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Vimal Tirimanna CSsR

Theologe aus Sri Lanka

von Georg Evers

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Vimal Tirimanna wurde am 12. Juli 1955 in Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, geboren, wo er auch die normale Schulausbildung durchlief. 1977 trat er in den Redemptoristenorden ein und machte das Noviziat in Bangalore im indischen Staat Karnataka. Nach der Ablegung der Ordensgelübde im Jahre 1979 blieb er in Bangalore, wo er von 1979 bis 1987 im Kolleg der Redemptoristen Philosophie und Theologie studierte. Am 2. Mai 1987 wurde er in seiner Heimatpfarrei Kandana in Sri Lanka zum Priester geweiht und arbeitete danach drei Jahre in Sri Lanka in der Jugendpastoral. Danach wurde er nach Rom geschickt, um in der Tradition des Redemptoristenordens, der für seine moraltheologische Kompetenz bekannt ist, in Moraltheologie zu promovieren. Das Thema seiner Doktorarbeit »Das Recht auf geschuldete Information« (The Right to Due Information) hat Vimal Tirimanna später mehrfach im Kontext der asiatischen Gegebenheiten behandelt. Nach Rückkehr aus Romwurde Vimal Tirimanna zum Professor der Moraltheologie am Nationalen Priesterseminar Ampitiya in Kandy ernannt, eine Aufgabe, die er bis heute ausfüllt. Auch von anderen theologischen Einrichtungen in Sri Lanka wurde er immer wieder zu Gastvorlesungen eingeladen. Wie sehr seine Führungskraft und gesundes Urteil innerhalb seiner Ordensgemeinschaft geschätzt wurden, zeigte sich darin, dass er in den Jahren 1998–2005 zweimal zum Provinzial gewählt wurde. In dieser Zeit war er von 1999–2001 auch Präsident der Vereinigung derHöheren Ordensoberen in Sri Lanka. In dieser Eigenschaft hat er sich für Frieden und Verständigung im Bürgerkrieg eingesetzt und Kontakte mit den verfeindeten Gruppen imNorden der Insel aufgebaut. Seit 2005 unterrichtet Vimal Tirimanna jedes Jahr ein Semester im Alphonsianum, der theologischen Hochschule der Redemptoristen in Rom. 1997 wurde Vimal Tirimanna von der Bischofskonferenz zum Vertreter Sri Lankas in der Theologischen Beratungskommission der FABC, jetzt Büro für theologische Angelegenheiten (OTC), ernannt. Seit 2002 bis heute fungiert er als Sekretär dieser für die asiatischen Kirchen so wichtigen theologischen Fachgruppe, die sich einmal im Jahr trifft, um gesamtasiatische theologische Probleme zu bearbeiten. Die zunächst in der Reihe der FABCPapers veröffentlichten Ergebnisse dieser theologischen Arbeit für den Zeitraum 1987–2007 wurden von Vimal Tirimanna in einem Sammelband »Sprösslinge einer aus asiatischer Erde gewachsenen Theologie« (Sprouts of Theology from the Asian Soil) 2007 herausgegeben. Die FABC hat seit ihrer Gründung mit der dreifachen Aufgabenstellung für die asiatischen Ortskirchen: 1. Inkulturation, 2. interreligiöser Dialog und 3. Armutsbekämpfung, den asiatischen Theologen den Rahmen vorgegeben, in dem sie eine genuin asiatische Theologie entwickeln können. Als Sekretär der gesamtasiatischen Theologengruppe hat Vimal Tirimanna großen Anteil an dem Zustandekommen der theologischen Aussagen zur Methodologie einer asiatischen Theologie der Harmonie und des Heiligen Geistes, der Religionsfreiheit und der Achtung vor dem Leben in Asien.

