Theologie und Entwicklung

»Theologie und Globale Entwicklung«

Die Bedeutung des Studiengangs für Studierende und kirchliche Hilfswerke

von Katja Nikles

Viele neuartige Masterstudiengänge sind in den vergangenen Jahren sowohl an staatlichen Universitäten als auch an privaten Hochschulen in Deutschland entstanden. Besonders interdisziplinäre Studiengänge sind beliebt. Von manchen wegen fehlender Spezialisierung kritisiert, werden sie von anderen als zukunftsorientiert gelobt, sind doch in einer komplexer werdenden Welt verstärkt interdisziplinäre Kompetenzen und ein vernetztes Denken gefordert.

Autorin

Katja Nikles
Referentin für Menschenrechte und Religionsfreiheit bei missio in Aachen

Eine besondere Perspektive

»Theologie und Globale Entwicklung« ist einer dieser interdisziplinären Studiengänge. Studierende kommen für den Masterstudiengang aus ganz Deutschland nach Aachen. Vorher haben sie grundständige Studien in verschiedenen Fachbereichen absolviert – von BWL, Nordamerikanistik, Europastudien und Sozialwissenschaften über soziale Arbeit und Theologie bis hin zu weiteren Geisteswissenschaften. Voraussetzung für den Master sind grundlegende Studienanteile in den verschiedenen theologischen Fachbereichen, die auch noch nach der Einschreibung in den Studiengang absolviert werden können. Der Master »Theologie und Globale Entwicklung« ist nicht der einzige interdisziplinäre Studiengang, der sich unter Berücksichtigung verschiedener Geistes und Sozialwissenschaften mit entwicklungspolitischen Fragestellungen auseinandersetzt – und bietet den Studierenden doch eine besondere Perspektive. Es ist kein Zufall, dass das Institut für Katholische Theologie der RWTH in Aachen den Masterstudiengang initiiert und entwickelt hat. Der Standort Aachen zeichnet sich dadurch aus, dass dort seit vielen Jahren die kirchlichen Hilfswerke Misereor, missio und das Kindermissionswerk »Die Sternsinger« ansässig sind. Professor Ulrich Lüke hatte schon vor einigen Jahren die Idee eines weltkirchlich und entwicklungspolitisch ausgerichteten theologischen Studiengangs. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Katholische Theologie und der kirchlichen Hilfswerke wurde so ein Curriculum entwickelt, Dozentinnen und Dozenten ausgewählt und Lehrveranstaltungen strukturiert. Die Anbindung an die verschiedenen theologischen Disziplinen und die praktische Arbeit der Hilfswerke geben dem Studiengang seine besondere Prägung. Es steht die Erkenntnis im Vordergrund, dass Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungspolitik auch auf das Verständnis unterschiedlicher Kulturen und Religionen aufbauen, dass die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren eine wichtige Rolle spielt und die Kirche darüber hinaus in Entwicklungsprozessen eine besondere Bedeutung einnehmen kann. So fordert das Studium die Studierenden dazu heraus, christliche und nichtchristliche Religionen, ihre Strukturen und Institutionen kennenzulernen und die gemeinsamen gesellschaftlichen und ethischen Herausforderungen der Religionen und der Kirchen in den Blick zu nehmen. In einer globalisierten Welt zeigen die Studieninhalte die gesellschaftsrelevante Dimension der Theologie auf und regen zur Beantwortung der Frage an, wie Angehörige unterschiedlicher Kulturen und Religionen für eine solidarische und gerechte Entwicklung in der Einen Welt sorgen und welche Rolle dabei kirchliche Akteure spielen können. Nicht zuletzt im Kontext weltweiter Migration spielen interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen eine entscheidende Rolle dabei, gegen Angstdiskurse und Radikalisierung vorzugehen und das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen zu fördern. Auch die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren verstärkt den Fokus auf den Faktor Religion und auf die Rolle religiöser Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit gelenkt. So hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Sektorvorhaben »Werte, Religion und Entwicklung« beauftragt, Potentiale von Religion zu analysieren und in Entwicklungsprozesse einfließen zu lassen. Das entspricht der dem Studiengang zugrunde liegenden Überzeugung, dass den verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bei der Entwicklung einer religiös sensiblen und toleranten Zivilgesellschaft eine große Bedeutung zukommt, und es gilt, das Friedenspotential der Religionen zu fördern und ihre positive Kraft innerhalb der Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen.

