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Felix Wilfred

Theologe aus Indien

GEORG EVERS

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Geboren wurde Felix Wilfred im Jahr 1948 im Süden des indischen Bundesstaates Tamil Nadu. Schon mit 17 Jahren wurde er 1965 vom Bischof seiner Heimatdiözese Kottar nach Rom zum Studium der Philosophie geschickt. Es war das Jahr, in dem die letzte Session des II. Vatikanischen Konzils stattfand, das am 8. Dezember beendet wurde. Die folgenden Jahre studierte der angehende Priester zunächst Philosophie und dann Theologie an der Urbaniana. Die Zeit direkt nach dem II. Vatikanischen Konzils war eine Zeit des Umbruchs und Aufbruchs zu neuen Formen von Kirchesein. Auch auf das Studium der Theologie hatten die neuen Impulse des Konzils großen Einfluss. 1972 wurde Felix Wilfred in Rom zum Priester geweiht. Die folgenden vier Jahre (1972–1976) hat er weiterhin in Rom verbracht, um seine Dissertation in Theologie mit einer Arbeit über die »Apostolizität der Ortskirchen« zu erstellen.

Felix Wilfred
Foto: Georg Evers

Nach seiner Rückkehr nach 11 Jahren in Rom war er für ein knappes Jahr in einer Pfarrei seiner Diözese in Südindien in der Pastoralarbeit tätig. Doch schon bald wurde er im interregionalen Priesterseminar St. Paul der südindischen Diözesen in Tiruchirappalli mit einem Lehrauftrag in dogmatischer Theologie betraut, eine Aufgabe, die er von 1977 bis 1993 ausübte. Der junge Professor überzeugte seine Hörer bald durch die Art und Weise, wie er seinen Stoff vortrug und mit der Offenheit für neue Fragestellungen, die er dabei zeigte. Die Zahl der Beiträge zu theologischen Zeitschriften in Indien zunächst, aber dann auch in internationalen Publikationen, wuchs jedes Jahr mehr und machte den Namen des jungen Theologen über den Kreis des regionalen Priesterseminars schnell bekannt. Dies zeigte sich z. B. daran, dass Felix Wilfred 1983 für eine vierjährige Amtszeit zum Präsidenten der »Indischen Theologischen Vereinigung« [Indian Theological Association] gewählt wurde. Dieser Zusammenschluss von gut 200 indischen Theologen – bis auf den heutigen Tag sind so gut wie keine Theologinnen Mitglied geworden – versucht, auf jährlichen Tagungen brennende Fragen einer inkulturierten indischen Theologie zu behandeln und durch Publikationen für die weitere Diskussion zugänglich zu machen.

Dass die Arbeit des immer noch recht jungen Theologieprofessors auch international anerkannt wurde, zeigte sich, als Felix Wilfred im Jahr 1986 zum Mitglied der Päpstlichen Theologenkommission ernannt wurde. Diesem Gremium unter Leitung von Kardinal Ratzinger gehörten zumindest in der Frühzeit einige der herausragenden Konzilstheologen wie Karl Rahner, Yves Congar und Urs von Balthasar an.

Ein wichtiges Arbeitsfeld bot sich für Felix Wilfred, als er von der indischen Bischofskonferenz zum Mitglied der 1987 gegründeten »Theologischen Beratungskommission « [Theological Advisory Commission] der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) ernannt wurde. Zunächst gehörte er der Kommission als einfaches Mitglied an, später war er für einige Jahre bis 1997 der verantwortliche Sekretär. Dieses letztere Amt bot ihm die Möglichkeit, die Thematik und die theologische Ausrichtung dieses wichtigen Beratungsgremium der asiatischen Bischöfe entscheidend mitzubestimmen. Die Kommission hat während der Zeit seiner Mitglied- und Führerschaft wichtige theologische Beiträge zum »Interreligiösen Dialog«, zur »Theologie der Ortskirche«, zum »Verhältnis von Staat und Kirche in Asien« und zur »Theologie der Harmonie« als Grundausrichtung asiatischer Theologie geliefert. Neben der Vorarbeit des philippinischen Theologen Catalino Arévalo war es vor allem Felix Wilfred und der srilankesische Theologe S.J. Emmanuel, die die theologische Methode und Inhalte bestimmten, die für die Arbeit der Kommission charakteristisch wurden. Entscheidendes Element war der Rückgriff auf die kulturellen und religiösen Traditionen und Religionen, die neben Schrift und Tradition der jüdisch-christlichen Offenbarung für neue Formen einer asiatischen inkulturierten Theologie als Ressourcen genutzt wurden.

Neben diesen Tätigkeiten wurde Felix Wilfred immer wieder zu Tagungen und Konferenzen eingeladen. Auch als Gastprofessor, so in den Universitäten von Münster und Nijmegen, wurde er nach Europa eingeladen. Seit 1998 ist er als Nachfolger von Aloysius Pieris Mitglied der Redaktion der Internationalen theologischen Zeitschrift »Concilium«.

Felix Wilfred hat einen eigenen Zugang zur Problematik der Inkulturation im Kontext der Befreiung in der indischen und asiatischen Theologie entwickelt. Die erste Generation der indischen Theologen, bestimmend war hier D. S. Amalorpavadass (1932–1990) mit seinem biblischen, katechetischen und liturgischen Zentrum in Bangalore, hatte bei der Suche nach einem Anknüpfungspunkt der christlichen Botschaft vorrangig auf die sanskritische Tradition der Brahmanen gesetzt. Felix Wilfred dagegen sieht den Berührungspunkt zwischen Evangelium und indischer Kultur und Tradition eher in den Traditionen und Einsichten der unteren Kasten und Kastenlosen, der sog. Dalit, die in der indischen Kirche die großeMehrheit der Christen darstellen. Aus der indischen Situation der Unterdrückung und Marginalisierung der Massen hat er seinen Begriff einer indischen Befreiungstheologie Antyodaya genannt, wobei die Sanskritwörter antya für die »Letzten« oder »Geringsten« steht und udaya das »Aufstehen« bezeichnet. Antyodaya steht demnach für eine Befreiungstheologie, die das »Aufstehen« der »Letzten und Geringsten« zum Ziel hat.

