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Domingo Llanque Chana

Aymara-Theologe und Sprachwissenschaftler aus Peru

JOSEF ESTERMANN

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Seit dem Enstehen einer indigenen Theologie (teología india) in Lateinamerika kommt auch eine typisch andine Theologie immer mehr ins Blickfeld, also eine Theologie, die vom kulturellen, religiösen und sozialen Kontext der Anden her denkt und handelt. Viele der VorreiterInnen einer solchen kontextuellen Theologie waren und sind weiterhin Personen, die nicht selber indigenen Ursprungs sind, sondern als MissionarInnen und ForscherInnen den Andenraum als zweite Heimat gewählt haben. Domingo Llanque Chana ist eine der wenigen Ausnahmen. Er gehört der andinen Kultur und Ethnie der Aymaras an, hat als Muttersprache eben diese Sprache (»Aymara« ist eine Bezeichnung sowohl für eine Sprache, ein Volk als auch eine Kultur) und hat sich insbesondere für die Verbreitung der autochthonen Weisheit des Andenhochlandes verdient gemacht.

Leben und Wirken

Geboren am 30. August 1940 in Villa Socca, Distrikt Acora, Departement Puno in Peru, hat Domingo verschiedene ländliche Primarschulen durchlaufen, unter anderem auch eine der Adventisten. Die Sekundarstufe absolvierte er dann am Seminar »San Ambrosio« in Puno. Für seine universitären Studien zog es ihn – für einen indigenen Aymara höchst ungewöhnlich – in die USA, wo er am Saint John’s Seminary in Boston und an der Cornwell University Theologie und Linguistik studierte. Diese Studien ergänzte er an der theologischen Fakultät der Päpstlichen Univesität in Lima. Nach der Priesterweihe 1976 in der Heimatdiözese (eigentlich Prälatur) Juli am Ufer des Titikaka-Sees war er zuerst Vikar in Huancané und später Pfarrer in Ilave. Seine pastorale und theologische Tätigkeit zog aber schon bald viel größere Kreise, insbesondere im Zusammenhang mit den Tätigkeiten des »Andinen Pastoralinstituts « (Instituto Pastoral Andina) IPA in Cusco, dem»Institut für Aymarastudien« (Instituto de Estudios Aymara) IDEA in Chucuito, und den jährlich stattfindenden »Treffen für Andine Theologie und Pastoral Peru-Bolivien «. Auch wurde er Mitglied von EATWOT, der ökumenischen Vereinigung von Dritte-Welt-TheologInnen. Neben seiner pastoralen und theologischen Tätigkeit war Domingo Llanque Chana lange Zeit Präsident der Peruanischen Akademie für Aymara, die er mitbegründet hat. In dieser Funktion hat er seine Muttersprache und deren Studium gefördert und dadurch erreicht, dass die peruanische Regierung den Unterricht in Aymara und Ketschua, mittels zweisprachigen Schulen, offiziell guthieß. Domingo Llanque Chana, den ich im April 2003 noch zu einem Besuch in Aachen empfangen durfte, starb unerwartet am 27. Oktober 2003 in Puno, Peru. Mit ihm ist einer der führenden Vertreter einer Aymara- Theologie von uns gegangen.