Praxisanbindung durch die Hilfswerke

Der Masterstudiengang »Theologie und Globale Entwicklung« zeichnet sich dadurch aus, dass er die interdisziplinäre Perspektive mit der Praxisdimension verknüpft. Hier spielen die kirchlichen Hilfswerke eine entscheidende Rolle. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Misereor und missio bringen ihre fachliche Expertise in die verschiedenen Module ein. Studierende können davon in hohem Maße profitieren, da sich ihnen der Praxisbezug der Studieninhalte so unmittelbar erschließt. Themen der Entwicklungszusammenarbeit werden von Lehrenden aufbereitet, die sich in ihrem Berufsalltag mit entsprechenden Fragestellungen und Inhalten auseinandersetzen. Studierende erhalten auf diese Weise nicht zuletzt Einblick in für sie relevante Berufsfelder, können Kontakte knüpfen und sich vernetzen. Ein in den Studiengang integriertes Praxissemester mit Einführungs- und Nachbereitungsseminar kann für Praxiserfahrungen im In- und Ausland genutzt werden, so auch – je nach Verfügbarkeit der Plätze – für ein Praktikum in einem der kirchlichen Hilfswerke in Aachen. Hier können die Studierenden die lebendigen nationalen und internationalen Netzwerke der Hilfswerke kennenlernen und praktisch erfahren, worauf der kirchliche Beitrag in der Entwicklungszusammenarbeit abzielt und wie die im Studiengang erlernten Themen zur Anwendung kommen. Sie erhalten Einblicke in weltkirchliche und entwicklungsrelevante Themen sowie Projektzusammenhänge. In der Projektbearbeitung geht es um die Abläufe von der Antragstellung bis zur Bewilligung oder Ablehnung eines Finanzierungsantrags. Weil das Bewusstsein wächst, dass Finanzierung nur ein Aspekt internationaler, partnerschaftlicher Zusammenarbeit ist, rücken weitere Aspekte stärker in den Blick. Bei einem Praktikum in der Bildungsarbeit wird das Konzept »Globales Lernen« praktisch erfahrbar: wie Menschen Bewusstsein über weltweite Zusammenhänge entwickeln und trotz aller Widerstände handlungsfähig bleiben können. Wer die theologische Perspektive des Studiums in der Praxis vertiefen möchte, kann bei missio unterschiedliche Themenschwerpunkte kennenlernen. Den Studierenden bietet sich beispielsweise die Möglichkeit, sich aus politischer, juristischer und theologischer Sicht mit dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit auseinanderzusetzen und seine weltweite Relevanz – auch für die Partnerinnen und Partner missios in den verschiedenen Ländern Afrikas, Asiens und Ozeaniens – kennenzulernen. Die Beschäftigung mit dem Thema Religionsfreiheit ist eng mit der Frage verbunden, welches Potential verschiedene Religionen und Weltanschauungen bieten, um für dieses Menschenrecht einzustehen und es authentisch zu verteidigen, auch im interreligiösen und interkulturellen Dialog. Auch Misereor bietet den Studierenden vielfältige Einblicke. Beispielhaft kann hier das Engagement des Hilfswerks in Berlin und Brüssel zum Schutz der Menschenrechte, zur Klimapolitik, zu Bodenschätzen und zur Stadtentwicklung hervorgehoben werden. Die Praktikantinnen und Praktikanten können konkrete Abläufe von Politik und Wirtschaft kennenlernen und dabei die Perspektive von armgemachten und ausgeschlossenen Menschen einnehmen. Für theologisch Interessierte ist es besonders herausfordernd, in den jeweiligen Arbeitsfeldern ethisch-theologische Aspekte und den je eigenen Beitrag von Religionen und Weltanschauungen zu entdecken. Das Kindermissionswerk »Die Sternsinger« wirkt als Kinderhilfswerk und Fachstelle für kinderbezogene entwicklungspolitische Themen in die deutsche Öffentlichkeit hinein und setzt sich für die Durchsetzung von Kinderrechten ein. Durch eigene Initiativen, die Vernetzung in Interessenvereinigungen und Verbänden im In- und Ausland sowie die Erarbeitung von Publikationen und pädagogischen Materialien ergibt sich im Rahmen eines Praktikums ein reichhaltiger Erfahrungsort und die Möglichkeit, Einblick in anwaltschaftliches Engagement, globale Projektzusammenarbeit und die Umsetzung in Publikationen für Kinder und Erwachsene zu gewinnen.

