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James Channan OP

Pionier des interreligiösen Dialogs in Pakistan

von GEORG EVERS

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Seit gut 30 Jahren ist der pakistanische Dominikanerpater James Channan im interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen und in der Friedensarbeit tätig.

In Pakistan und im Ausland ist er wegen seiner Erfahrung, seinem Engagement und seines Durchhaltevermögens, den Dialog trotz Enttäuschungen immer wieder zu suchen und sich von negativen Erfahrungen nicht abschrecken zu lassen, viel gefragt und mit verschiedenen Preisen geehrt worden. Seine ganze Lebensarbeit als Dominikaner hat er, bis auf eine kurzfristige Pastoraltätigkeit, dem christlich-islamischen Dialog und der Verständigung zwischen den Religionen in Pakistan gewidmet. Geboren wurde James Channan am 15. Oktober 1952 im Distrikt Okara in Pakistan. 1969 endete seine Schulausbildung mit dem Abitur an der St. Vincent Schule in Mian Channu, einer Distrikthauptstadt in der Provinz Punjab. Die nächsten 4 Jahre verbrachte er in einem Ausbildungs- und Vorbereitungszentrum der Dominikaner in Multan. Während dieser Zeit erwarb er nach Studien am Williyat Hussain Islamia Kolleg in Multan den Bachelorgrad von der Punjab Universität in Lahore. Im September 1973 trat er in Bahawalpur in das Noviziat der Dominikaner ein und legte ein Jahr später die ersten Gelübde ab. Seine philosophische und theologische Ausbildung erhielt James Channan von 1974–1980 im Christkönigsseminar in Karachi. Während dieser Studienzeit hat James Channan 1977 in Lahore ein halbes Jahr ein Praktikum im Haus der Jesuiten in Lahore verbracht, wo ihn der Schweizer Jesuit P. Bütler, ein Pionier des christlich-islamischen Dialogs in Pakisten, in die Dialogarbeit und das Studium des Islam einführte. Während dieses Praktikums hat James Channan am Institut für Arabische Sprache auch mit dem Studium der arabischen Sprache begonnen.

Nach Abschluss seiner Studien wurde er am 9. April 1980 in Faisalabad zum Priester geweiht. Nach seiner Priesterweihe folgte ein kurzer zweijähriger pastoraler Einsatz in einer Pfarrei in Sahiwal. Danach ging James Channan nach Rom, wo er 1985 am Päpstlichen Institut für Arabisch-Islamische Studien (PISAI) ein Lizentiat machte. Jahre später hat er 1996 seine akademische Ausbildung mit dem Erwerb eines Magistergrads in Pastoraler Beratung (Pastoral Counseling) und mit einem Studium der Weltreligionen an der Harvard Universität in Boston sowie mit einem Kurs in Friedensarbeit (Peace Building Course) 2003 an der amerikanischen Universität in Washington abgeschlossen. Gekrönt wurde seine akademische Laufbahn vor kurzem mit der Verleihung eines Ehrendoktors in Theologie, der ihm am 11. Dezember 2012 auf Vorschlag der theologischen Hochschule der pakistanischen Protestanten von der in Norwegen beheimateten International Gospel Mission für seinen Einsatz für den interreligiösen Dialog und die Friedensarbeit verliehen wurde. Die feierliche Überreichung der Doktorwürde fand in Lahore in Gegenwart von über 400 Gästen statt. Dass auch seine Mutter bei dieser Zeremonie anwesend sein konnte, verlieh der Feier ihr besonderes Gepräge. In einem Interview hat James Channan die Rolle seiner Eltern auf seinem Weg zum Ordens- und Priesterberuf herausgestellt, die viele Opfer gebracht hätten, um ihn diesen Weg gehen zu lassen. Als ältester Sohn von sieben Geschwistern wäre ihm eigentlich die in der pakis tanischen Kultur übliche Rolle zugefallen, für den Erhalt der Familie zu arbeiten und die Versorgung seiner Geschwister sicherzustellen. Seine Eltern hätten ihm dagegen versichert, dass sie zurechtkämen, und ihm damit die Freiheit gegeben, ohne Gewissensbisse seiner Berufung zu folgen.