Aymara-Theologie: eine schwierige Gratwanderung

Wie jede indigene Theologie, steht auch die Aymara-Theologie unter dem Verdacht, den christlichen Glauben ungebührend zu »verwässern«, einen so genannten Neopaganismus zu fördern oder schlicht die Autorität der westlich akademischen Theologie zu untergraben. Seit einigen Jahren findet eine gezielte Kampagne fundamentalistischer Kreise der katholischen Kirche (Opus Dei, Legionäre Christi, Communione e Liberazione usw.) gegen die Teología India in Lateinamerika, insbesondere gegen einige herausragende Vertreter wie Eleazar López Hernandez oder Samuel Ruíz (der verstorbene Bischof von San Cristobal de las Casas in Mexiko) statt. Vielleicht hat sich Domingo Llanque Chana den ungerechtfertigten Angriffen durch seinen frühen Tod entziehen können. Die Aymara-Theologie versteht sich als ein originärer Beitrag zur Inkulturation des Evangeliums im Andenraum. Neben den Ketschuas, die sowohl in Peru als auch in Bolivien unter den »ursprünglichen Völkern « (so die politisch korrekte Bezeichnung der autochthonen Ethnien) den ersten Platz einnehmen, sind die Aymaras im Süden Perus, im Norden Chiles und im Andenhochland Boliviens heimisch und verstehen sich als eine Kultur, die derjenigen der Inkas vorausging. Ihre Religiosität ist stark von einer nicht-dualen Weltsicht geprägt, in der alles mit allem zusammenhängt. Es gibt weder eine Trennung von Sakralem und Profanem, noch von Göttlichem und Menschlichem. Die Religiosität ist »tellurisch«, also auf die Pachamama (Mutter Erde als Quelle und Grundlage des Lebens) ausgerichtet. Es gehört zum unbestrittenen Verdienst von Domingo Llanque Chana – neben interessanten Ansätzen von methodistischen und lutherischen Theologien in Bolivien (insbesondere zu erwähnen sind der verstorbene lutherische Theologe Humberto Ramos Salazar (Hacia una teología aymara. La Paz 1997: CTP/CMI) und der methodistische Theologe Carlos Intipampa (La evangelización en los pueblos indígenas Aymara como una forma de opresión y aculturación. Buenos Aires 1990: ISEDET) –, die Kultur, Sprache und Weltanschauung der Aymaras über das angestammte Gebiet hinaus, weit über die Landesgrenzen bekannt gemacht zu haben. Als Linguist hat er wesentlich zu einer Würdigung und Wertschätzung einer scheinbar dem Untergang geweihten Sprache beigetragen. Und als Theologe und Pfarrer hat er es verstanden, einheimische Kultur und biblische Botschaft in einen fruchtbaren Dialog zu bringen.

In seinen Publikationen zeigt sich die ganze Spannbreite seines Denkens. Ausgebildet in den besten Traditionen der westlichen Theologie und heimisch in der Globalsprache Englisch, versucht er immer wieder, Brücken zur Weisheit seiner Vorfahren, zu den religiösen Riten und Gebräuchen seines Volkes und zum zyklischen Zeitverständnis des Andenhochlandes zu schlagen. Nach den Schriften zu »Kulturelle Werte der Aymaras« (1969), »Die soziale Kommunikation unter den Aymara« (1987) und der Monographie »Die Aymara- Kultur« (1990) widmete er sich immer mehr theologischen Themen, etwa in »Aymara-Riten und Spiritualität« (1995) und dem posthum erschienenen Hauptwerk »Andines Leben und Theologie« (2005). Das »Institut füs Aymara-Studien« (IDEA) in Chucuito, das von ihm maßgeblich getragen und gefördert wurde, hat sich zu einem Sammelpunkt für kulturelle und theologische Forschungen und Publikationen (in Form eines regelmäßigen »Boletín«) zu den Aymaras entwickelt. Die seit nunmehr fünfzehn Jahren alljährlich stattfindenden Treffen für »Andine Theologie und Pastoral« zwischen Peru und Bolivien hatten in Domingo Llanque Chana stets einen initiativen und weitsichtigen Promotor. Die Ergebnisse derselben bilden den Humus für eine ausgereifte »Andine Theologie«, wie sie im Moment im Rahmen eines Forschungsprojekts des ISEAT (Instituto Superior Ecuménico Andino de Teología) in La Paz aufgearbeitet wird. Ohne die Vorarbeit eines Domingo Llanque Chana wäre ein solches Unternehmen kaum vorstellbar.

