Ordensfrauen und Missbrauch

Liebe Leserinnen!
Liebe Leser!

»Die Kirche ist eine Mutter – und seine Mutter schlägt man nicht«. Dieses Zitat stammt aus dem deutschen Film »Verfehlung«, welcher den wiederholten sexuellen Missbrauch eines Jungen durch einen Kleriker thematisiert. Als dessen Taten durch einen Mitbruder aufgedeckt werden, wird Letzterer durch den Ortsbischof mit obiger Erklärung zum Stillschweigen ermahnt. Doch genau diese Praxis des Stillschweigens ist es, so zeigt die ehemalige Ordensschwester Majella Lenzen in ihrem Beitrag auf, die den Missbrauch ermöglicht.

Längst hat sich gezeigt, dass auch Ordensfrauen zu den Opfern sexualisierter Gewalt zählen. Dabei beschränkt sich Missbrauch nicht nur auf die physische Form, sondern umfasst auch den emotionalen, geistigen und spirituellen Missbrauch. Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre machte Lenzen darauf aufmerksam, dass Priester die Unerfahrenheit und Abhängigkeit der Ordensschwestern ausnutzen. Auch die philippinische Ordensfrau Mary John Mananzan berichtet, dass afrikanische und asiatische Schwestern von Priestern zu sexuellen Diensten aufgefordert werden. Die Begründung: Letzterer wolle sich nicht durch den Kontakt mit nicht zölibatär lebenden Frauen mit Aids infizieren. Nontando Hadebe stellt in ihrem Beitrag die Arbeit und Handlungsstrategien des Circle of Concerned African Women Theologians vor. Sie hinterfragt dabei theologische Muster, die das Patriarchat in der Kirche festschreiben. Lorraine Pholotho ergänzt diese Perspektive durch ihren Text über die jüngsten geschlechterspezifischen Gewaltakte in Südafrika. Im deutschsprachigen Kontext wurde das Thema der sexualisierten Gewalt erst durch die ehemalige Ordensschwester Doris Reisinger angestoßen, die mit ihren persönlichen Missbrauchserfahrungen durch einen Kleriker an die Öffentlichkeit trat. Reisinger plädiert für die Selbstbestimmung von Ordensfrauen und -männern in spirituellen Fragen. Spiritueller Missbrauch kann ihrer Ansicht nach in Einzelfällen noch schwerwiegendere Folgen haben als sexualisierte Gewalt.

Trotz der thematischen Schwere dieses Heftes wünsche ich Ihnen ein gesegnetes neues Jahr 2020 und freue mich auf den gemeinsamen Austausch mit Ihnen!

Ihre

Marita Wagner

 

Heft 1/2020: Ordensfrauen und Missbrauch

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Beiträge aus Heft1/2020

Länderbericht:Thailand

von Manfred Hutter

Ethnische und sprachliche Diversität kennzeichnen das Königreich Thailand. Obwohl offiziell die Religionsfreiheit durch den Staat anerkannt wird, gilt der Begriff »Thai« mit seinem Fokus auf den Thai-Buddhismus als identitätsstiftendes Merkmal. Dies... weiterlesen »

Spiritueller Missbrauch

von Doris Reisinger

In Orden und geistlichen Gemeinschaften kommt es oft zu unterschiedlichen Formen spirituellen Missbrauchs. Wie er geschieht, was er für Ordensleute bedeutet und was dagegen getan werden kann: Diesen Fragen stellt sich die Kirche erst in jüngerer... weiterlesen »

Warum ich nicht schweigen kann

von Majella Lenzen

Mit 15 Jahren wurde aus Majella Lenzen Schwester Lauda, mit 60 Jahren musste sie unter ihrem Mädchennamen ein neues Leben beginnen. Ihr Orden setzte sie vor die Tür, bis heute hat sie Zutrittsverbot. Ihr »Vergehen«: Sie billigte das Verteilen von... weiterlesen »

Kirche und die Gewalt gegen Frauen

von Nontando Hadebe

»Das Blut (deiner Schwester) erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden!« Dieses leicht abgeänderte Zitat entstammt der Passage aus Genesis 4,9–10. Darin wird die Szene beschrieben, in der Gott Rechenschaft von Kain für die Ermordung seines... weiterlesen »

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