Nach 16 Jahren Lehrtätigkeit als Professor eines regionalen Priesterseminars wurde Felix Wilfred 1993 als Professor an die der staatlichen Universität von Madras angeschlossenen »Abteilung für Christliche Studien« [Department of Christian Studies] berufen. Mit dieser Berufung als Theologe in eine philosophische Fakultät einer der führenden säkularen Universitäten des Landes eröffnete sich ihm ein neues weites Arbeitsfeld der interdisziplinären Zusammenarbeit mit Professoren anderer Fachrichtungen, die für seine theologische Arbeit sehr befruchtend wurde. Große Bedeutung auch über den Bereich der Universität hinaus erlangten die interdisziplinären Seminare zu aktuellen und grundsätzlichen Problemen der indischen Gesellschaft. Die erstaunliche Arbeits- und Schaffenskraft zeigt sich in den vielen Publikationen, die im Laufe der Zeit von Felix Wilfred veröffentlicht wurden.

Es ist fast unvermeidlich, dass ein Theologe, der so kreativ und offen neue theologische Fragen anpackt, in den Augen von Wächtern der Orthodoxie schon einmal als von der rechten Linie abgewichen zu sein, kritisiert wird. Felix Wilfred hat es immer verstanden, sich in einer Weise theologisch zu artikulieren, die unnötige Schärfen und Verletzungen vermeidet und immer durchblicken lässt, dass bei aller Offenheit für neue Ideen die Loyalität zur kirchlichen Tradition nicht in Frage gestellt ist. Diese Ausgeglichenheit und praktische Klugheit bedeuten, dass Felix Wilfred das »theologische Geschäft« so unspektakulär wie möglich und zugleich aber auch so effektiv, wie nötig, betreibt. In der multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft Indiens versteht Felix Wilfred die Aufgabe eines Theologen der christlichen Minderheit darin, im interreligiösen Dialog christliches Gedankengut über den binnenkirchlichen Bereich hinaus als positive und verändernde Kraft einzubringen. Besonderes Augenmerk richtet er auf die Rezeption christlicher Ideen bei indischen Persönlichkeiten, die wie Mahatma Gandhi oder Ramakrishna als Hindus vom Evangelium und der Person Jesu Christi inspiriert wurden. Die Aufgabe der indischen Minderheitenkirche sollte es sein, in der indischen Gesellschaft eine Balance zu finden in der Dialektik, sich auf der einen Seite der indischen Gesellschaft nicht anzupassen und auf der anderen in Ausübung einer prophetisch-kritischen Position den Bezug zu der lokalen Wirklichkeit des heutigen Indiens nicht zu verlieren. Beim Einsatz für die Armen und die strukturellen Veränderungen wird es darum gehen, deutlich zu machen, dass die Befreiung aus Unterdrückung und Diskriminierung einen Wert in sich selbst darstellt, die nie für andere Zwecke wie z. B. Evangelisierung oder Missionierung missbraucht werden darf.

Georg Evers
Missionswissenschaftler

EINE AUSWAHL VON PUBLIKATIONEN VON FELIX WILFRED

– Credo Apostolicum Ecclesiam: A theological description of apostolicity with special reference of young particular churches. Tiruchirapalli 1986.
– The emergent Church in New India. Tiruchirapalli 1988, S. 305.
– Der Befreiungsprozess in Indien und die Teilnahme der Kirche; in: Verlaß den Tempel: Antyodaya – indischer Weg der Befreiung. Hrsg. von Felix Wilfred. Freiburg 1988, S. 179–208.
– Anthropologische und kulturelle Grundlagen für Kirchlichkeit: Reflexionen aus asiatischer Sicht; in: Was der Geist den Gemeinden sagt: Bausteine einer Ekklesiologie der Ortskirchen. Hrsg. von Ludwig Bertsch. Freiburg 1991, S. 30–41.
– Die Option für die Armen und die Option der Armen; in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, 75 (1991) H. 4, S. 275–273.
– Sunset in the east? Asian challenges and Christian involvement. University of Madras, 1991, S. 358.
– Entwicklung der Katholischen Theologie in Indien; in: Wilfred, Felix; Thomas, M. M.: Indien. München 1992, S. 269–333.
– Beyond settled foundations: The journey of Indian theology. University of Madras – Department of Christian Studies, 1993, S. 288.
– From the dusty soil: Contextual reinterpretation of Christianity. University of Madras – Department of Christian Studies, 1995, S. 356.
– Interkulturelle Begegnung statt Inkulturation: Prolegomena zum Verstehen von Begegnungen zwischen Kultur und christlichem Evangelium im Kontext Indiens / Asiens; in: Jahrbuch Mission. Hamburg 1995, S. 114–133.
– Die Konturen kontextueller Theologien aus der Dritten Welt; in: Jahrbuch für kontextuelle Theologien. Frankfurt 1996, S. 157–173.
– Zum besseren Verständnis der asiatischen Theologie: Einige grundlegenden Probleme; in: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft 55 (1999) H. 2, S. 83–106.
– Asian dreams and Christian hope: At the dawn of the millenium. ISPCK, New Dehli 2000, S. 312.

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