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María Pilar Aquino

Theologin aus Mexiko

KATJA HEIDEMANNS

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Wenn es ein Merkmal gibt, das die Arbeit María Pilar Aquinos charakterisiert, so ist es die Leidenschaft für die Theologie.

Geboren in Ixtlán del Río, einer ländlichen Kleinstadt inMexiko, verbrachte sie ihre Kindheit in der liebevollen Obhut einer großen Familie, für die der Kampf um das Auskommen zum Alltag gehört. Als wirtschaftliche Gründe die Familie zwangen, in die Grenzstadt San Luis zu ziehen, sieht sie sich zum ersten Mal mit der Realität der Grenze konfrontiert, die Mexiko vom reichen Nachbarn USA abtrennt. Schockiert von den krassen Gegensätzen und dem Elend, das mehr und mehr Menschen dazu treibt, ihr Leben bei der Überquerung der Grenze zu riskieren, beginnt sie sich in der Sozialarbeit der Pfarrei zu engagieren. Die Grenze und der scharfe Gegensatz zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden spielen von da an nicht nur eine zentrale Rolle im privaten und beruflichen Leben Aquinos, sie bleiben auch die zentrale Herausforderung ihrer theologischen Arbeit.

Nach einem sehr mühsamen Weg gelingt es ihr schließlich, 1991 ihre theologischen Studien an der Päpstlichen Universität von Salamanca als Doktorin der Theologie abzuschließen. María Pilar Aquino ist nach der Heiligen Teresa von Avila die erste katholische Frau, der dies an dieser Hochschule gelingt. Ihre unter dem Titel »Unser Schrei nach Leben« veröffentlichte Dissertation gehört zu den wichtigsten Beiträgen zu einer feministischen Theologie aus lateinamerikanischer Perspektive. Dabei geht es Aquino weniger um die Erarbeitung eines eigenen feministisch-theologischen Ansatzes als vielmehr darum, die Engführungen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie mit Hilfe einer feministischen Analyse zu überwinden. Für Aquino, die als erste Theologin den Versuch unternimmt, das weite Feld der theologischen Arbeit von Frauen in Lateinamerika zu analysieren und zu systematisieren, steht fest: Das Engagement von Frauen in Lateinamerika, ihre alltäglichen Lebenserfahrungen und ihr Nachdenken über den Glauben bergen einen enormen Reichtum, der es der Befreiungstheologie ermöglicht, ihren Horizont, ihreMethoden und ihre Inhalte zu erweitern. Würde die Befreiungstheologie den konkreten Alltag der Menschen einbeziehen, in dem die ungleichen sozialen Beziehungen zwischen Frauen und Männern hervorgebracht und weitergegeben werden, so erhielte sie ein anderes, realeres Bild derWirklichkeit. Sie wäre beispielsweise gezwungen, Erfahrungen von Gewalt in der Familie, der fehlenden Gesundheitsversorgung, die Verletzung des Rechts auf körperliche Selbstbestimmung und die ungleiche Arbeitsbelastung zum Anliegen ihrer theologischen Reflexion zu machen. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie allerdings tut sich bis heute schwer, auf die von feministischen Theologinnen ausgehenden Herausforderungen zu antworten.

Foto: Rodney Nakamoto / University of San Diego

Es verwundert nicht, dass Aquinos Versuche, sich als Universitätsdozentin in Mexiko zu etablieren, am Widerstand einer männlich dominierten Theologie scheiterten. 1993 wird sie Professorin für Befreiungstheologie und Katholische Soziallehre an der Universität von San Diego. Gleichzeitig lehrt sie feministische Theologie an der Iberoamericana in Mexiko, paradoxerweise eine der Universitäten, die ihre Bewerbung zuvor abgelehnt hatten. In den USAwird ihr theologisches Werk mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt. Im Mai 2000 verleiht die Theologische Fakultät der Universität von Helsinki ihr die Ehrendoktorwürde.

Das stark biographisch geprägte Bemühen um ein neues Verständnis von Theologie und um eine theologische Sprache, welche die Begrenzungen der herrschenden Theologie überwindet, zieht sich wie ein roter Faden durch die zahlreichen Publikationen Aquinos. Ihr Engagement in verschiedenen Netzwerken wie der »Ökumenischen Vereinigung von Dritte Welt Theologinnen und Theologen« (EATWOT) oder der »Akademie der Katholischen Hispanischen Theologinnen und Theologen der USA« (ACHTUS) ist Ausdruck des Selbstverständnisses einer Theologin, die in ihrer Arbeit auf die kollektive Reflexion und den kritischen Dialog mit anderen setzt.

