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Léonard Santedi Kinkupu

Theologe aus der DR Kongo

MARCO MOERSCHBACHER

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Als die diesjährigen Ernennungen für die Päpstliche Theologenkommission bekannt wurden, war der Name Léonard Santedi Kinkupu wohl den wenigsten vertraut. Und doch steht dieser junge kongolesische Priester, Theologieprofessor und Dekan der Theologischen Fakultät in Kinshasa, für eine neue Generation in der afrikanischen Theologie, die das Verhältnis zwischen Europa und Afrika auf andere, solide Füße stellt und auf der Basis von Eigenständigkeit und Gleichberechtigung Afrikas Stimme in das Konzert der Weltkirche einbringt.

Léonard Santedi wird 1960 als jüngstes von acht Kindern einer Textilarbeiterfamilie in Léopoldville (heute Kinshasa), der Hauptstadt der gerade unabhängig gewordenen Republik Kongo, geboren. Die Stammeszugehörigkeit spielt keine Rolle, man ist »kinois«, Kinshaser. In Kinshasa verbringt er seine Jugend, besucht Grundschule und Gymnasium und lässt sich von Joseph Albert Kardinal Malula, dem großen Kirchenführer und »Vater der Kirche von Kinshasa«, in den Bann ziehen.

Selbstbewusst prägt und gestaltet Malula die Ortskirche von Kinshasa als eine afrikanische Kirche, in der Kleine Christliche Gemeinschaften die pastorale Grundeinheit sind, ehrenamtlichen Laien wichtige Verantwortlichkeiten übertragen werden und die Liturgie nach dem so genannten zairischen Ritus inkulturiert wird. Was Santedi an Malula besonders fasziniert, ist seine intellektuelle Ausstrahlung, die er mit hohen Ansprüchen an die Priester seines Bistums und mit klaren Vorstellungen über die Rolle der Intellektuellen beim Aufbau der kongolesischen Gesellschaft verbindet.

Foto: Marco Moerschbacher

Santedi geht den langen Weg der Priesterausbildung nach europäischem Muster: 3 Jahre Philosophie, praktisches Jahr, 4 Jahre Theologie. Nach Priesterweihe und Kaplansjahren wird er von Kardinal Malula kurz vor dessen Tod zum Weiterstudium in Europa freigestellt. Er erhält ein Stipendium vom Missionswissenschaftlichen Institut Missio und promoviert in den Jahren 1988 bis 1993 in Paris bei dem bekannten französischen Dogmatiker Claude Geffré. In seiner Arbeit setzt er sich mit der so genannten Modernistenkrise zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich auseinander. Kern der Kontroversen ist die Frage nach der Unveränderlichkeit der Dogmen und ihrer Formulierungen.

Aus dieser Diskussion gewinnt Santedi grundlegende Erkenntnisse über die Notwendigkeit eines dogmatischen Pluralismus als Basis für eine eigenständige afrikanische Theologie.

