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Agbonkhianmeghe Emmanuel Orobator SJ

Theologe aus Nigeria

von Marco Moerschbacher

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Agbonkhianmeghe Orobator wird 1967 im Volk der Edo im äußersten Westen Nigerias geboren. Wie viele praktiziert auch seine Familie die traditionelle Religion der Edo. Noch als Schüler ist er vom Christentum fasziniert. Er folgt der damals noch traditionellen Katechese nach der Frage-Antwort-Methode und wird im Alter von 16 Jahren auf den Namen Emmanuel getauft. Später tritt er der Gesellschaft Jesu bei und durchläuft die konsequent zweisprachige Ausbildung der Jesuiten in Afrika: Philosophiestudium auf Französisch in Kimwenza, Demokratische Republik Kongo, danach Theologiestudium auf Englisch am Hekima College in Nairobi, Kenia. Die Studien schließt er jeweils mit brillanten Ergebnissen ab.

Es folgt ein Masterstudium an der Jesuit School of Theology in Berkeley, Kalifornien. Bereits in dieser Arbeit setzt er sich mit der Frage auseinander, die ihn auch später nicht mehr loslässt und die Kardinal Thiandoum als Schlüsselfrage der Ersten Afrikasynode in Rom 1994 formuliert hatte: »Kirche in Afrika, wie musst du werden, damit deine Botschaft relevant und glaubwürdig ist?« Die Erste Afrikasynode machte mit der Rede von der »Kirche als Familie Gottes« einen Antwortversuch, den Fr. Orobator in seiner Lizentiatsarbeit mit dem bezeichnenden Untertitel versieht: »Afrikanische Ekklesiologie in ihrem gesellschaftlichen Kontext«1. Er will eine Theologie der Inkulturation überwinden, die sich damit begnügt, kulturelle und religiöse Vorstellungen der afrikanischen Traditionen mit einer pyramidal ausgerichteten Ekklesiologie, wie sie die eurozentrische katholische Tradition sowie weite Kreise der katholischen Kirche in Afrika heute bestimmt, zu vermitteln. Demgegenüber betont Orobator die Kirche als die konkrete Gemeinschaft der Gläubigen im afrikanischen Kontext, die grundlegend von den heutigen existentiellen und gesellschaftlichen Problemen in Afrika bestimmt wird.

Agbonkhianmeghe Emmanuel Orobator SJ

Zu diesen Problemen zählt die trotz aller UN-Bemühungen seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder immer größer werdende Armut weiter Teile der Bevölkerung, perpetuiert durch ein von »Stukturanpassung « und Schuldenlast bestimmtes Weltwirtschaftssystem, sowie eine tiefe politische Krise: Korrupte Führungseliten bereichern sich auf Kosten der Bevölkerung, mit unvorstellbarer Grausamkeit werden Kriege um knapper werdende Ressourcen geführt, ein System des Neopatromonnialismus verhindert weitgehend die Demokratisierung. Orobator untersucht an den Beispielen der katholischen Kirche in Nigeria, Kenia und Südafrika die Antwort der Kirche auf diese gesellschaftlichen Bedrohungen. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die Kirchenleitung durch prononcierte Stellungnahmen – etwa in Nigeria – die Probleme genau benennt, aber auf der Ebene des strategisch pastoralen Handelns mit ihrem karitativen Ansatz die strukturellen Krisenursachen außer Acht lässt. Andererseits zeigen viele Initiativen der kirchlichen Basis, dass Christinnen und Christen sich nicht mit den sozialen Missständen abfinden und eine Kirche des Lebens, der Solidarität und des Dienens entstehen lassen. Orobator spricht von einer »Kirche mit schmutzigen Händen«. »Die Kirche in Afrika steht vor der Wahl, entweder eine Frohe Botschaft zu verkünden, die auf die strukturellen Herausforderungen eines marginalisierten Kontinents antwortet, oder mit den unerfüllten Hoffnungen, Träumen und Bestrebungen der Afrikanerinnen und Afrikaner unterzugehen.«2 Im Sinne dieser Ekklesiologie »von unten« hat die Kirche gegenüber und in der Gesellschaft die Aufgabe (»social mission«), die Zeichen der Zeit zu entziffern, die Werte des Evangeliums zu verkünden und eine konkrete Vision für die Zukunft der Gesellschaft zu formulieren. Nur indem sie so einen Beitrag zur Überwindung der ungerechten Strukturen und Situationen leistet, kann die Kirche in Afrika überhaupt die Frohe Botschaft verkünden.

In seiner Doktorarbeit, die er von 2001 bis 2004 an der Universität von Leeds in Großbritannien schreibt3, entwirft Orobator eine Methode für eine solche Ekklesiologie von unten. In den drei Bereichten HIV/AIDS, Flüchtlinge und Armut untersucht er mithilfe beobachtender »Insertion« die Antworten, mit denen die katholische Kirche in Ostafrika diesen drei verwobenen und einander verschärfenden Krisen begegnet. Er beobachtet, dass die Kirche, das heißt die Christinnen und Christen, die die Gemeinschaft der Gläubigen bilden, in jedem dieser Bereiche sehr nahe bei den leidenden Menschen ist. Diese Beobachtungen bringt er jeweils in einen Dialog mit Schrift und Tradition, um anhand der theologischen Schlüsselbegriffe Inkarnation und Mission zu zeigen, dass der heutige afrikanische Kontext eine krisis darstellt, die für die durch die Geschichte pilgernde Kirche in Afrika zum kairos wird, zur Zeit des besonderen Anspruchs und der besonderen Gegenwart Gottes.