James Channan OP
FOTO: JAMES CHANNAN OP

Als James Channan nach Abschluss seiner Studien im Ausland nach Pakistan zurückkehrte, wurde er 1985 zum Direktor des Dialogzentrums der Dominikaner in Lahore ernannt, das er 10 Jahre leitete und wo er einen Dialogkreis von Christen und Muslimen gründete, der über die Jahre hinweg, trotz der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in Pakistan, weiter bestanden und positive Impulse für die interreligiöse Verständigung zwischen den Religionsgruppen im Land gegeben hat. Innerhalb seiner religiösen Gemeinschaft der Dominikaner hat James Channan dreimal das Amt des Vizeprovinzials der pakistanischen Dominikaner-Vizeprovinz Ibn-e Mariam ausgeübt. Auch in der nationalen Konferenz der Höheren Ordensoberen Pakistans hat er über die Jahre wichtige Leitungsfunktionen innegehabt. Auf der nationalen Ebene wurde James Channan 1985 von der pakistanischen Bischofskonferenz zum Sekretär der bischöflichen Kommission für den christlich-muslimischen Dialog bestimmt, eine Funktion, die er bis zum Jahre 2002 ausübte. Auch international wurde die Dialog- und Friedensarbeit von James Channan anerkannt. Von 1985 –1995 war er Mitglied des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog und danach von 1999–2004 Konsultor der Vatikanischen Kommission für die interreligiösen Beziehungen mit den Muslimen. 2005 wurde er Gründungsmitglied und danach regionaler Koordinator des pakistanischen Koordinationskreises der interreligiösen Dialoginitiative »United Religious Initiative« (URI), die 2000 in San Francisco gegründet wurde.

Seit 30 Jahren hat James Channan in vielen Kontinenten und Ländern an zahlreichen internationalen Konferenzen zum interreligiösen Dialog teilgenommen und eigene Beiträge beigesteuert. Als Direktor des national und international bekannten Pastoralinstituts in Multan, das er von 2001–2007 leitete, hat James Channan zahlreiche Seminare zum interreligiösen Dialog mit der Beteiligung von Muslimen, Hindus, Sikhs und Bahai organisiert und eine Reihe von Friedensinitiativen angestoßen. Besonders beachtet wurde der 1500 Meilen lange Friedensmarsch, der vom 24. Dezember 1999 bis zum 4. Januar 2000 von Karachi zum Khyber- Pass führte. Eine andere Friedensinitiative war das Pflanzen von »Friedenspfählen« (Peace Poles), die er in mehreren Städten in Pakistan in den letzten Jahren durchführen ließ. Diese »Friedenspfähle« sind eine Initiative der Gemeinschaft des Gebets für den Weltfrieden (World Peace Prayer Society), die solche Aktionen in mehr als 180 Ländern durchgeführt hat. Aus dieser vielfältigen Dialog- und Friedensarbeit erwuchs auch seine publizistische Tätigkeit mit Buch- und Zeitschriftenbeiträgen und vielen Interviews, die in mehreren Sprachen und Ländern veröffentlicht wurden. Gegenwärtig ist James Channan Leiter des Friedenszentrums der Dominikaner in Lahore, das im November 2010 von Kardinal Jean Louis Tauran, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog eröffnet wurde.

Im Rückblick auf seine Jugendzeit betonte James Channan in einem Interview, dass er in seinem Heimatort gute Erfahrungen des Zusammenlebens von Christen und Muslimen gemacht habe, aus denen dauernde Freundschaften entstanden seien. Bis heute sei er mit Muslimen aus verschiedenen Berufszweigen, Richtern, Lehrern, Ärzten, Sozialarbeitern und in der Friedensarbeit Engagierten eng befreundet. So wären bei der Feier seiner Primiz in seiner Heimatstadt die Hälfte der Teilnehmer Muslime gewesen. Als das schönste Erlebnis im Dialog mit den Muslimen bezeichnet James Channan, dass er 2004 vom Großiman der Badshahi Moschee, der größten Moschee in Lahore, in der 100 000 Menschen gleichzeitig beten können, eingeladen wurde, als Vertreter der Christen an einer interreligiösen Feier teilzunehmen. Es war das erste Mal in der 350-jährigen Geschichte der Moschee, dass ein Christ in dieser zentralen Moschee vor Muslimen predigen und beten konnte. Es sind diese positiven Erlebnisse gegenseitiger Achtung, Freundschaft und Respekts, die James Channan die Kraft geben, die Rückschläge im Dialog wegzustecken und in der Dialog- und Friedensarbeit weiterzumachen. Der Beitrag von James Channan zur Verständigung unter den Religionen und sein Einsatz für den inneren Frieden im Land wurden auch auf nationaler Ebene anerkannt, als ihm der pakistanische Friedenspreis für das Jahr 2012 verliehen wurde.