Da ihm unmittelbar nach seiner Rückkehr in seine Heimatdiözese Kinshasa zwei zeitraubende Aufgaben übertragen werden, nämlich die Leitung des Priesterseminars Jean Paul I. sowie die volle Lehrtätigkeit an der theologischen Fakultät der katholischen Fakultäten in Kinshasa, erscheint seine Dissertation unter Einbeziehung auch der neueren Veröffentlichungen erst im Jahre 2003 unter dem Titel »Dogme et inculturation en Afrique. Perspective d’une théologie de l’invention« (»Dogma und Inkulturation. Perspektiven einer Theologie der Innovation«) bei Karthala in Paris. Auf 200 Seiten legt Santedi die Grundlage für eine afrikanische Theologie, die es in den verschiedenen theologischen Disziplinen heute auszuarbeiten gilt. Im Unterschied zu seinen Altvorderen geht es ihm dabei nicht in erster Linie um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit mit all der Gewalt, die den Afrikanerinnen und Afrikanern und ihrer Kultur und Religion angetan wurde. Es geht auch nicht länger um die alten Abgrenzungskämpfe einer »genuinen« afrikanischen Theologie gegenüber einem übermächtig wirkenden europäischen Zentralismus oder um die leidige Frage der Wahl zwischen Inkulturation und Befreiung. Vielmehr wird anhand der Modernistenkrise und der weiteren Entwicklung des Lehramtes in der Frage der Unveränderlichkeit der Dogmen die Grundlage für einen dogmatischen Pluralismus gelegt. So anerkennt das Zweite Vatikanische Konzil in seinem Ökumenismusdekret die Tatsache, dass das Erbe der Apostel je nach dem Geist der Völker und ihren Lebensumständen auf verschiedene Art und Weise weitergegeben wurde und dass das Abendland seine Denkweise in keinster Weise dem Orient aufzwingen darf. Hier wird der Vielfalt der Traditionen ein positiver Wert beigemessen (vgl. UR 17). Dies ist eineWeichenstellung, die auch für die afrikanische Theologie von entscheidender Bedeutung ist. Die Begegnung des Christentums mit den afrikanischen Kulturen schreibt sich ein in die Geschichte Gottes mit den Menschen. Es gilt, die Geschichtlichkeit der Offenbarung und der Begegnung Gottes mit den Menschen ernst zu nehmen. Außerhalb der Geschichte ist weder Offenbarung noch Gottesbegegnung möglich. Insofern stehen wir ständig vor der Herausforderung der Interpretation. Die ganze Geschichte Gottes mit den Menschen folgt einer prozessualen Pädagogik, die den Menschen, den europäischen und den afrikanischen, immer neu vor die Aufgabe stellt, die Tradition zu rezipieren, im alltäglichen Zeugnis für die Frohe Botschaft dieser Tradition einen je neuen Sinn zu geben und so Tradition neu zu schaffen.

BIOGRAPHISCHE DATEN

– geboren 1960 in Léopoldville (heute Kinshasa)
– Schulausbildung in Kinshasa
– 1978–1981 Philosophiestudium am Priesterseminar St. Kaggwa in Kinshasa
– 1981–1986 Theologiestudium an den Katholischen Fakultäten von Kinshasa
– 1985 Priesterweihe, Tätigkeiten in der Seminaristenausbildung und in der Pastoral
– 1988–1993 Promotionsstudium in Paris, Institut Catholique über »Le dogme selon Edouard Le Roy et la position du Magistère hier et aujourd’hui«
– seit 1993 Professor für Dogmatische Theologie an der Theologischen Fakultät der Katholischen Fakultäten von Kinshasa; Regens des Priesterseminars St. Jean Paul I.
– seit 2003 Dekan der Theologischen Fakultät von Kinshasa
– März 2004 Berufung in die Päpstliche Theologenkommission

Im Afrika des 21. Jahrhunderts sind die christlichen Gemeinschaften aufgerufen, auf die neuen Fragen der Globalisierung und der Marginalisierung aus ihrem Glauben heraus neue Antworten zu finden. Wenn sie sich dieser Aufgabe stellen, wird das konkrete Leben der christlichen Gemeinschaften, ihre Feier des Lebens und des Glaubens, selbst die neue Antwort sein.

Inkulturation ist für Santedi die kreative Rezeption der von den Konzilien formulierten Glaubenssätze, die sich im Spannungsfeld zwischen Text (der Tradition), Interpretierendem (der Ortskirche) und Kontext (der jeweiligen kulturellen Realität) ereignet. Als christliche Orthopraxis ist Inkulturation nichts anderes, als sich die christliche Botschaft zu eigen zu machen und zielt immer ab auf die Gestaltung des konkreten Lebens und auf die Befreiung von aller Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Santedi spricht von einer »Lebenstheologie«. Inkulturation »ist auch und vor allem die Antwort der Kulturen und der Individuen innerhalb dieser Kulturen auf den Ruf des Wortes Gottes in der Kirche. Die Kulturen antworten auf diesen Ruf und begeben sich in diese Begegnung nur mit der ihnen eigenen Ausdrucksform, ihrem Verständnis von der Wirklichkeit und von der jenseitigen Welt. So ist Afrika heute aufgerufen, auf seinen eigenen Bilderreichtum, seine grundlegenden Metaphern, Symbole und Ideen zurückzugreifen, um die Erfahrung zum Ausdruck zu bringen, die die Begegnung der Gläubigen mit dem ›Gott, der in Afrika schwarz geworden ist‹, ausgelöst hat.«

Santedi, der als Theologieprofessor und Dekan der theologischen Fakultät wesentlichen Anteil an der jüngst wieder auflebenden Forschungs- und Publikationstätigkeit der theologischen Fakultäten von Kinshasa hat, ist bei aller Theologie Seelsorger geblieben. Er engagiert sich in der Gemeindearbeit sowie in der Ausbildung der ehrenamtlichen Laien am »Institut Supérieur de Sciences Religieuses«. In regelmäßigen Abständen trifft er sich mit den jungen Paaren, die er getraut hat – gewachsen ist eine lebendige Gruppe intensiven Austausches über das Leben als Christ in einer von Krieg, Hunger und struktureller Gewalt gekennzeichneten Umwelt. So steht Santedis Theologie sehr direkt auf dem Boden des Alltagslebens in einer afrikanischen Großstadt im Jahre 2004.

