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Samuel Rayan SJ

Theologe aus Indien

GEORG EVERS

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Samuel Rayan ist ein Theologe, der den christlichen Glauben im Licht der religiösen und säkularen Wirklichkeiten Indiens zu verstehen und zu interpretieren versucht. In seiner Ausbildung hat er sich mit der in der lokalen Sprache Malayalam geschriebenen Literatur seiner Heimatregion Kerala vertraut gemacht, aber auch Sanskrit gelernt, was ihm den direkten Zugang zur indischen Philosophie eröffnet. Wichtige Begleiter und ständige Inspirationsquelle waren für ihn die klassischen Werke der indischen Philosophie, vor allem die Bhagavadgita. Es ist aber bezeichnend für ihn, dass er die einfachen Gedichte Gitanjalis, eines indischen Mädchens (1961–1977), die ihre Erfahrungen mit der für sie letztlich tödlichen Krebserkrankung beschreibt, als Anstoß für seine theologische Reflexion begreift. »Die Theologie zu entkolonialisieren«, das ist ein zentrales Anliegen im theologischen Schaffen von Samuel Rayan. Als indischer Theologe sieht er seine Aufgabe darin, die kolonialen Strukturen zu korrigieren, die den indischen Christen zunächst die syrische Liturgie und Kirchenstruktur gebracht hatten, die später durch die portugiesischen Missionare durch Latein als Kirchensprache verdrängt wurde. Es geht ihm darum, die fremden theologischen Importe und Nachahmungen zurückzuweisen und eine neue Form der Theologie zu entwickeln, die in Auseinandersetzung mit dem Kontext des heutigen Indiens die Hoffnungen, die Enttäuschungen, den Kampf und das Leiden der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Für Indien bedeutete die Kolonialisierung, dass die tiefen Erfahrungen mit dem Göttlichen der indischen Mystiker, die weite Welt der Symbole, die reichen religiösen Texte und Formen der Gottesverehrung verachtet und zurückgewiesen wurden, um europäischer Theologie, Liturgie und Spiritualität Platz zu machen. Die westliche Theologie, die Samuel Rayan wie alle indischen Theologen seiner Zeit damals lernen musste, erscheint ihm im Rückblick ethnozentrisch und kulturell einseitig zu sein, weil sie auf die Kirche fixiert bleibt, von einem männlichen Klerus beherrscht wird und rein theoretisch ohne Bezug zu den aktuellen Problemen der Welt operiert. Samuel Rayan dagegen setzt sich für eine Theologie ein, die nicht den Anspruch erhebt, perfekt und vollendet zu sein, sondern sich dazu bekennt, ständig unterwegs und auf der Suche zu sein, die sich als Leben spendende Nahrung versteht und Pläne für das Handeln in dieser Welt entwickelt.

BIOGRAPHISCHE DATEN

– 1920 geboren in Kerala, Indien
– 1939 Eintritt in die Gesellschaft Jesu
– 1950 Universitätsabschluss in Literaturwissenschaft an der Universität von Trivandrum
– 1955 Priesterweihe
– 1960 Doktor der Theologie an der Gregoriana in Rom
– 1960–71 Kaplan der All India Catholic Universities Federation (AICUF) in Kerala
– 1968–82 Mitglied der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order) des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf
– 1972–1988 Professor in Vidyajyoti in Delhi
– 1972–76 Principal of Vidyajyoti
– 1980 Mitglied der Ökumenischen Vereinigung von Dritte-Welt-Theologen (EATWOT)
– 1988–90 Direktor und Professor an der Indian School of Ecumenical Theology (ISET) in Bangalore

