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Virginia Saldanha

Theologin aus Indien

KATJA HEIDEMANNS

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Die Laien sind die Zukunft der katholischen Kirche in Asien. Welche andere Organisation kann schon eine derartige Bereitschaft zu ehrenamtlichem Dienst aufweisen wie die katholische Kirche?« Virginia Saldanha, Katechetin und Frauenrechtlerin, Friedensaktivistin und Theologin aus Indien weiß, wovon sie spricht. Ihr ganzes Leben lang hat sie das Engagement der Laien in der katholischen Kirche in Asien begleitet und gefördert, seit 2000 als Koordinatorin des Office for Laity der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC). Wenn Saldanha die Bedeutung der vielfältigen Begabungen und Charismen für das Wachstum und die Erneuerung der Kirche in Asien unterstreicht, die Kombination von Glauben und Selbstlosigkeit, die ihrer Meinung nach das Engagement der Laien in Asien kennzeichnet, so ist das keinesfalls blinde Schwärmerei. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern weiß nur zu genau, wie wichtig und notwendig die Begleitung, Qualifizierung und Koordination des Laiendienstes in der Kirche ist und dass es heute spiritueller Impulse und neuer pastoraler Strukturen bedarf, welche Laien die Möglichkeit bieten, über die bloße Erfüllung der Sonntagspflicht hinaus ihren Glauben aktiv in ihrer Nachbarschaft zu leben.

Mündige, sozial engagierte und spirituell reife Christen fallen nicht vom Himmel. Unlängst führte Saldanha eine Befragung unter Christen der indischen Mittelschicht durch, um Hinweise auf das Missionsverständnis und die Spiritualität des durchschnittlichen katholischen Kirchgängers zu erhalten. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Die, wie sie sagt, »mechanische und letztlich für das alltägliche Leben bedeutungslose Glaubenspraxis«, mit der die 1947 geborene Theologin als junge Frau aufwuchs, prägt bis heute das spirituelle Leben vieler Christinnen und Christen ihres Landes. »In meiner Jugend versuchten wir unser Bestes, eine ›Heiligkeit‹ zu leben, die zu weiten Teilen moralistisch und von Geboten und Listen guter Werke bestimmt war. Das Leben in der Kirche und das Leben in der Welt waren strikt voneinander getrennt.« Dass sich an dieser Haltung wenig geändert hat, zeigt für Saldanha nicht zuletzt auch das Versagen des indischen Christentums, das Kastendenken und die Diskriminierung der Armen in der indischen Gesellschaft zu überwinden. Zwar sind in den Städten vor allem unter den Jüngeren erste Abwanderungsbewegungen zu beobachten, doch noch sind die Gottesdienste voll, ziehen charismatische Gebetsgruppen und ähnliche Frömmigkeitsformen die Massen an und lassen sich Menschen für wohltätige Aktivitäten gewinnen. Der Einsatz für eine Ermächtigung der Marginalisierten, für strukturelle Veränderungen und mehr Gerechtigkeit stößt dagegen auf wenig Interesse.

Virginia Saldanha – Theologin aus Indien

Für Saldanha selbst öffnete das II. Vatikanische Konzil die Tür zu einer lebendigen Beziehung zu Gott, die sich in allen Bereichen des Lebens in vielen Formen Ausdruck verschafft. Erst diese befreiende Erfahrung ermöglichte es der jungen Christin, die Botschaft Jesu Christi in Katechese und Pastoralarbeit weiterzugeben. »Ich habe immer mit der Frage gerungen, wie ich die Gute Nachricht, dass Jesus starb, um uns von unseren Sünden zu befreien und uns in seine Nachfolge ruft, den zahllosen Armen in meinem Land verkündigen soll. Welche Bedeutung könnte diese Botschaft für Menschen haben, die Hunger leiden und nicht wissen, wie sie das Überleben ihrer Familien sichern sollen? Das Konzil half mir, eine Glaubenspraxis zu entwickeln, die mich selbst zur guten Nachricht für meine unter Armut und sozialer Diskriminierung leidenden Schwestern und Brüder werden ließ.«

