächst in einer kinderreichen, katholischen Familie auf. Ihre Mutter ist über lange Jahre die Leiterin (Moyangeli) der kleinen christlichen Gemeinschaft ihres Viertels. Nach ihrer Schulausbildung entschließt sich Josée, Ordensschwester zu werden und tritt 1979 der Kongregation der Andreasschwestern (»Soeurs de Saint André«) bei, einer aus Belgien stammenden, internationalen Schwesterngemeinschaft mit ignatianisch geprägter Spiritualität. Für ihre theologische Ausbildung wird sie nach Lyon, Frankreich, entsandt. Nach Rückkehr, ewiger Profess und erster Lehrtätigkeit an der von verschiedenen Orden getragenen Hochschule Eugène de Mazenod in Kinshasa geht sie erneut nach Lyon, um dort im Jahr 2000 mit einer Arbeit über die Entwicklung der christlichen Begrifflichkeit im frühchristlichen Karthago und im heutigen Kinshasa zu promovieren.

PERSÖNLICHE DATEN

  • geboren 1960 in Léopoldville (heute: Kinshasa, DR Kongo),
  • dort Schulausbildung, Eintritt in den Orden »Soeurs de Saint André« 1979,
  • Studium der Philosophie am Großen Seminar von Lubumbashi 1982–1984,
  • Studium der Theologie am Institut Catholique de Lyon 1984 –1989 sowie 1997–2000 (Promotion in Dogmatischer Theologie),
  • Professorin für Dogmatische Theologie am Institut Saint Eugène de Mazenod, Kinshasa sowie für Missionswissenschaft am Institut Africain de Sciences de la Mission, Kinshasa,
  • Professorin für Dogmatische Theologie an der Université Catholique du Congo, Kinshasa,
  • Tätigkeit in der Aus- und Weiterbildung der Laien in der Erzdiözese Kinshasa,
  • Gründungsmitglied der Association des Théologiens Africains (ATA – 2007).

In dieser Arbeit (1) zeigt sie den engen Zusammenhang von Offenbarungsverständnis, Übersetzungsfragen und einer Theologie der Inkulturation auf. Die Bibel selbst ist bereits Niederschlag einer vielfältigen Übersetzungsarbeit in dem doppelten Bemühen, einerseits Worte und Taten Jesu sowie Erfahrungen der urchristlichen Gemeinden zu bewahren, und andererseits theologische Konzepte und Begriffe zu prägen, die den Glauben tradieren helfen und den kommenden Generationen ihren je eigenen Zugang zur Offenbarung ermöglichen.

Indem Gott sich in seinem Sohn Jesus Christus inkarniert hat, hat Gott sich potentiell allen Menschen geoffenbart – Gott spricht alle Sprachen, um jedes Herz zu erreichen. Jede Sprache der Welt ist geeignet, diese Offenbarung und die darauf beruhenden Glaubenserfahrungen auszudrücken. Dabei gilt:

1. Im Christentum gibt es keine »heilige Sprache« (weder Hebräisch noch Griechisch noch Latein). Keine Sprache ist besser oder schlechter als irgendeine andere, um religiöse Erfahrungen auszudrücken.

2. Alle Sprachen sind gleichberechtigt, was besonders für die sogenannten jungen Kirchen in Afrika von Bedeutung ist, da sie von der Kolonialsprache geprägt sind und sich das Recht, eine eigene spirituelle, liturgische und dogmatische Begrifflichkeit in den ihnen eigenen Sprachen auszubilden, häufig noch erkämpfen müssen.

3. Die Sprache steht in einem dialektischen Verhältnis zur Wirklichkeit, das heißt sie ist nicht einfachhin deren Abbild, sondern schafft Wirklichkeit.

Diese drei Punkte stehen für die drei Schritte, die bei der Verkündigung und Übersetzung des christlichen Glaubens in einem kulturell neuen Umfeld von entscheidender Bedeutung sind:

1. Kommunikation – die afrikanischen Sprachen sind nicht ›ärmer‹ als die europäischen.

2. Akkulturation – die fremden christlichen Begriffe werden in die afrikanische Sprache aufgenommen und verändern so deren Horizont und Inhalte.

3. Inkulturation – die Erfahrungen der neuen christlichen Gemeinschaften und ihr sprachlicher Niederschlag erweitern den Horizont und den Glaubensschatz des Christentums und bringen so neue christliche Tradition hervor.

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN

L’expresssion »Eglises Indépendantes Africaines«: Un usage problèmatique dans le context zaïrois, in: Revue Africaine de Théologie 18 (1994) No. 36, 249 –260.

