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Antony Raj SJ

Ein indischer Jesuit im Einsatz für die Menschenwürde der Dalits

GEORG EVERS

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Für das Verständnis von Leben und Werk des indischen Jesuiten Antony Raj ist es wichtig, die Situation der als »Dalits« bezeichneten Menschen am untersten Rand der indischen Gesellschaft sich vor Augen zu führen. Als »Dalits«, wörtlich: »die Gebrochenen «, nennen sich die Angehörigen der Kastenlosen (»outcasts«) bzw. der Unberührbaren (»untouchables«), die durch die von ihnen ausgeübten Berufe wie Kadaverentferner, Abortreiniger, Straßenkehrer und Gerber als »unrein« gelten. Die Bezeichnung »Harijans« (= Kinder Gottes), die Mahatma Gandhi für sie geprägt hat, haben die Dalits nie akzeptiert und eher als Verhöhnung empfunden.

Antony Raj wurde am 13. März 1945 in einer Familie von Dalits geboren. Der Eintritt in den Jesuitenorden mit 18 Jahren im Jahre 1963 bedeutete für ihn auf der einen Seite sicher einen gesellschaftlichen Aufstieg. Aber er blieb seinen Wurzeln treu und scheute sich nie, seine Zugehörigkeit zu den diskriminierten Dalits zu bekennen. Wie er später trotzig und stolz sagte: »Mehr als Jesuit zu sein, bedeutet es mir, ein Dalit zu sein. Aus dieser Herkunft leite ich das Recht ab, Führer für mein Volk zu sein.« Schon bald nach seiner Priesterweihe im Jahr 1975 begann er, sich für die Anliegen der Dalits einzusetzen. Antony Raj hat sich gründlich auf seine Lebensaufgabe, für die Befreiung und Gleichstellung der Dalits in der indischen Gesellschaft und Kirche zu kämpfen, vorbereitet. Der Orden gab ihm die Möglichkeit, nach Abschluss seiner philosophischen und theologischen Studien in den USA mit einer soziologischen Studie über »Die soziologischen Grundlagen für die Gehorsamshaltung der Unberührbaren in Indien« zu promovieren. Dabei ging es ihm darum, die soziologischen Gründe und die psychologischen Faktoren herauszuarbeiten, die für das subversive Verhalten der Dalits verantwortlich sind, die nach den langen Jahrhunderten der Unterdrückung an mangelndem Selbstbewusstsein, an Selbstmitleid und unter ständiger Angst leiden. Von den hinduistischen Gelehrten wurde ihnen eingetrichtert, dass ihre elende Situation die Strafe für Sünden und Fehler in früheren Existenzen sei und von ihnen als Karma angenommen und durchlitten werden müsse, um eventuell später in einer weiterenWiedergeburt ein besseres Schicksal (Karma) erreichen zu können.

Als Antony Raj 1987 nach Erlangung des Doktorgrades nach Indien zurückkehrte, benutzte er die Erkenntnisse, die er über die allgemeine Situation der Dalits gewonnen hatte, um eine Untersuchung über die Diskriminierung der Dalits in der katholischen Kirche im Bundesstaat Tamil Nadu zu machen. Dabei benutzte er durchaus die in den USA gelernten wissenschaftlichen Methoden, ohne jedoch »akademische Objektivität und Distanz« anzustreben. Ganz bewusst machte er seine Untersuchungen aus der Perspektive der Opfer von dreitausend Jahren Ausgrenzung und Diskriminierung, zu denen er seiner Herkunft nach selber zählt. Die deprimierenden Ergebnisse seiner Untersuchung hat er in einem Buch »Kinder eines geringeren Gottes« (Children of a Lesser God) veröffentlicht. Raj kam zu dem Schluss, dass in der Kirche seines Heimatstaates praktisch die gleichen Diskriminierungsmechanismen gegenüber den Dalits am Werk waren, die er bei den Hindus beobachtet hatte. Hier wie dort herrschen die höheren Kasten. Sein Fazit: Das Christentum in Indien ist ein »hinduisiertes« Christentum.