Beitrag zum interreligiösen Dialog

Dass es sich nicht nur in Asien und Afrika um eine plurireligiöse Gesellschaft und Welt handelt, sondern dass auch Lateinamerika religiös bei weitem nicht homogen ist – diese Erkenntnis brach sich immer mehr Bahn, ausgehend von der Fünfhundertjahrfeier der so genannten Entdeckung Amerikas im Jahre 1992. Neben radikalen Indianisten und Indigenisten (die eine Rückkehr zur Zeit vor 1492 möchten), haben sich auch TheologInnen mit der zwielichtigen Geschichte der Evangelisierung und der »Ausrottung der Götzendienste« beschäftigt. Domingo Llanque Chana ist einer von ihnen und hat in seiner Tätigkeit und seinen Schriften immer wieder hervorgehoben, wie wichtig ein gleichwertiger Dialog zwischen den alten religiösen Traditionen der Anden und der biblischen Botschaft sei. Als Bedingung für einen derartigen Dialog sieht Llanque einen Prozess der Enthellenisierung und Entwestlichung der vorherrschenden Theologie. Auf der anderen Seite kämpfte er immer auch dafür, dass die einheimische Weisheit und Philosophie ernst genommen würde und die Voraussetzung für eine wahrlich inkulturierte Theologie bilden sollte. Noch steckt dieser wirklich interkulturelle Dialog zwischen zwei unterschiedlichen religiösen und kulturellen Welten in den Kinderschuhen. Und eine interkulturell verfasste Aymara-Theologie, Ergebnis dieses Dialogs, hat zwar in Domingo Llanque einen ihrer besten Vertreter hervorgebracht, wird aber sicherlich noch einer längeren Anstrengung bedürfen, um im Konzert der kontextuellen Theologien gehört zu werden.

JOSEF ESTERMANN
Dozent am Institute Superior Ecuménico Andino de Teología (ISEAT) in La Paz, nationaler Koordinator der Bethlehem Mission Immensee, Bolivien

PUBLIKATIONEN

Die einzige Publikation auf Deutsch:
– »Inkulturation des Evangeliums in den peruanischen Anden«. In: Münchener Theologische Zeitschrift 47/2 (1996).

Auf Spanisch (als Auswahl):
– »Mamatan urupa: Rito de acción de gracia«. In: Boletín del Instituto de Estudios Aymaras, serie 2, No. 10 (1972). 6 –27.
– »Producción alimentaria y ritos agrícolas entre los aymaras «. In: Boletín del Instituto de Estudios Aymaras, serie 2, No. 23 (1986). 4 –26.
– La cultura aymara: Desestructuración o afirmación de identidad. Lima/Chuchito 1990: Tarea/IDEA.
– Medicina aymara. La Paz 1994: Hisbol (zusammen mit Diego Irrarázaval und Santiago Mendoza).
– Ritos y espiritualidad Aymara. La Paz 1995: Hisbol.
– Fundamentos de la Teología India. (Symposium »Hacia una Teología y Pastoral Inculturada«, Vinto-Cochabamba 11–16 de marzo de 2001) (nur als Fotokopie zugänglich).
– Vida y teología andina. Lima/Chuchito 2005: CEP/IDEA. Siehe auch, zur »Aymara-Theologie«:
– Irrarázaval, Diego (1992). »Aymara-Theologie: Ihre Bedeutung für die interkulturelle Theologie«. En: Fornet-Betancourt, Raúl (ed.). Theologien in der Sozial- und Kulturgeschichte Lateinamerikas. Bd.1. Eichstätt: Diritto. 100–131.
– Silber, Stefan (2002). »Lebensprojekte andiner Frauen und Männer für das dritte Jahrtausend«. Bericht zum »12. Treffen für Andine Theologie und Pastoral Peru-Bolivien, Patacamaya«. In: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft 58 (2002) 1. (ebenfalls in: Link ).
– Hinweis auf Domingo Llanque Chana, in: Link

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