Parler de Satan: pour quoi faire? Une interprétation des nouveaux mouvements religieux présents à Kinshasa, in: Revue Africaine des Sciences de la Mission 2 (1995) No. 3, 117–138.

Pour une lecture responsabilisante du Catéchisme de l’Église Catholique, in: Revue Africaine de Théologie 19 (1995) No. 37, 93–107.

L’Église qui croîtra jusqu’à ce qu’elle possède toutes les langues. Analyse de terminologies chrétiénnes en usage à Carthage et à Kinshasa. Thèse de doctorat en théologie, Université Catholique de Lyon (Lyon 2000).

La spécificité de la mission dans une église locale africaine selon le Cardinal Malula, in: Revue Africaine des Sciences de la Mission 7 (2000) No. 12, 19–31.

La mission chrétienne à la rencontre de langues humaines, Médiaspaul (Kinshasa 2003).

Dieu dénonce et condamne les violences faites aux femmes, Collection Bible et Femme en Afrique, Éditions Mont Sinai (Kinshasa 2005).

La problématique des sacrements dans une Afrique des guerres et des conflicts après Ecclesia in Africa, in: Telema (2006) No. 125/126, 59–72.

Du pouvoir de la piété populaire. Enjeux théologues de la crise kimbanguiste entre 1990 et 2005, Travaux de la Faculté de Théologie 18, Facultés Catholiques de Kinshasa (Kinshasa 2007).

La traduction du concept »sainteté« en lingala: Contours, réception et enjeux théologiques, in: Revue Africaine des Sciences de la Mission 12 (2007) No. 22–23, 111–121.

Violences sexuelles faites à la femme: qu’en disent les Écritures?, in: Telema o.No. (2008) 100–111.

Le pardon chrétien au service de la réconciliation et de la paix: Enracinements théologiques, in: Telema No. 133 (2009) 2, 38–52.

Parole et diaconie réconciliatrice pour une Afrique violentée, in: Spiritus (2009) No. 196, 331–345.

The drama of »witch children«, in: New People (2009) No. 121, 31–33.

Femme, violence et réconciliation. Réflexions théologiques, in: L’Église en Afrique au service de la réconcilitation, de la justice et de la paix, hrsg. v. Paulin Poucouta, Presses de l’UCAC (Yaoundé 2009) 141–164.

Pour une pastorale biblique intégrant plus efficacement les femmes africaines, in: Biblical-Pastoral Bulletin (2010) No. 1, 21–24.

In diesem Problemfeld zeigt sich das emanzipatorische Grundanliegen des theologischen Arbeitens von Josée Ngalula – gegen die Abwertung und Bevormundung afrikanischer Kirchen, Sprachen und Erfahrungen. Hier wirkt die Entfremdung einer Missionsepoche nach, in der die Missionare selbstverständlich die Überlegenheit ihrer eigenen Kultur annahmen und alles Afrikanische als »heidnische«, zu überwindende Relikte ansahen. Christlich zu werden bedeutete, europäisch zu werden. Eine afrikanische Ordensschwester hat es so formuliert: »Ich habe begonnen, zu Gott in meiner Muttersprache zu beten, aber ich bin nicht sicher, ob Gott mich versteht«. Diese Emanzipation geht naturgemäß einher mit einer »Entokzidentalisierung« des Christentums, einer Selbstbescheidenheit der nordatlantischen Kirchen und Theologien, die immer noch lernen müssen, ihre afrikanischen Partner als gleichwertig anzusehen. Wie Josée Ngalula selber sagt, ist ihr in diesem Bereich Gründerfigur und Vorbild der frühere Kardinal von Kinshasa, Joseph Albert Malula (1917–1989), mit seinem Einsatz »für eine kongolesische Kirche in einem kongolesischen Staat«.

Um die afrikanische Theologie in christlicher Terminologie voranzubringen, hat Josée Ngalula einen Forschungskreis im Dienst der afrikanischen Theologie (»Laboratoire de Recherches au service de la Théologie Africaine« = LARETHEA) gegründet, in dem sie Kolleginnen und Kollegen bittet, an einer theologischen Begrifflichkeit in ihrer jeweiligen afrikanischen Sprache zu arbeiten. So sind bereits Arbeiten über »Kirche« und »Heiligkeit« auf Lingala erschienen. Die afrikanische Theologie steht hier an der Schwelle zu einer vertieften Reflexion in den und durch die afrikanischen Sprachen. Dies wird die Begrifflichkeit der Theologie dort und letztlich der Theologie insgesamt in unvorhersehbarer Weise verändern.