Father Antony Raj – Indischer Jesuit und Theologe

Antony Raj gab sich aber nicht damit zufrieden, nur die Phänomene der Diskriminierung der Dalits zu beobachten, zu analysieren und zu beschreiben, sondern er entschloss sich, Mitstreiter zu suchen, die für eine Veränderung der Situation der Dalits sich einzusetzen bereit waren. 1989 gründete er die »Christliche Dalit- Befreiungsbewegung« (Dalit Christian Liberation Movement), die bald in den meisten Diözesen des Bundesstaates Untergruppen bildete und schnell Hunderttausend Mitglieder hatte. Enttäuscht vom Versagen der kirchlichen Autoritäten, die Diskriminierung der Dalits in der Kirche wirksam zu bekämpfen, entschlossen sich die christlichen Dalits, sich zu organisieren und gegen die ungerechten und diskriminierenden Praktiken innerhalb der Kirche vorzugehen. Nachdem alle Versuche, einen fruchtbaren Dialog mit den Verantwortlichen in der Kirche zu führen, gescheitert waren, sahen die Dalits keinen anderen Ausweg mehr, als den Weg der Konfrontation einzuschlagen, um für ihre Menschenwürde und für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Vorrangig war zunächst aber die Arbeit an einer Bewusstseinsveränderung der Dalits, damit sie in die Lage versetzt wurden, die Faktoren und Bedingungen besser zu verstehen, die für ihre Diskriminierung verantwortlich waren und sind. Brisant wurde die Erhebung des Anteils von Dalits in kirchlichen Führungsämtern, die deutlich machte, wie eklatant unterrepräsentiert die Dalits sind, die zwar mit über 70 % eindeutig die große Mehrheit der Katholiken darstellen, aber innerhalb des Klerus, der Orden und vor allem in den Führungspositionen kaum vertreten sind. Die christlichen Dalits begannen, in öffentlichen Protestaktionen gegenüber den Kirchenleitungen ihren Unmut über die Nichtberücksichtigung ihrer Anliegen mit Fastenaktionen, Umzügen mit schwarzen Fahnen und Transparenten sowie Akten zivilen Ungehorsams Ausdruck zu verleihen. Auf Druck einiger Bischöfe aus Tamil Nadu sah sich die Ordensleitung der Jesuiten gezwungen, Antony Raj den Befehl zu geben, seine Funktion als Präsident der Christlichen Dalit-Befreiungsbewegung aufzugeben. Als guter Ordensmann fügte sich Antony Raj und trat »im heiligen Gehorsam« von seinem Amt zurück. Schon bald erhielt er aber eine neue, noch einflussreichere Funktion, als er zum Präsidenten der »Dalit Befreiungsvereinigung« (Dalit Liberation Federation) gewählt wurde, dem Dachverband aller Dalit-Bewegungen in Tamil Nadu, der die Aufgabe hat, die Aktionen und Projekte der religiös und ideologisch verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Dalits möglichst effektiv zu koordinieren und wirksam zu machen. Von 1997 bis 1999 wurde Antony Raj von der indischen Regierung zum Leiter des föderalen Büros für die Erziehung der indischen Arbeiter ernannt.

BIOGRAPHISCHE DATEN VON ANTONY RAJ

– Geboren 1945 in Südindien
– 1963 Eintritt in den Jesuitenorden
– 1968 -1976 philosophische und theologische Studien
– 1975 Priesterweihe
– 1987 Doktorat in Soziologie an der Loyola Universität der Jesuiten in Chicago mit einer Arbeit über die Situation der Dalits
– 1989 Gründung der »Christlichen Dalit-Befreiungsbewegung « (Dalit Christian Liberation Movement)
– 1992 Präsident der »Dalit Befreiungsvereinigung« (Dalit Liberation Federation)
– 1997–1999 Leiter des föderalen Büros für die Erziehung der indischen Arbeiter
– 1999 Gründer der »Doctor Ambedkar Cultural Academy« (DACA)

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN VON ANTONY RAJ SJ

– To understand the Dalit culture, in: The Rally, 67 (1991/1992), H. 1/2, S. 21–23;
– The Dalit christian reality in Tamilnadu, in: Jeevadhara, 22 (1992), H. 128, S. 95–111;
– Children of a lesser god; Madurai, 1992;
– The Dalit christian Reality in Tamilnadu, in: Integral mission dynamics. An interdisciplinary study of the Catholic Church in India. Ed. by Augustine Kanjamala. New Delhi, 1995, S. 70–88;
– The world of working youth in the context of globalisation, 1997.

