Interreligiöser Dialog

Lasst die Frauen ran!

 

Schwester Agatha Chikelue stärkt den interreligiösen Dialog – Interview

Marita Anna Wagner

Schwester Agatha Chikelue ist Co-Vorsitzende des Women of Faith Network (WoFN). Das ist ein Netzwerk nigerianischer Frauen mit unterschiedlichem kulturellem und religiösem Hintergrund, die sich gemeinsam für Frieden und Dialog einsetzen. Es entstand als Reaktion auf den Missbrauch der Religion in den aktuellen Konflikten des Landes, in denen Frauen oft die ersten Opfer sind. Das WoFN nutzt die Religion dagegen als Fundament für seine Friedensarbeit.

Zur Person

Agatha Chikelue

ist Nigerianerin und gehört dem Orden »Töchter Mariens, Mutter der Barmherzigkeit« (Congregation of Daughters of Mary Mother of Mercy) an. Sie ist Co-Vorsitzende des Women of Faith Network (WoFN). Sie ist außerdem die Geschäftsführerin der Cardinal Onaiyekan Foundation for Peace (COFP) in Abuja

 

Aus welcher Motivation heraus ist das Women of Faith Network entstanden?

Wir müssen aufhören, zu Hause zu sitzen und allen möglichen Leuten die Schuld zu geben. Frauen haben das Potenzial, einen Beitrag für den Frieden zu leisten. Wenn wir die Opfer sind, müssen wir sehen, was wir gegen die Gewalt tun können. Frieden fängt im eigenen Haus an.

 

Was genau ist das Women of Faith Network?

Die Women of Faith sind eine Gruppe von Frauen mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund. Das Netzwerk ist einzigartig. Es bringt sowohl Christen verschiedener Konfessionen als auch Muslime unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammen. Das WoFN schafft es, die Frauen mit all ihren Unterschieden im Hinblick auf religiösen Hintergrund und Kulturen in Nigeria an einen Tisch zu bringen. Dort nutzen wir dann die Religion als Fundament für unsere Friedensarbeit im Gegensatz zu den Leuten, die die Religion benutzen, um Menschen zu instrumentalisieren. Wir setzen unsere Vielfalt als Stärke ein und haben spezielle Friedensprogramme für Männer, Frauen und Kinder. Ohne Dialog haben wir keine Chance, zu überleben. Ich sage unseren Frauen immer wieder: »Entweder leben wir hier in Frieden oder wir gehen vor die Hunde.« Wir vermitteln Frauen, wie Dialog funktioniert, weil viele nicht wissen, wie man einen Dialog führt. In Stipendienprogrammen bringen wir gute Männer und Frauen zusammen und schulen sie im Dialog. Jedes Jahr bilden wir etwa 30 bis 35 Ordensleute für den interreligiösen Dialog aus. Wir engagieren uns auch in anderen Bereichen, etwa gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Viele Frauen sind für ihren Unterhalt auf Männer angewiesen. Manche missbrauchen das und verlangen Sex, bevor sie die Frauen unterstützen. Wir bilden Frauen aus, damit sie eine berufliche Zukunft haben. Und wir vermitteln ihnen, wie sie kostenlos an medizinische Hilfe kommen.

 

Wie kommen die Frauen zu Ihrem Netzwerk?

Das ist unterschiedlich. Manche sind bereit, alles zu tun, um den Frieden in der Gesellschaft zu stärken. Zum Teil läuft es auch über muslimische und christliche Organisationen, die wir kennen.

 

Wie werden die Schulungsprogramme finanziert?

Das Programm wird von einigen Freunden finanziert. Kardinal John Onaiyekan steckt viel Mühe und Geld in die Arbeit. Darüber hinaus bekommen wir auch Hilfe von einigen staatlichen Büros, vor allem von den Botschaften. Und manchmal erhalten wir von unserem Hauptsitz in New York, Religions for Peace, Geld für kleine Projekte.

 

Welche Widerstände begegnen Ihnen am häufigsten?

Es gibt viel Widerstand. Während der Gründungsphase des WoFN habe ich versucht, auf verschiedene Glaubensorganisationen zuzugehen. Ich wandte mich an Muslime, ging in verschiedene Moscheen und Kirchen, nicht nur katholische. Wir haben versucht, weibliche Führungskräfte dazu zu bringen, sich der Gruppe anzuschließen. Es fiel den Christinnen schwerer, dieses interreligiöse Programm und damit uns zu akzeptieren. Die Muslime waren da offener. Ich kann die Gründe nachvollziehen, aus denen es manchen Christen widerstrebt. Denn als wir das WoFN gründeten, hatte die Gewalt von Boko Haram in Nigeria ihren Höhepunkt erreicht. Es war die Zeit, in der Kirchen zerstört und Menschen vor Kirchen ermordet wurden. Viele Christen waren der Meinung, dass dahinter ein Plan der Muslime stecke, um sie zum Islam zu bekehren oder sie zu ermorden. Das Misstrauen war groß, auf beiden Seiten. Aber als wir anfingen, gemeinsame Aktivitäten zu organisieren, änderte sich die Einstellung der Menschen und allmählich fassten sie Vertrauen zueinander. Problematisch ist die Dominanz der Männer, Frauen sind eigentlich nirgends zu finden. Einige der hochrangigen Vertreter hier in Nigeria erwiesen sich da als Herausforderung. Manche von ihnen, darunter auch meinen Kardinal, konfrontierte ich mit der Frage: »Warum sind oft keine Frauen dabei, wenn Sie sich mit den Muslimen treffen, mit dem Sultan?« Er entgegnete: »Sie sind doch eine Frau. Bringen sie halt alle Frauen zu den Treffen mit. Bringen Sie sie dazu, sich für Frieden einzusetzen. Auf meine Unterstützung können Sie zählen.« Und dann habe ich mit dem hochrangigen Vertreter der Muslime gesprochen: »Ich möchte ein Netzwerk christlicher und muslimischer Frauen für die gemeinsame Friedensarbeit gründen.« Und er antwortete: »Meine Unterstützung haben Sie.« Natürlich wird diese Unterstützung irgendwann aufhören. Und dann müssen wir uns selbst tragen.

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FOTO: HARTMUT SCHWARZBACH
Schwester Agatha Chikelue setzt sich mit dem Women of Faith Network für Friedensbildung in Nigeria ein. Religion als Fundament für Frieden, nicht für Hass, ist ihr Motto.