Josée Ngalula
FOTO: LOUIS OLIVIER

Eine zweite emanzipatorische Stoßkraft erhält die Theologie von Josée Ngalula durch ihre langjährige Arbeit mit und für Frauen. Dazu zählt etwa ihr Projekt einer mobilen Bibliothek für Frauen aus den unteren sozialen Schichten. Für Intellektuelle organisiert sie regelmäßig eine kleine Gruppe theologisch interessierter Frauen, die auf Studientagen ausgewählte theologische Themen erarbeiten. Dies ist eine wichtige Quelle für die ebenfalls von Josée Ngalula herausgegebene Veröffentlichungsreihe »Frau und Bibel in Afrika« (»Femme et Bible en Afrique«).

In einer Broschüre stellt sie die verschiedenen Arten von Gewalt vor, unter denen Frauen in der Bibel zu leiden haben: misshandelte Witwen, Frauen, die im Namen der »Ehre« der Gewalt ausgesetzt werden, Frauenraub und Zwangsheirat, Inzest, Vergewaltigung, Frauen als Ware oder »Geschenk«, Frauen als Sexsklavinnen, Frauen in Polygamie, Verleumdungen, Frauen, die wegen ihrer Kinderlosigkeit verachtet werden. (2) Viele dieser Topoi kommen auch im afrikanischen Kontext vor, und die Autorin zeigt auf, dass der Gott der Bibel diese Gewalt verurteilt und auf der Seite der Frauen steht. Auf einer Konferenz in Yaoundé im Jahr 2008 hat ihr Beitrag über die Frauen, die im östlichen Kongo als Kriegswaffe missbraucht werden (3), große Betroffenheit ausgelöst. Dies versteht sie als Aufruf an die afrikanische Kirche, sich neu auf ihre prophetische Dimension zu besinnen.

In einer weiteren Veröffentlichung sammelt Josée Ngalula Beiträge, die sich mit den Rechten von Witwen befassen, die in Afrika unter Rückgriff auf die »Tradition « mit Füßen getreten werden. (4) So kann es sein, dass Witwen ihr gesamtes Hab und Gut an die erweiterte Familie des verstorbenen Ehemannes verlieren und dann ihre Kinder ohne diese materielle Grundlage durchbringen müssen. Zwar sind alle diese Praktiken laut kongolesischer Verfassung verboten – eine weitere Broschüre stellt zum Thema Witwenrechte die Texte aus der Verfassung, dem Strafrecht und aus der Bibel zusammen –, aber immer wieder muss Josée Ngalula die Betroffenen ermutigen, die ihnen in der Verfassung verbrieften Rechte mit der Unterstützung von spezialisierten Rechtsanwältinnen auch konkret einzufordern.

Ihr aktuelles Projekt hängt mit der jüngst erfolgten Gründung der »Vereinigung Afrikanischer Theologinnen und Theologen« zusammen. Um ihren Studierenden Forschungsmaterial und Ideen für Themenstellungen im Rahmen der afrikanischen Theologie zu geben, hat Josée Ngalula in dreijähriger Fleißarbeit eine 5000 Titel umfassende Literaturliste mit Datenbanken zur Afrikanischen Theologie zusammengestellt, die sie in Kürze veröffentlichen wird.

Mit ihrem Engagement für »Theologie in afrikanischen Sprachen« und »Theologie von Frauen für Frauen « ist Josée Ngalula selbst ein Beispiel für das Zusammenspiel von Tradition und Erneuerung. Nur wenn wir auf die neuen Herausforderungen neue Antworten finden, werden wir der christlichen Tradition, der es immer um die Rechte der Kleinen, Ausgebeuteten, an den Rand Gedrängten ging und geht, gerecht – auch und besonders in Afrika.

MARCO MOERSCHBACHER
missio Aachen

ANMERKUNGEN

1 L’Église qui croîtra jusqu’à ce qu’elle possède toutes les langues. Analyse de terminologies chrétiennes en usage à Carthage et à Kinshasa, Thése de doctorat en théologie, Université Catholique de Lyon (Lyon 2000). Teile dieser Dissertation sind veröffentlicht: La mission chrétienne à la rencontre des langues humaines, Médiaspaul (Kinshasa 2003).

2 Dieu dénonce et condamne les violences faites aux femmes (Kinshasa 2005).

3 Femme, violence et réconciliation. Réflexions théologiques, in: L’Église en Afrique au service de la réconcilitation, de la justice et de la paix, hrsg. v. Paulin Poucouta, Presses de l’UCAC (Yaoundé 2009) 141–164.

4 Josée Ngalula (Dir.), Le corps féminin, lieu singulier de renconter entre Évangile et coutumes africaines. Vol. 1: Rites de purifications des veuves: des taditions africaines à la liturgie chrétienne (Kinshasa 2007).

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