Als Theologe betrachtet Antony Raj das Kreuz als das Symbol für die Unterdrückung der Dalits. Die wenigen Theologen aus den Reihen der Dalits haben seit einigen Jahren begonnen, eigenständige Formen einer »Dalit-Theologie« zu entwickeln. Anregungen fanden die Dalit-Theologen zunächst in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und der sog. »Schwarzen Theologie« aus Südafrika. Die Analyse ihrer Situation als unterdrückte Minderheit sowohl in der indischen Gesellschaft als auch in den christlichen Kirchen zeigte den Dalit-Theologen, dass sie selbständige Wege gehen mussten, um auf die theologischen Herausforderungen, die sich daraus ergaben, adäquate Antworten zu finden. Schnell war ihnen klar, dass die bisher entwickelten Formen einer inkulturierten indischen Theologie, die sich an Vorgaben aus den kulturellen und religiösen Traditionen der indischen Hochkultur ausrichten, dabei ganz und gar nicht hilfreich sein konnten. Denn für die Dalits ist es kein Gewinn, wenn in eine christliche indische Liturgie und Spiritualität aus der religiösen Tradition der Brahmanen abgeleitete Elemente aufgenommen werden, um dadurch das Christentum als weniger fremd und authentischer »indisch « erscheinen zu lassen. Für sie ist es unannehmbar, in der von ihnen als Unterdrücker und Ausbeuter erlebten brahmanischen Tradition Hilfen für ihr eigenes Glaubensleben zu entdecken.

Das Wirken von Antony Raj und seiner Mitstreiter hat wesentlich dazu beigetragen, die Einstellung zu den Dalits in der katholischen Kirche in Indien zu verändern. In den letzten Jahren haben die indische und die regionale Bischofskonferenz mehrfach in Hirtenworten darauf hingewiesen, dass Diskriminierung auf Grund von Kastenzugehörigkeit keinen Platz in der katholischen Kirche haben dürfte. Die Umsetzung dieser Lehrschreiben in die Köpfe von Klerus und Gläubigen und die Durchsetzung dieser Einsicht in konkreten Verhaltensänderungen auf der Ebene der Pfarreien scheitert jedoch immer wieder am Widerstand von Katholiken aus den höheren Kasten im Klerus und unter den Gläubigen vor Ort, die nicht bereit sind, ihre Kastenmentalität aufzugeben und auf althergebrachte Sonderrechte zu verzichten.

Mit der Unterstützung von zahlreichen internationalen und nationalen Stellen gelang es Antony Raj 1999 die »Doktor-Ambedkar-Kultur-Akademie« (Dr. Ambedkar Cultural Academy – DACA) in Madurai zu gründen. Die Einrichtung wurde benannt nach Bhimrao Rhanji Ambedkar (1891–1956), der als Vorkämpfer für die Befreiung und Gleichberechtigung der Dalits in die Geschichte eingegangen ist. Mit der Errichtung dieses Ausbildungszentrums für die Dalits hat Antony Raj sich seinen Traum erfüllt, eine Organisation ins Leben zu rufen, die nachhaltig und vielseitig für die Verbesserung der Lebenssituation der Dalits tätig werden kann. DACA hat eine Vielzahl von Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche aus Dalitfamilien geschaffen, die dort Schulen besuchen, ein Handwerk erlernen, Computerkurse belegen und viele andere Bildungsangebote nutzen können, um befähigt zu werden, aus dem Teufelskreis von Armut und Ausbeutung ausbrechen zu können. In den umliegenden Dörfern hat DACA über 200 Abendschulen für Erwachsene eingerichtet, die Gründung von landwirtschaftlichen Kooperativen gefördert, sowie Ausbildungsmöglichkeiten in verschiedenen Berufen sowie Kurse in Wirtschaft und Management eingerichtet. Angestrebt wird die Errichtung einer Höheren Schule und einer technischen Universität. Angegliedert an DACA ist die »Pierre Ceyrac Medical Foundation« (CMF), die sich bemüht, medizinische Hilfe für die Ärmsten der Armen bereitzustellen und medizinische Grundkenntnisse an sie zu vermitteln. Im Juli 2000 konnte die CMF ein 45-Bett Hospital in Madurai eröffnen.

GEORG EVERS
Missionswissenschaftler

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