vimal Tirimanna CSsR
Foto: Ucan Photo Service

Interreligiöser Dialog in Sri Lanka – ein nicht eingelöstes Postulat

Neben seiner Tätigkeit als Koordinator und Herausgeber der theologischen Ergebnisse der Arbeit des Büros für theologische Angelegenheiten hat Vimal Tirimanna eine Vielzahl von eigenständigen Beiträgen zu Fragen der Moraltheologie im Kontext Asiens und der globalen Welt erstellt. Mit Blick auf den ethnischen Konflikt in seinem Heimatland Sri Lanka hat Vimal Tirimanna sich mit der »Rolle des interreligiösen Dialogs im Aufbau einer Kultur des Friedens in Sri Lanka« auseinandergesetzt. Dieser Beitrag wurde im Jahr 2003 geschrieben, zu einem Zeitpunkt, als das 2001 unterzeichnete »Memorandum der Verständigung« zwischen der Regierung Sri Lankas und den Befreiungstigern (LTTE) noch weitgehend eingehalten wurde. Kritisch bemerkte er aber schon zu diesem Zeitpunkt, dass eine bloße Beendigung der Kampfhandlungen allein so lange keinen Frieden bedeuten kann, wenn es nicht zu einer echten Verständigung kommt, die auf Vertrauen und gegenseitige Achtung aufbaut. Bei der Aufgabe, einen echten Frieden zu schaffen, spielt der interreligiöse Dialog eine unverzichtbare Rolle. Die Ereignisse der letzten Jahre haben dann allerdings gezeigt, dass die Religionsgemeinschaften auf Sri Lanka sich nur sehr eingeschränkt auf diesem Gebiet eingesetzt haben. Im Frühjahr 2009 ist es der Zentralregierung in Colombo zwar gelungen, mit brutalem militärischen Einsatz den Quasi- Staat der Tamilen im Norden der Insel und die militärische Organisation der »Tamil Tiger« zu vernichten. Aber es darf wohl mit Recht bezweifelt werden, dass aus dem militärischen Sieg ein echter Frieden erwachsen könnte. Somit bleibt das Anliegen des interreligiösen Dialogs auch weiterhin ein Gebot der Stunde und die einzige Hoffnung, doch zu einem friedvollen Zusammenleben von Singhalesen und Tamilen zu kommen.

In der Tradition der Redemptoristen

Als Moraltheologe hat Vimal Tirimanna sich schon früh mit Fragen der christlichen Soziallehre im Kontext Asiens auseinandergesetzt. Bei der Umsetzung der vom zentralen Lehramt meist in Enzykliken vorgegebenen generellen Leitlinien auf asiatische Verhältnisse, stieß er bald an Grenzen, da er feststellen musste, dass diese als universell gültig vorgetragenen Leitsätze so gut wie ausschließlich auf den europäischen Kontext bezogen waren. Angesichts konkreter Probleme in den asiatischen Ortskirchen erwiesen sich die päpstlichen Vorgaben zunächst einmal als wenig relevant und hilfreich. Trotz dieser Schwäche, zu wenig auf konkrete andere Kontexte einzugehen, finden sich in der kirchlichen Soziallehre doch genügend Hinweise, die allgemeinen Prinzipien auch auf asiatische Kontexte fruchtbar anzuwenden. So kommt er zu dem Ergebnis, dass die kirchliche Soziallehre gegenwärtig die »lauteste prophetische Stimme« in der Welt darstellt, die Wegweisung auf dem Gebiet der sozialen Wirklichkeit vermittelt. Wie Vimal Tirimanna seine Aufgabe als Moraltheologe versteht, lässt sich am Nachruf für seinen Mitbruder Bernhard Häring (†1998) ablesen. Bernhard Häring war für ihn jemand, der in der Tradition des Gründers des Redemptoristenordens, Alphons von Liguori, immer dafür eintrat, dass das Gewissen des Einzelnen die letzte Instanz bei moralischen Entscheidungen darstellt. Dies brachte Häring nach der Veröffentlichung der Enzyklika »Humanae Vitae« 1968 Schwierigkeiten mit dem kirchlichen Lehramt und persönliche Anfeindungen vieler Art ein. Es ist wohl nicht falsch, wenn man aus der Würdigung seines Mitbruders eine grundsätzliche Zustimmung zu dieser Position herausliest. Auch für Vimal Tirimanna ist die persönlich getroffene Gewissensentscheidung entscheidend, wenn das eigene Urteil im Widerstreit mit den Vorgaben des kirchlichen Lehramtes gerät. Am Beispiel von Regelungen im Hinblick auf die Ehe im neuen Kirchenrecht weist Vimal Tirimanna darauf hin, dass es eine Diskrepanz zwischen dem Eheverständnis des II. Vatikanischen Konzils und den Festlegungen im erneuerten Kirchenrecht aus dem Jahr 1983 gibt. Die Diskrepanz besteht darin, dass das Konzil abweichend von der bis dahin gültigen Sprachregelung die Ehe als »Bund« (covenant) und nicht länger »Vertrag « (contract) genannt hat. Auch wenn auf den ersten Blick der Unterschied zwischen der Bezeichnung der Ehe als »Vertrag« beziehungsweise als »Bund« kein so großer Unterschied zu bestehen scheint, so macht es in der pastoralen Praxis doch einen großen Unterschied, ob man den eher juristischen und legalistischen Begriff des Vertrags oder den biblischen und personalistischen Begriff des Bundes mit Bezug auf die Ehe verwendet. Vimal Tirimanna beklagt den legalistischen Ansatz in Ehefragen, der in der konkreten Umsetzung im pastoralen Alltag viele Menschen verletzt und der Kirche entfremdet. Nur eine Rückkehr zu den biblischen Grundlagen und der erneuerten Sicht der Ehe im II. Vatikanischen Konzil könnte hier Abhilfe schaffen.