Die Geschichte geht weiter und bleibt weder beim Konzil von Chalkedon noch beim Ersten oder auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil stehen. Und die wichtigsten Kapitel der Geschichte des Christentums sowie der Menschheit im 21. Jahrhundert werden in den Ländern der südlichen Hemisphäre geschrieben. Dass er diese Tatsache in die europäischen Kreise verantwortlicher Kirchenführer und in die theologische Beratungsarbeit des Papstes einbringen wird, ist vielleicht nicht der geringste Grund, warum man die Berufung von Léonard Santedi Kinkupu in die Päpstliche Theologenkommission nur begrüßen kann.

Marco Moerschbacher
Missionswissenschaftliches Institut Missio

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN

– Dogme et inculturation en Afrique, in: Revue Africaine de Théologie 18, No. 35 (1994) 65–82.
– Ministère sacerdotal et promotion humaine: Méditation sur la mission du prêtre dans une église présente au devenir de l’homme, in: Vie pastorale No. 51 (1995) 10–23.
– Unité de la foi et pluralisme dans l’expression du dogme: Perspective d’une théologie de l’invention, in: Revue Africaine de Théologie 20, No. 40 (1996) 187–200.
– L’avenir des ministères laïcs: Enjeux ecclésiologiques et perspectives pastorales. Actes du Colloque célébrant le 20ème anniversaire de l’institution des Ministères laïcs à Kinshasa (du 19 au 24 novembre 1995), hrsg. v. Léonard Santedi Kinkupu (Kinshasa 1997).
– L’actualité des ministères laïcs dans l’église: Hommage au cardinal J.A. Malula, in: Telema 25, No. 98–99 (1999) 66– 87.
– La place des sciences humaines, en particulier de l’anthropologie dans la pratique de la théologie africaine, in: Revue Africaine des Sciences de la Mission 6, No. 10–11 (1999) 274–287.
– Dogme et herméneutique: Contribution au débat sur l’irréformabilité des formules dogmatiques, in: Revue Africaine de Théologie 23, No. 45– 46 (1999) 95–115.
– De l’Église comme communion au déploiment symphonique des ministères, in: Diversités et unité des ministères dans l’Église famille de Dieu, hrsg. v. Félix Malolo Massamba (Kinshasa 2000) 33–45.
– Pour une jeunesse croyante, dynamique et devouée au service du pays. La contribution du Cardinal J.A. Malula au problème de l’éducation de la jeunesse, in: L’éducation de la jeunesse dans l’Église-famille en Afrique. Actes de la XXIe Semaine Théologique de Kinshasa du 22 au 28 novembre 1998 (Kinshasa 2001) 359–371.
– L’Eucharistie comme sacrement de communion et de promotion humaine dans la perspective de l’Église-famille, in: L’Eucharistie dans l’Église-famille en Afrique à l’aube du troisième millénaire. Actes de la XXIIe Semaine Théologie de Kinshasa du 29 au 31 mars 2001 (Kinshasa 2001) 45–59.
– Dogme et inculturation en Afrique: Perspective d’une théologie de l’invention (Paris: Karthala 2003).
– Repartir du Christ par l’eucharistie: Réflexion à partir de »Ecclesia de Eucharistia«, in: Telema 29, No. 114 (2003) 6–24. – Les propos des théologies contextuelles, in: Doing Theology and Philosophy in the African context (Frankfurt am Main 2003) 119–124.
– »Hors du monde point de salut«. Réflexion sur le salut chrétien en Afrique à l’heure de la mondialisation, in: Repenser le salut chrétien dans le contexte africain. Actes de la XXIIIe Semaine Théologique de Kinshasa du 10 au 15 mars 2003 (Kinshasa 2004) 161–185.

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