Selbst zur guten Nachricht zu werden bedeutet für Saldanha bis heute, die eigene Lebenspraxis immer wieder kritisch an den Maßstäben der Botschaft Jesu Christi auszurichten, im beruflichen Kontext ebenso wie im Privatleben. In einem bewegenden »Brief an meine Hausangestellte«, einer Reflexion zum Ostersonntag, schreibt Saldanha: »Liebe Savitribai, jedes Jahr feiere ich Ostern und singe freudig: ›Mein ist das neue Leben Christi‹. Jetzt erkenne ich, wie leer diese Worte sind, wenn ich diese gute Nachricht nicht mit dir teile. Ich habe dich deiner Armut überlassen und mein Gewissen damit beruhigt, dir meine alten Kleider zu schenken und ein gelegentliches Trinkgeld zu geben… Vergib mir, meine Schwester. Ich werde versuchen, dir die Möglichkeit zu geben, dein volles Potenzial als Mensch zu entfalten. Ich werde alles tun, damit du verstehst: Du bist eine Tochter Gottes mit einer eigenen Würde und einem eigenen Wert. Diese Umkehr wird Zeit brauchen und Geduld. Ich werde die Initiative ergreifen und den ersten Schritt machen, aber den Weg müssen wir gemeinsam gehen.«

Den Kampf um die Arbeitsrechte der Hausangestellten in Indien und ihr sonstiges menschenrechtliches Engagement versteht das langjährige Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von Pax Christi International ebenso als genuinen Ausdruck eines ganzheitlichen theologischen Ansatzes wie den Einsatz für den Aufbau Kleiner Christlicher Gemeinschaften. Die Vision einer Kirche als Gemeinschaft von Gemeinschaften, wie sie dem Modell der Kleinen Christlichen Gemeinschaften zugrunde liegt, findet Saldanhas uneingeschränkte Zustimmung. Die Wirklichkeit, so die Erfahrung ihrer Arbeit für die FABC, sehe jedoch oft anders aus. Bisher sei es noch nicht gelungen, die Theologie und Spiritualität der Kleinen Christlichen Gemeinschaften in der Ausbildung von Priestern, Ordensleuten, Laientheolog/innen und Katechet/innen zu verankern. Viele Gläubigen und vor allem viele Priester hätten nicht verstanden, dass die Kleinen Christlichen Gemeinschaften nicht eine weitere Sozialform in der Kirche darstellen, sondern für einen völlig neuen Weg stehen, in den mehrheitlich nicht-christlichen und von Ungerechtigkeit und Armut gezeichneten Gesellschaften Asiens authentisch Kirche zu sein. Dieser neue Weg, Kirche zu sein, erfordert für Saldanha eine neue Form der Zusammenarbeit von Klerus und Laien, ja ein völlig neues Verständnis von Diensten und Ämtern. Das Modell der Kleinen Christlichen Gemeinschaften breche mit den liebgewordenen Gewohnheiten eines »Sonntagschristentums « und mute den Menschen zu, sich ihrer Berufung bewusst zu werden und Verantwortung für ihre Gemeinschaft und darüber hinaus zu übernehmen. Selbstkritisch stellt Saldanha fest: »Die katholische Kirche bietet ihren Mitgliedern einen derart geschützten Raum, dass die meisten Katholiken überhaupt keine Notwendigkeit sehen, über die Grenzen ihrer Gemeinde hinaus zu blicken. Die harte Wirklichkeit der Millionen von Armen und Ausgegrenzten in unserer Gesellschaft scheint uns gar nichts anzugehen. Einige von uns mögen Armstuhldebatten führen über die Unfähigkeit der Regierung, die Armut zu bekämpfen oder die Faulheit der Armen. Aber nie diskutieren wir darüber, was unser eigener Beitrag zur Veränderung der Situation sein müsste.« Die nachbarschaftliche, über die Grenzen der eigenen Glaubensgemeinschaft hinausgehende Orientierung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften hält Saldanha deshalb für zukunftsweisend für eine Spiritualität christlicher Nachfolge im Kontext ökonomischer Ungerechtigkeit, interreligiöser Spannungen und sozialer Gewalt.

BIOGRAPHISCHE DATEN VON VIRGINIA SALDANHA

– Geboren 1947 in Indien
– verwitwet, 3 Kinder
– Bachelor of Arts, katechetische Ausbildung am diözesanen Pastoralzentrum in Mumbai, Abschluss als Laientheologin am Bombay Diocesan Seminary;
– 1978–1992 Tätigkeit als Katechetin an verschiedenen Schulen;
– 1992–2000 Geschäftsführerin des Frauenreferats der Erzdiözese Bombay (Women’s Desk of the Archdiocese of Bombay);
– 1992–1998 Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der Kommission Justitia et Pax der Erzdiözese Bombay;
– 1997–2004 Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von Pax Christi International;
– 1998–2004 Geschäftsführerin der Frauenkommission der Indischen Katholischen Bischofskonferenz;
– Seit 2000 Koordinatorin des Office for Laity der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC);
– Mitglied von EWA, Ecclesia of Women in Asia.