Gewalt der Religionen, Terrorismus und Folter

In der gegenwärtigen Debatte, ob die Religionen ursächlich verantwortlich sind für Gewalttaten, die im Namen der Religionen begangen werden, hat Vimal Tirimanna grundlegende Überlegungen aus der Sicht des Moraltheologen beigetragen. Dabei kommt er zu einem abgewogenen Urteil, dass es auf der einen Seite falsch ist, den Religionen grundsätzlich zu unterstellen, dass sie Gewalt fördern, es auf der anderen Seite auch nicht gerechtfertigt ist, die Religionen grundsätzlich freizusprechen und nur den Religionsanhängern die Schuld zuzuweisen, die reinen Ideale der Religionen für ihre politischen, wirtschaftlichen und eigennützigen Ziele missbraucht zu haben. Es ist schon so, dass die Religionen einen Bezug zur Gewalt haben, da sie ihren Anhängern eine kollektive Identität vermitteln, die in der Realität immer auch mit anderen Interessen vermischt ist. Andererseits zeigt die Geschichte der Religionen auch immer wieder, dass sie das Potential hatten und genutzt haben, für Frieden und Verständigung zu wirken. In diesem Zusammenhang fällt auf, das Vimal Tirimanna den direkten Bezug zur Situation in Sri Lanka vermeidet, obschon die ethnischen Auseinandersetzungen zwischen Singhalesen und Tamilen so offensichtlich auch von den Religionen mitbestimmt werden. »Kann der Krieg gegen Terrorismus gewonnen werden? « ist die Überschrift zu einem Beitrag von Vimal Tirimanna (Vidyajyoti 2004, 521–539), in dem er sich mit dem Problem des Terrorismus in seinen vielfältigen Formen auseinandersetzt. Mit Blick auf terroristische Akte in seinem Heimatland Sri Lanka hält er fest, dass die internationalen Medien sehr unterschiedlich und selektiv berichten. Gewalttaten der Tamil Tiger gegen die Singhalesen wurden in der Vergangenheit oft kaum beachtet, während über Angriffe gegen tami- lische Zivilisten seitens der Armee Sri Lankas dank der tamilischen Exilpräsenz in Europa und den USA viel öfter berichtet wurde. Kritik übt er am Vorgehen der Regierung, die bei den sozialen Unruhen und terroristischen Akten Anfang der 1970er und 1980er Jahre mit Staatsterror reagiert zu haben, indem sie die singhalesischen revolutionären Gruppen brutal unterdrückte. Woher rührt der Terrorismus in Sri Lanka? Vimal Tirimanna hält fest: »In Sri Lanka hat der nationalistische und fundamentalistische Begriff eines Sinhala-Buddhismus, der Anfang der 1950er Jahre entstand, den Weg für die gegenwärtige ethnische Krise geschaffen, weil er den Ausschluss aller Gruppen und Menschen beinhaltete, die nicht zum Sinhala-Buddhismus gehören. Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, dass der Terrorismus der Tamil Tiger durch die fundamentalistischen Praktiken des Sinhala-Buddhismus entstanden ist. Das heißt, dass der extreme Nationalismus des Sinhala-Buddhismus den Weg freigemacht hat für den Nationalismus der Tamilen in Sri Lanka« (Vidyajyoti, Juli 2004, S. 535). Den Tamil Tigern wirft er vor, dass sie für ihre Gruppe das ausschließliche Vertretungsrecht aller Tamilen in Sri Lanka beanspruchen und neben sich keine andere tamilische Gruppen zulassen. In die Kontroverse um die Muhammad-Karikaturen im Frühjahr 2006 hat Vimal Tirimanna sich eingeschaltet und dafür plädiert, die Verschiedenheit und Vielfalt, die in dem Zusammenleben vieler verschiedener Kulturen und Religionen besteht, stärker zu berücksichtigen. Wichtig ist ihm dabei zu berücksichtigen, dass es auch eine Vielfalt in der Wahrnehmung von Ereignissen und Geschehen gibt, die sich in der Vielfalt und oft Widersprüchlichkeit der Berichterstattung niederschlägt. Die im Westen so hochgeschätzte Meinungs- und Pressefreiheit müsste stärker die Sensibilität in anderen Regionen der Welt im Hinblick auf die ihnen heiligen und religiösen Werte berücksichtigen. Den Verteidigern des Rechts auf freie Meinungsäußerung, auch negative Karikaturen über den Propheten Muhammad zu veröffentlichen, fehlt es an Wissen um die Hochachtung, die der Person des Propheten Muhammad in islamischen Kreisen entgegengebracht wird. Auf dem Hintergrund der von den Amerikanern im Krieg gegen den Terror im Irak und in Guantanamo ausgeübten Verhörmethoden hat Vimal Tirimanna sich mit dem Problem der Folter befasst. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass es keine Umstände und keine Ziele geben kann, die in irgendeinem konkreten Fall Folter rechtfertigen könnten. Es ist sicher kein Zufall, dass Vimal Tirimanna das Problem der Folter nicht auf dem Hintergrund seines eigenen Kontexts Sri Lanka untersucht, da die gegenwärtig dort herrschende Regierung gegen Kritiker mit harten Mitteln vorgeht.