Die Kirche versteht er dabei als eine offene, im Dialog mit anderen gesellschaftlichen Kräften stehende, multi-sektorielle Gemeinschaft, die für die Leidenden, an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen mit HIV/AIDS, die Flüchtlinge und die immer größer werdende Masse der Armen zum Ort wird, an dem sie willkommen sind und Heimat finden, den sie gestalten und zu einer Inspirationsquelle für eine Transformation der Gesellschaft machen. »Außerhalb des Volkes keine Kirche«4 – das bedeutet auch, dass die Kirche der Gegenwart und der Zukunft durch das Engagement, das Leiden und die Solidarität der vielen in ihrem Namen tätigen Frauen ein weibliches Antlitz hat. Orabotor spricht von einer femininen kirchlichen Identität und interpretiert von daher bekannte Bilder für die Kirche etwa als Mutter oder als Zuflucht neu. Es ist die Kirche, die am Fuß des Kreuzes steht und auf den Gekreuzigten blickt.

BIOGRAPHISCHE DATEN

– 1967 in Benin City, Nigeria, im Volk der Edo geboren
– Schulausbildung in Nigeria, im Alter von 16 Jahren: Konversion zum Christentum
– Eintritt in die Gesellschaft Jesu
– 1988–1991: Studium der Philosophie am Institut Saint Pierre Canisius in Kinshasa, DR Kongo
– 1993–1996: Studium der Theologie am Hekima College in Nairobi, Kenia
– 1996–1998: MA in Theologie an der Jesuit School of Theology in Berkeley, Kalifornien
– 2001–2004: Promotion in Theologie und Religionswissenschaften an der University of Leeds, Großbritannien, mit einer Arbeit über die Mission der Kirche in Zeiten von HIV/AIDS, Flüchtlingen und Armut
– seit 2005: Professor, später Rektor des Hekima College in Nairobi, Kenia
– seit 2007: Mitglied im Planungskomitee der Catholic Theoligical Ethics in the World Church, Gastprofessor an der St. Augustine University, Südafrika
– seit 2009: Provinzial der ostafrikanischen Provinz der Gesellschaft Jesu.

»Hier begegnen wir einem Gesicht der Kirche, das neue Wege eröffnet, die Kirche genannte Gemeinschaft zu erfinden. Es zeigt, dass die Qualität der Präsenz, die Tiefe des Mitleidens und die Wirksamkeit der Dienste, die Frauen in Krisensituationen übernehmen, integraler Bestandteil dessen sind, was wir mit der Funktion, der Bedeutung und der Theologie der Kirche meinen.«

In diesem Sinne muss die Ekklesiologie beide Pole, den sozialwissenschaftlichen wie den theologischen, beachten. Sie darf sich weder auf eine idealtypische Beschreibung der Kirche etwa als »Familie Gottes« unter Absehung des konkreten Kontextes beschränken, denn nicht die Kirche bestimmt die Mission, sondern die Mission im jeweiligen Kontext hier und jetzt bestimmt die Kirche. Noch darf sie sich allein in einer sozialwissenschaftlichen Beschreibung bestimmter Gemeinschaftsmodelle erschöpfen, denn die »Zeichen der Zeit« sind gerade theologisch, das heißt als Anruf Gottes an die Gemeinschaft der Gläubigen zu deuten. Die Kirche ist »inkarnierte Gemeinschaft«. In diesem Spannungsfeld zwischen Inkarnation und Mission ist die Kirche die Pilgerin auf ihrem von Gott gewiesenen Weg durch die Geschichte.

In seinem jüngsten Werk bereitet Orobator eine »Theologie in einem afrikanischen Topf«zu. Es geht ihm um eine Einführung in die afrikanische Theologie, bei der er die traditionelle afrikanische Kultur und Religion in einen Dialog mit der christlichen Tradition bringt. Ausgangspunkt ist ihm der Roman »Things fall apart« (deutsch: Okongwo oder das Alte stürzt) des berühmten nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe.

ANMERKUNGEN

1 The Church as Family. African ecclesiology in its social context, Paulines Publications Africa (Nairobi 2000).
2 Ebd. 167.
3 From Crisis to Kairos. The mission of the Church in the time of HIV/AIDS, refugees and poverty, Paulines Publications Africa (Nairobi 2005).
4 »Extra populum nulla ecclesia«, ebd. 230. 5 Ebd. 225.
6 Theology brewed in an African pot, Orbis Books (Maryknoll NY 2008).
7 Catholic Theological Ethics in the World Church, vgl. www. catholicethics.com.
8 »The innovative and creative theologian of the church must also assume the vocation of the pilgrim and deploy the imagination of an artist.« From Krisis to Kairos, a. a. O. 256.