BIOGRAPHISCHE DATEN VON MARíA PILAR AQUINO

– 1956 geboren in Ixtlán del Río
– 1976–1980 Studium der Theologie am Instituto do Estudios Superiores in Mexico-City – 1980–1984 Lizenziatsstudium in Mexiko und Brasilien
– 1991 Promotion in Theologie an der Päpstlichen Universität von Salamanca / Spanien – seit 1993 Professur für Theologie an der University of San Diego
– Direktorin des »Journal of Hispanic / Latino Theology«
– Seit 1995 theologische Beraterin für feministische Theologie der Zeitschrift »Concilium«
– Mitherausgeberin des »Journal of the American Academy of Religion«
– Seit 1998 Direktorin des »Center for the Study of Latino/a Catholicism« an der University of San Diego
– 2000 Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die theologische Fakultät der Universität Helsinki/Finnland

Für Aquino muss jede theologische Arbeit die Offenbarung Gottes dort wahrnehmen, bedenken und feiern, wo sie sich ereignet, d. h. in den alltäglichen Lebenssituationen konkreter Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften findet die mexikanische Theologin heute vor allem in den christlichen hispanischen Gemeinden in den USA – bei Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus spanisch-sprachigen lateinamerikanischen oder karibischen Ländern in die Vereinigten Staaten gekommen sind. Die Gotteserfahrung dieser Menschen in ihrem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umfeld zu thematisieren und die Gemeinden darin zu unterstützen, das Wirken des Geistes in ihrer geschichtlichen Reise zu erkennen, ist für Aquino das Herzstück der sogenannten US-amerikanischen Latinotheologie. Dem hispanischen Volkskatholizismus gilt deshalb ihr besonderes Interesse. Seine Symbole, Rituale und Inhalte formen die Religion der Menschen, die von der Gesellschaft und der Kirche in den USA ausgeschlossen werden.

Die Orientierung auf die Lebenswirklichkeit der hispanischen Gemeinden in den USA hat Aquinos Interesse an der Entwicklung jenseits der Grenze nicht geschmälert. Immer wieder verknüpft sie die »Frauenfrage « mit der Frage nach der katholischen Präsenz auf dem Kontinent. Während die Frauenbewegung für sie die eigentliche Hoffnung für die Kirche und Theologie in Lateinamerika darstellt, spart sie nicht mit Kritik an der Art undWeise, in der die lateinamerikanische Kirche ihre Mission angesichts der Unterdrückung und Marginalisierung von Frauen wahrnimmt.

Die katastrophale Situation der theologischen Ausbildung insbesondere von armen Frauen in Lateinamerika gehört zu den Herzensanliegen Aquinos. Dass sie selbst den Zugang zu theologischem Wissen gegen kirchliche und gesellschaftliche Widerstände mühsam erkämpfen musste, hat ihr die Augen für den Wert einer fundierten theologischen Ausbildung geöffnet. Überzeugt vom Nutzen und der Unentbehrlichkeit der akademischen Theologie, wehrt sie sich entschieden gegen den Versuch, pastorales Handeln und Theologie gegeneinander auszuspielen. Eine interkulturelle und interdisziplinär arbeitende Theologie, welche die christlichen Gemeinschaften auf ihrem Glaubensweg begleitet und deren Erfahrungen als vorrangige Quellen und Orte der theologischen Erkenntnis begreift, kann, davon ist Aquino überzeugt, zum Aufbau einer gerechteren Zivilisation beitragen, in der die menschliche Integrität von Frauen und Männern geachtet wird. Die gesellschaftliche und religiöse Relevanz des Theologietreibens im dritten Jahrtausend hängt für sie allerdings in erheblichem Maße davon ab, ob es der Theologie gelingt, die Interkulturalität, welche die gegenwärtige Welt charakterisiert, als methodologische Achse einzubauen. In diesem Sinne kommt dem Projekt der US-amerikanischen Latinotheologie, das sich von Beginn an als ein interkulturelles Unternehmen konstituiert hat, Modellcharakter für eine Theologie im Angesicht der Grenze zu.

Katja Heidemanns
Referentin des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio e.V. Aachen

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN VON MARíA PILAR AQUINO

– Nuestro Clamor por la Vida. Teología Latinoamericana desde la Perspectiva de la Mujer, San José, Costa Rica, 1992. Die englische Ausgabe lautet: Our cry for Life. Feminist Theology from Latin America, Maryknoll, NY 1993
– Teología Feminista Latinoamericana, Quito Ecuador 1998
– In the Power of Wisdom. A Feminist Spirituality of Struggle; Co-Editor mit Elisabeth Schüssler Fiorenza, Concilium 288, 2000.
– Glaube und Kulturen. Eine Antwort auf M. Azevedo und P. Hünermann, in: Die »Identität« des Glaubens in den Kulturen. Das Inkulturationsparadigma auf dem Prüfstand. Hrsg: Andreas Lienkamp und Christoph Lienkamp, Würzburg 1997, S. 91–103.
– Lateinamerikanische Feministische Theologie, in: Befreiungstheologie: Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft. Band 2: Kritische Auswertung und neue Herausforderungen. Hrsg. von Raúl Fornet-Betancourt, Mainz 1997, S. 291–323.
– Theological Method in U.S: Latino/a Theology: Towards an Intercultural Theology for the Third Millennium, in: From the Heart of Our People: Latino/a Explorations in Catholic Systematic Theology. Eds. Orlando O. Espin and Miguel H. Diaz, Maryknoll, NY 1999, pp. 6–48.
– Internet: Christian Social Justice – Justicia Social Cristiana on the Web, Links to the Social Justice teachings of Roman Catholicism and the World Councel of Churches, Co-ed. with Lance E. Nelson (Department of Theology and Religious Studies: University of San Diego): Link

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