Die Gratwanderung des klugen Ratgebers

Will man die Rolle Vimal Tirimannas als Moraltheologe in Sri Lanka beschreiben, dann muss man die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche in Sri Lanka im Blick haben. In der Bischofskonferenz geben seit langem die eher konservativen Bischöfe den Kurs vor. Dies zeigte sich zum Beispiel in der Affäre um den Theologen Tissa Balasuriya in den 1990er Jahren, der wegen seines Beitrags über Maria und ihre Rolle im Kampf um menschliche Freiheit einige Zeit exkommuniziert wurde. Andere Theologen wie zum Beispiel der Jesuit Aloysius Pieris werden ebenfalls wegen mangelnder Orthodoxie von der theologischen Ausbildung und anderen potentiell einflussreichen Positionen fern gehalten. In den Auseinandersetzungen des Bürgerkriegs zwischen Singhalesen und Tamilen hat die katholische Kirche ihre besondere Stellung, Mitglieder beider Volksgruppen in ihren Reihen zu haben und damit für eine Vermittlerrolle prädestiniert zu sein, wenig oder gar nicht ausgeübt. Die positive Würdigung der gewaltsamen Niederschlagung der Tamil Tiger im Norden des Landes durch die Bischöfe war wenig prophetisch und kam eher einem Einschmeicheln bei den gegenwärtigen Machthabern gleich. Die im Juni 2009 erfolgte Ernennung von Malcolm Ranjith zum Erzbischof von Colombo wird die konservativen Tendenzen in der katholischen Kirche Sri Lankas weiter verstärken. In diesem Klima als Moraltheologe in der Ausbildung angehender Priester tätig zu sein und zugleich sich mit den moraltheologischen Implikationen der vielfältigen gegenwärtigen Krisenherde auseinanderzusetzen, gleicht einer Gratwanderung. Vimal Tirimanna hat bisher die Linie verfolgt, klare grundsätzliche Positionen zu beziehen und die jeweiligen moraltheologischen Optionen zu benennen. In dieser Haltung drückt sich seine Achtung vor dem Vorrang der individuellen Gewissensentscheidung gegenüber allen generellen Prinzipien und Reglementierungen aus, die in den jeweiligen Einzelfällen von den direkt betroffenen Personen oder Personenkreisen zu treffen sind. Vimal Tirimanna ist ein kluger Ratgeber, auf den in seinen Beurteilungen, die er im Licht der Tradition unter Berücksichtigung der konkreten Umstände entwickelt, Verlass ist. Die Pose des Propheten, der unter Einsatz seiner ganzen Person aufzurütteln und auch zu provozieren weiß, ist ihm fremd. Er ist sich bewusst, dass er unter der gegenwärtig in Sri Lanka gegebenen Situation so am ehesten effektiv wirken kann.

Georg Evers
Missionswissenschaftler

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