Für ein Engagement in Kirche und Gesellschaft

Der Kontakt mit den Studierenden und die eigene Dozententätigkeit im Rahmen des Studiengangs bieten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der kirchlichen Hilfswerke die Chance, ihre praxisbezogenen wissenschaftlichen Reflexionen in den akademischen Fachdiskurs einzubinden. Sie können Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen motivieren, sich intensiv mit für die Arbeit der Hilfswerke relevanten Themen auseinanderzusetzen und sich im Bereich der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren. Dabei bereichern die verschiedenen fachlichen Hintergründe der Studierenden zugleich den Diskurs und erlauben unterschiedliche Sichtweisen auf für die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit wichtige Themen. Den Absolventinnen und Absolventen des Masters »Theologie und globale Entwicklung« eröffnen sich durch den Studiengang verschiedene berufliche Perspektiven bei staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit im In- und Ausland, bei Bildungsträgern, in der Wissenschaft und in den Medien. Die im vierten Fachsemester eigenständig durchzuführende Forschungsarbeit über eine theoretische oder praktische Herausforderung der Entwicklungszusammenarbeit qualifiziert die Studierenden zusätzlich und erlaubt eine individuelle Schwerpunktsetzung. Durch die Anbindung des Masterstudiengangs an die verschiedenen theologischen Disziplinen, durch die Beschäftigung mit der spezifischen Bedeutung kirchlicher und religiöser Akteure allgemein in Entwicklungsprozessen lernen sie entwicklungspolitische Themen aus einer Perspektive kennen, die besonders sensibel für unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen ist. Sie erfahren, wie innerhalb der Kirche ein wichtiger Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit und zu gesellschaftsrelevanten Themen geleistet werden kann und welche Berufsperspektiven sich in der Pastoral sowie in kirchlichen Hilfs- und Bildungswerken bieten. Das Studium ermöglicht es, Kirche neu und anders kennenzulernen, die weltkirchliche Dimension zu erfassen, ihre Akteure zu erleben und religionsübergreifende und -verbindende Initiativen kennenzulernen. So ist der vom Institut für Katholische Theologie der RWTH in Aachen zusammen mit den kirchlichen Hilfswerken missio und Misereor entwickelte Studiengang »Theologie und Globale Entwicklung « nicht ein interdisziplinärer Studiengang unter vielen, sondern einer, der es Studierenden erlaubt, in entwicklungspolitischen Fragestellungen auch die eigene Glaubensperspektive neu zu entdecken.

Foto: Würzberger/MISEREOR
Sie haben sich auf etwas Neues eingelassen: Die Studentinnen und Studenten des ersten Masterstudiengangs »Theologie und Globale Entwicklung«. Hier bei einer Veranstaltung mit dem Titel »Zwischen Hasspredigt und Friedenstaube«.
Foto: KNA
Benediktinerinnen demonstrieren in Manila für Frieden. Im Studiengang geht es auch darum, das Friedenspotential der Religionen und ihre Bedeutung für die Zivilgesellschaft kennenzulernen.