Von Außenstehenden ist James Channan oft gefragt worden, warum er trotz vieler Rückschläge und Enttäuschungen und trotz der zunehmenden Diskriminierung der religiösen Minderheiten in Pakistan weiterhin für Dialog und Verständigung eintritt. Seine Antwort mag auf den ersten Blick »zu einfach« erscheinen, wenn er feststellt, dass es zum Dialog keine Alternative gibt, wenn man ein friedliches Miteinander von Muslimen, Christen und Angehörigen anderer Religionen will. Für die christliche Minderheit in Pakistan, die gerade mal 2 Prozent ausmacht, stellt der Dialog eine Notwendigkeit dar, wenn Christen in diesem zu 96 Prozent muslimischen Land überleben wollen. Seit der Staaten gründung Pakistans haben sich die Christen als Bürger verstanden, die mit den Muslimen zusammen das Land voranbringen wollen. Immer wieder haben christliche Organisationen, allen voran die Caritas, bei Naturkatastrophen wie den großen Überschwemmungen 2011 allen Betroffenen ohne Rücksicht auf ihre Religionszugehörigkeit Hilfe geleistet. Mit Muslimen zusammen haben Christen die Verunglimpfung des Ansehens des Propheten Muhammad durch Karikaturen, Filme in westlichen Medien und die Koranverbrennung in den USA verurteilt und ihre Solidarität mit ihnen gezeigt. Im Dialog wollen die Christen auf der Basis von gegenseitigem Respekt und Gleichberechtigung die Zusammenarbeit und das Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen fördern. Nur auf dem Weg des Dialogs wird es möglich sein, die bestehenden Missverständnisse und Spannungen abzubauen. Auch wenn James Channan sich selbst als Optimist bezeichnet, ist er doch Realist, der die Schwierigkeiten und Widerstände gegen Verständigung und Dialog richtig einschätzen kann. In den letzten Jahren haben die radikalen Muslimgruppen, vor allem die Taliban, zu einer zunehmenden Islamisierung der pakistanischen Gesellschaft und wachsender Diskriminierung der anderen Religionsgemeinschaften beigetragen. Diese Islamisierung der pakistanischen Gesellschaft auf allen Ebenen begann unter der Diktatur des Generals Zia-ul-Haq (1977–1988), der für die Einführung der Anti-Blasphemiegesetze und der damit verbundenen Rechtsunsicherheit verantwortlich ist, die bis heute das gesellschaftliche Leben in Pakistan stark belasten. In seinem Kampf gegen religiöse Intoleranz und Feindschaft zwischen den Religionsgemeinschaften in Pakistan hat James Channan auf die Mängel in den Schulbüchern des Landes hingewiesen, in denen systematisch Intoleranz gelehrt werde, eine Form der Indoktrination, die für die vielen religiös motivierten Gewalttaten im Lande verantwortlich ist. Diese negative Indoktrination geschieht vor allem in dem für alle Schülerinnen und Schüler von der Grundschule bis zur Universität verbindlich vorgeschriebenen Fach »Islam-Studien«, in dem neben der Einführung in die Grundlehren des Islam, der als die beste und einzig wahre Religion dargestellt wird, zugleich die anderen Religionen als minderwertig und falsch beschrieben werden.

Wie stark der Widerstand der radikalen islamistischen Gruppen in Pakistan ist, musste im März 2011 Shabbaz Bhatti, der katholische Minister für die Minderheiten erfahren, der wegen seiner Bemühungen, die Blasphemiegesetze abzuschaffen beziehungsweise zu ändern, von einem radikalen Muslim ermordet wurde. Es war nicht nur diese Tat, sondern der Beifall, den der Mörder aus Kreisen radikaler Muslime erfuhr, die deutlich machten, wie stark die Kräfte in Pakistan sind, die eine radikale Islamisierung vorantreiben. In einem Interview kurz nach der Ermordung von Bhatti hat James Channan die allgemeine Gefährdung der Sicherheit in Pakistan klar beschrieben, wenn er feststellt: »Kein Mensch in Pakistan ist sicher. Wenn jemand, ganz gleich ob er Christ oder Muslim ist, auf den Markt geht, kann er nicht sicher sein, zurückzukommen. Alle, die sich für Menschenrechte einsetzen, sind in unserem Land gefährdet. Auch ich fühle mich nicht sicher. Aber ich fürchte mich nicht, mein Werk, Harmonie zu fördern, Versöhnung zu schaffen und die Botschaft von gegenseitigem Respekt und Toleranz zu verkünden, weiterzuführen. Das ist meine Mission. Das ist, wozu ich mich inspiriert fühle und das ist, was Jesus Christus mich mit seinem Beispiel gelehrt hat. Er hat gelitten, er starb, aber er stand wieder von den Toten auf. Damit ist er für mich das große Vorbild und meine Inspiration. « Bei der Feier des internationalen Friedenstages der Vereinten Nationen im September 2012 in Lahore drückte James Channan in seiner Ansprache seine Entschlossenheit, für interreligiöse Verständigung und Frieden sich weiter zu engagieren unmissverständlich aus: »Wir werden uns nicht irre machen lassen, weiterhin für Frieden, Toleranz und religiöse Harmonie zu kämpfen, ganz gleich wie widrig die Umstände auch sein mögen.«.

GEORG EVERS
Missionswissenschaftler

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