Samuel Rayan war über mehrere Jahre in der Studentenseelsorge tätig und hat sich die Nähe zur Jugend auch später bewahrt. Sein ganzes Leben war er mit der Ausbildung von Priestern und Ordensleuten befasst. Daneben war er ein viel gefragter spiritueller Führer. Mitglieder verschiedener Aktionsgruppen suchten seinen Rat und seine Wegweisung. Er selber war immer bereit, sich vor Ort zusammen mit diesen Gruppen in den verschiedenen sozialen Brennpunkten einzusetzen. Rayan verkörpert in seinem Leben und Werk auf höchst kreative Weise eine seltene Einheit von Glauben und Praxis, von Theologie und Spiritualität. In einem Beitrag zur Spiritualität für heute schreibt er: »Eine heutige Spiritualität sollte offen sein für das Reich Gottes, das Jesus in sich verkörpert und sich für es einsetzen. Reich Gottes, das bedeutet neues Leben und eine neue Welt, die von der verschieden ist, die durch die Cäsaren und die Präsidenten von gestern und heute repräsentiert wird. Ein spiritueller Mensch ist jemand, der von einer neuen Welt der Gerechtigkeit und des Friedens, der Liebe und des Lebens, der Solidarität und der Gleichheit träumt. Der spirituelle Mensch wird zusammen mit den Millionen Frauen und Männern im Welt-Sozial-Forum demonstrieren und bekräftigen, dass ein neue Welt möglich ist, wenn wir gemeinsam uns dafür einsetzen«. In einem Interview beschreibt Samuel Rayan den Ausgangspunkt für seine Theologie: »Unsere Theologie muss von dort beginnen, wo die Leute stehen«. In seinem theologischen Schaffen ist er dieser Leitlinie immer treu geblieben. Für ihn ist es schwer verständlich, wie er selber einmal feststellte, dass ein Theologe vom Kaliber eines Karl Rahner seine Theologie entwickeln konnte, »ohne sich mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Naziregime oder dem Holocaust auseinander zu setzen«. Für ihn als indischen Theologen ist es unvorstellbar, an den Problemen des Kastenwesens, der Unterdrückung der Armen und den Auswirkungen eines ungerechten Weltwirtschaftssystem vorbei Theologie zu treiben. Sein eigenes Theologieverständnis hat er so beschrieben: »Theologie ist eine kritische Reflexion auf die Umsetzung des Glaubens in soziales Handeln im Hinblick auf eine Verbesserung dieses Handelns in der Verwirklichung der Werte des Reiches Gottes durch die Schaffung einer alternativen Gesellschaft«. Für ihn sind die konkreten Menschen und hier vor allem die Armen und Entrechteten eine unverzichtbare Quelle und Ort der Theologie. Nähe und Solidarität sowie Teilnahme an ihren Kämpfen gehören daher für ihn notwendig zum theologischen Geschäft. Samuel Rayan ist ein prophetischer Theologe, der als Inder in der Dritten Welt lebend tätig ist, Theologie aus der Perspektive der Unterdrückten, im Kampf gegen die Vergötzung des Mammons betreibt, was die Bereitschaft einschließt, die Konsequenzen für diese Haltung zu bezahlen. »Unsere Theologie beabsichtigt, uns mit dem geistigen Rüstzeug für ein Martyrium und für ein mutiges Zeugnis für die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Veränderung der Welt zu versehen.« Konsequent heißt dies: Ein Theologe muss bereit für das Martyrium sein. Für Samuel Rayan gibt es einen klaren Unterschied zwischen einem »Theologen« und einem »Jünger«. Während »Theologen« zwar abstrakt, verstandesgemäß, klar und deutlich göttliche Weisheiten erkennen und verstehen, verweigern sie sich der Jüngerschaft mit dem gekreuzigten Herrn, die sie notwendigerweise auch in Kontakt mit den Geknechteten und Gekreuzigten von heute bringen würde. Zeit seines Lebens hat sich Samuel Rayan von einer akademischen Theologie distanziert, wie er sie in den Universitäten im Westen ausmachte, die sich in konzeptionellen und abstrakten Verstehen theologischer Gegebenheiten erschöpft, die in ein System gebracht werden.