Gefragt nach den wichtigsten Stationen ihres eigenen spirituellen und theologischen Weges nennt Saldanha neben den theologischen Aufbrüchen des Konzils ihre Erfahrungen in der Gemeindekatechese und der Auseinandersetzung mit befreiungstheologischen und feministischen Ansätzen, die Krankheit und den frühen Tod des Ehemanns sowie die Erfahrung der Witwenschaft. Das Leben als Witwe in einer Kultur, in der Witwenschaft für eine Frau oft schlimmer ist als der Tod, hat Saldanha weiter sensibilisiert für die Situation der Frauen in Indien. Theologisch zu arbeiten bedeutet für die frühere Geschäftsführerin der Frauenkommission der indischen Bischofskonferenz zuallererst, Theologie aus der Sicht von Frauen zu treiben. Nur so könne es gelingen, so erklärt sie im Rückblick auf das 2001 von ihr organisierte erste Treffen indischer Theologinnen, die männliche Dominanz in der Theologie und in der kirchlichen Entscheidungsfindung zu beenden und die Theologie zu denMenschen zu bringen. Ob in Führungskräftetrainings und in der religiösen Bewusstseinsbildung von Frauen an der Basis, in Programmen zur spirituellen Ermächtigung von Ordensfrauen oder in der Vernetzung von Theologinnen, immer geht es Saldanha darum, die Stimme von Frauen in der asiatischen Kirche zu stärken und sie darin zu unterstützen, die eigenen Lebenserfahrungen zum Ausgangspunkt ihrer theologischen Reflexion zu machen. Wenn die Theologin von den Lebenserfahrungen von Frauen spricht, die zum Schlüssel für gesellschaftliche Transformationsprozesse werden können, so denkt sie vor allem an die leiblichen Erfahrungen von Frauen. Sozialer Wandel, davon ist sie überzeugt, wird erst möglich, wenn Frauen sich affirmativ auf ihre Fähigkeit beziehen, Leben zu spenden, zu fördern und zu bewahren. Die Leiberfahrung der Frau umfasse nicht nur einen gewissen Grad an Leid, Opferbereitschaft und den steten Gedanken an »das Andere«, sie mache die Frau auch zur Mit-Schöpferin Gottes, indem sie Leben schenkt und es zur Ganzheit führt. Dieser Ansatz einer »Leben spendenden Spiritualität« mag von außen betrachtet befremdlich biologistisch klingen und auf den ersten Blick herkömmliche Geschlechterstereotype bedienen, in einem gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Kontext, in dem Frauen lernen, ihren Körper als schmutzig, verdorben und als Quelle der Sünde anzusehen, enthält er ein beträchtliches befreiendes und kritisches Potential. Saldanha ist davon überzeugt: Im Unterschied zu der auch in katholischen Kreisen in Asien populären Pro-Life-Bewegung, die Frauen eher schade als dass sie ihnen nütze, ihre Leben spendenden Fähigkeiten zu entwickeln, helfe das Bemühen der bischöflichen Frauenkommission, Frauen zur Ausbildung einer eigenen Spiritualität zu ermutigen, den Frauen, sich selbst und ihre Arbeit in einem neuen Licht zu sehen und ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

KATJA HEIDEMANNS
Referentin des Vorstandes, missio Aachen

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN VON VIRGINIA SALDANHA

Virginia Saldanha hat zahlreiche Vorträge für nationale und internationale Konferenzen sowie Beiträge für Zeitschriften verfasst, vor allem zu Frauenfragen, Spiritualität und zu sozialer Gerechtigkeit. Viele ihrer Texte finden sich im Internet.

Laypeople in Asia, 23.02.2004; Link (24.02.2004).

– Fundamentalists are not rooted in the truth of their religions, in: National Catholic Reporter (Online), 23.04.2003; Link (11.08.2003).

– The HIV/AIDS pandemic, in: The Examiner, 154 (2003), H. 49, S. 12–13.

– Women cannot stand by and watch life destroyed, in: National Catholic Reporter (Online), 11.06.2003; Link (11.08.2003).

– Women in the Church. Where we are … The direction for the future … in: The living word 107 (2001) H. 6, S. 349–357.

– The Church in the New Millenium. Learning to be in solidarity and dialogue with women, in: FABC Papers Nr. 92c, Hong Kong 2000, 1–17.

– Reach out and affirm the girl child, in: The Examiner 149 (1998) H. 36, S. 10–11.

– Vaz, Eugene; Saldanha, Virginia; Mateo, Cora: Asian Integral Pastoral Approach (AsIPA). An integral and contextualized formation of Small Christian Communities towards becoming a more participatory church / Eugene Vaz, Virginia Saldanha, Cora Mateo, 1997. – O. Pag.

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