Die beiden dort aufeinanderprallenden Systeme – das traditionelle afrikanische und das abendländisch- christliche – betreiben beide auf je eigene Weise Theologie. In einem fruchtbaren Dialog dieser Traditionen sind sie wie zwei Hände, die einander waschen. Es gilt, die Einzigartigkeit und Größe jeder Tradition zu würdigen und einander in Respekt zu begegnen. Im Verständnis von Schöpfung, von Gnade und von der Gemeinschaft über den Tod hinaus ergeben sich erhellende Parallelen zwischen traditionellen afrikanischen und klassischen christlichen Auffassungen. Orobator geht hier gewissermaßen seinen eigenen Weg zurück und reflektiert auf seine doppelte Zugehörigkeit sowie auf die Fragen und Antworten in seinem Taufkatechumenat im Verhältnis zu seiner afrikanischen Herkunft. Er empfindet es nicht als »religiöse Schizophrenie«, sondern als ein Verhältnis gegenseitiger Bereicherung. Die afrikanische Spiritualität vertieft etwa auch die christlichen Vorstellungen der Demut, der Dankbarkeit und der Verantwortung für die Schöpfung. Dieser dialogische Prozess, den man als Inkulturation bezeichnen kann, wird von den Afrikanerinnen und Afrikanern in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche, gestaltet und verändert sowohl die afrikanische als auch die christliche Tradition. Hier zeigt sich auch eine pädagogische und dichterische Seite von Fr. Orobator, der jedes Kapitel mit Fragen für eine Gruppendiskussion sowie einem von ihm selbst verfassten Gebet abschließt.

Als am Hekima College tätiger Jesuit gibt Agbonkhianmeghe Orobator zahlreiche Einkehrtage und Exerzitien für Ordensschwestern, Priester und Laien. Ein besonderes Anliegen sind ihm die Aufgaben der Ordensleute angesichts der prekären Situationen etwa in den Flüchtlingslagern und Slums in Ostafrika. Gerade für Menschen, die von HIV infiziert oder betroffen sind, sind Ordensschwestern oft die ersten Ansprechpartner. Im Sinne seiner Ekklesiologie votiert Orobator klar für eine Öffnung und Diversifizierung der Dienste und Ämter in der Kirche, womit einerseits dem Klerikalismus in der afrikanischen Kirche begegnet würde und andererseits die Leistungen von Frauen in der Kirche »vor Ort« gewürdigt und amtskirchlich anerkannt würden. In diesem Sinne hat er sich auch im Rahmen der weltweiten Vereinigung katholischer Moraltheologie7 für besondere Stipendien für Frauen, die Moraltheologie studieren, eingesetzt.

Wenn man vom Schlusssatz seines Hauptwerkes8 auf den Autor schließen darf, sieht Orobator seine Aufgabe als Theologe darin, sich die Berufung des Pilgers zu eigen zu machen und die Vorstellungskraft und Phantasie eines Künstlers zu entwickeln. Als neu ernannter Provinzial der Gesellschaft Jesu für die ostafrikanische Provinz wird er so weiterhin Akzente einer Theologie von unten in die Arbeit seines Ordens und, an der Seite der gesellschaftlich Marginalisierten, in die Kirche Ostafrikas einbringen.

Marco Moerschbacher
Missionswissenschaftliches Institut Missio e.V., Aachen

EIN AUSWAHL VON VERÖFFENTLICHUNGEN

– A church in dialog as the family of god, in: What happened at the African Synod?, ed. by Cecil MacGarry, Paulines Publications Africa (Nairobi 1995) 33–50.
– Perspectives and trends in contemporary African ecclesiology, in: Studia Missionalia No. 45 (1996) 267–281.
– The idea of the kingdom of God in African theology, in: Studia Missionalia 46 (1997) 327–357.
– Leadership and ministry in the Church-as-Family. An essay on alternative models, in: Hekima Review No. 17 (1997) 7–18.
– Religion and politics in Nigeria from 1841–1885. An essay on church-state relationship, in: Hekima Review No. 18 (1997) 60–72.
– The church as family. African ecclesiology in its social context, Paulines Publications Africa (Nairobi 2000).
– Leadership and ministry in the church-as-family, in: Studia Missionalia 49 (2000) 295–313.
– Church response to AIDS amidst the poorest of the poor, in: Jesuit Centre for Theological Reflection Bulletin No. 51 (2002) 12–14.
– From Crisis to Kairos. The mission of the Church in the time of HIV/AIDS, Refugees and poverty, Paulines Publications Africa (Nairobi 2005).
– AMECEA’s response to the challenges of HIV/AIDS. Developing an evidence-based theological and pastoral strategy, in: Jesuit Centre for Theological Reflection Bulletin No. 68 (2006) 14–17.
– Faith doing justice in the context of postmodernism, in: Promotio Iustitiae No. 100 (2008) 53–58.
– Theology brewed in an African pot, Orbis Books (Maryknoll NY 2008).

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