Bei der Behandlung des Themas »Frieden« in der Heiligen Schrift stellt er die biblischen Aussagen in den Kontext heutiger Auseinandersetzungen auf dem indischen Subkontinent und in der Welt, um den Rahmen zu beschreiben, in dem die Botschaft des Friedens sich wirksam oder zumindest prophetisch herausfordernd zeigen soll. Dabei liegt ihm viel daran, die graduelle Entwicklung des Friedensgedankens in der biblischen Offenbarung aufzuzeigen, die von der Ausrottung der Völker bei der Landnahme über die Propheten Jesaja, Jeremia und Micha bis zu Jesus das Ideal des Friedens und der Gewaltlosigkeit als Zeichen messianischer Erfüllung immer schärfer und fordernder herausarbeiten. In den Jahren unmittelbar nach Ende des II. Vatikanischen Konzils hat Samuel Rayan wichtige Beiträge zu einem neuen Verständnis von »Evangelisierung« im indischen und asiatischen Kontext geleistet, in dem er den inneren Zusammenhang zwischen Evangelisierung und Entwicklung herausarbeitete. Sein Verständnis von Entwicklung ging über die Verbesserung der ökonomischen Bedingungen für die Armen hinaus und legte den Schwerpunkt auf die qualitativen Gesichtspunkte der Würde und des ganzheitlichen Wachstums der menschlichen Person in Harmonie mit der Gesellschaft und der Umwelt. Seine Beiträge beeinflussten z. B. die Neuorientierung des Missionsverständnisses und der Missionstätigkeit in den USA, wo Samuel Rayan in den 1970er Jahren oft eingeladen wurde. Die ökumenische Offenheit, die Samuel Rayan auszeichnet, fand weite Anerkennung. Mehrere Jahre war er Mitglied in der gemeinsamen Studiengruppe »Glaube und Gerechtigkeit« (Faith and Order) des Weltrats der Kirche und der römisch-katholischen Kirche. Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Professor am Vidyajyoti Institut in Delhi wurde ihm 1988 die Leitung der »Indischen Schule für Ökumenische Theologie« (ISET) in Bangalore übertragen. Samuel Rayan gehört zu den Gründungsmitgliedern der »Ökumenischen Vereinigung von Theologen der Dritten Welt« (EATWOT). Der theologische Ansatz der EATWOT, der Praxis die Priorität vor der Reflexion zu geben und die zentrale Stelle der sozialen Analyse und des Einmischens in die konkreten Probleme der Menschen, deckten sich weitgehend mit seinem eigenen Verständnis von der Aufgabe eines Theologen. Bei einer Reihe von Konferenzen von EATWOT hat er wegweisende Beiträge geleistet. Samuel Rayan zeigt in seinem theologischen Schaffen eine große Nähe zur Literatur und Kunst. Es ist daher nicht falsch, ihn als einen narrativen Theologen zu bezeichnen. Seine theologischen Schriften und mehr noch seine mündlichen Beiträge zeigen einen literarischen Stil, den professionelle Theologen vielleicht als »zu lyrisch« abtun mögen, der aber seine eigene Schönheit und Tiefe hat. In einem Beitrag stellt er sich und seinen Kollegen die Frage: »Warum drücken wir unsere Theologie nicht in Formen der Kunst sowie der Poesie oder dem Drama aus. Warum verbannen wir den Tanz aus unserer Theologie und der Liturgie?« Die Person des Theologen, des Lehrers, des geistlichen Führers, Ratgebers, Liturgen, Predigers und nicht zuletzt des Dichters lässt sich so charakterisieren: Samuel Rayan ist ein Meister des Wortes, der Umsetzung abstrakter Gedanken in lebendige Bilder, des einfühlsamen Eingehens auf Diskussions- und Gesprächspartner, aber auch der direkten Auseinandersetzung mit Ironie und Schärfe. Vorherrschend und bleibend ist aber der Eindruck eines Menschen, der eher mit leiser Stimme und überraschender Eindringlichkeit seine Gedanken vorbringt, wobei die Sanftheit in Haltung und Stimme die nüchterne und oft radikale Analyse zwar einhüllt, aber nicht entschärft, sondern sie in ihrer Stringenz erst recht zum Leuchten bringt. Wie Samuel Rayan seine Aufgabe als indischer Theologe versteht, lässt sich knapp aber treffend mit seinen eigenen Worten beschreiben, als er in einer kritischen Reaktion auf die Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst festhielt: »Wenn man Angst hat, kann man nicht Theologe sein!« (One cannot be afraid and remain a theologian).

GEORG EVERS
Missionswissenschaftler

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN

– A spirituality for our times, in: Jnanadeepa, 8 (2005), H. 1, S. 127–144.
– Peace: Biblical perspective, in: Jnanadeepa, 4 (2001), H. 2, S. 103–119.
– Philosophy and theology relation, in: Vijñanadipti, 4 (2001), H. 1, S. 30– 48.
– Theologian as disciple. Disciple as theologian, in: Third Millennium, 4 (2001), H. 4, S. 100–106.
– Una espiritualidad de misión en un contexto asiático, in: Alternativas, 7 (2000) 15–17, H. 15, S. 181–207.
– Jesus and the struggles of the masses in India, in: Third Millennium, 2 (1999), H. 1, S. 18–31.
– Decolonization of theology, in: Jnanadeepa, 1 (1998), H. 2, S. 140–155.
– Inculturation and peoples’ struggles, in: Indian missiological review, 19 (1997), H. 1, S. 35–45.
– A spirituality of mission in an Asian context, in: Sedos: Bulletin, 29 (1997), H. 6/7, S. 194–206.
– Jesus today: Steadfastness of love and life, in: Jeevadhara, 26 (1996) 151–156, H. 152, S. 146–162.
– Jesus: A flesh-translation of divine compassion, in: Jeevadhara, 26 (1996) 151–156, H. 153, S. 212–229:
– Vidyajyoti: Jubilee vision, in: Indian Currents, 8 (1996), H. 10, 05.12.1996, S. 6, 12.
– Encyclical does not hear questions asked by oppressed, in: Asia Focus, 10 (1994), H. 14, 22.04.1994, S. 3.
– »Towards a holistic understanding of mission«: »Church: a community in mission for justice, peace and integrity of creation« (Nov 15–17, 1993, New Delhi), in: CTC Bulletin, 12 (1994), H. 1, S. 5 –15.
– Hinduistische Vorstellungen von Christus im 19. Jahrhundert / Übers.: Susanne Klinger, in: Concilium, 29 (1993), H. 2, S. 106–113.
– The image of god and the social order: World consultation: »Socialism, a viable project or an illusion?« in: COELI, (1993/94) 65–68, H. 68, S. 19–25.
– He is our peace, in: The Bulletin of the Henry Martyn Institute of Islamic Studies, 11 (1992), H. 1/2, S. 88–95.
– People’s theology, in: Jeevadhara, 22 (1992) 127–132, H. 129, S. 175–202.
– Christology in the making / ed. by Samuel Rayan, in: Jeevadhara, 21 (1991) 121–126, H. 123.
– The earth is the lord’s, in: Vidyajyoti Journal of Theological Reflection, 54 (1990), H. 3, S. 113–132.
– Theological perspectives on the environmental crisis, in: Religion and Society, 37 (1990), H. 2, S. 18–34
– Serve the younger, in: Jeevadhara, 19 (1989) 109–114, H. 111, S. 167–200. – The Holy Spirit: Heart of the gospel and Christian hope / Samuel Rayan. – Maryknoll, N. Y.: Oribis Books, 1978. – VII, 148 S.
– Development and biblical faith, in: Religion and development. – Goroka: Melanesian Institute for Pastoral and Socio-Economic Service, 1973. Bd. 2 (Point; (1979) 2), S. 91–162 .
– Christian participation in the struggle for social justice, in: Melanesia the church and the future. – Goroka: Melanesian Institute for Pastoral and Socio-Economic Service, 1978 (Point; (1978) 1), S. 37–54.
– In Christ: The Power of Women, Madras 1966.
– The eucharist and a new personalism for India, in: India and the Eucharist. – Ernakulam: Lumen Institute, 1964, S. 29–40.

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