Frieden und Zusammenhalt

Der »Corona-Spiegel«

 

Nähe auf Distanz ist nötig: in Deutschland und weltweit

von Bischof Dr. Georg Bätzing

In einem Grußwort wendet sich Dr. Georg Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz an die Leserinnen und Leser von Forum Weltkirche. Die Corona-Pandemie zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit auf globaler Ebene ist, um Herausforderungen gemeinsam in Solidarität zu bestreiten. Die Kirche als Global Player hat die Möglichkeit, gerade in der jetzigen Zeit die Tragfähigkeit internationaler Beziehungen aufzuzeigen und den Einsatz für das gesellschaftliche Gemeinwohl zu stärken.

Autor

Bischof Dr. Georg Bätzing

ist seit September 2016 Bischof von Limburg. Im März 2020 wurde er außerdem zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Er studierte Theologie und Philosophie in Trier und Freiburg im Breisgau, wurde im Jahr 1996 im Fach Dogmatik an der Universität Trier promoviert und war anschließend der Subregens im dortigen Priesterseminar.

 

Die weltweite Corona-Pandemie kann schon jetzt als eine der größten Herausforderungen der Menschheit seit der Nachkriegszeit eingeordnet werden. Das ganze Ausmaß der Auswirkungen dieser Krise auf Gesundheits-, Bildungs- und Wirtschaftssysteme, vor allem in den fragilen Ländern, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren noch deutlicher zeigen. In einzelnen Ländern Europas und der Welt konnten bisher durch gezielte Maßnahmen die verheerenden Folgen eingedämmt und die Bevölkerung unterstützt werden. Länder, die nicht über ein stabiles, allen zugängliches Gesundheitssystem verfügen, sind dazu weit weniger in der Lage. Hygiene-Regeln lassen sich nicht umsetzen, wenn große Gruppen von Menschen auf engstem Raum leben. Wer von der Hand in den Mund leben muss, kann seine Arbeit trotz Infektionsgefahr nicht ruhen lassen. Und zugleich droht eine außer Kontrolle geratende Gesundheitskrise in den Ländern des globalen Südens die ökonomische und soziale Lage der Ärmsten weiter zu verschlimmern, und zwar auf Generationen hinweg. Viele, so sagen Experten, werden nicht an Corona, sondern wegen Corona sterben.

Solidarität ist ein Schlüssel für die Beherrschung der Pandemie und ihrer Folgen. Das gilt auf allen Ebenen: im zwischenmenschlichen Bereich, lokal, national, in einem Staatenbund wie der Europäischen Union und global. Eine Pandemie hat nicht nur globale Auswirkungen, sondern fordert uns ebenso auf globaler Ebene. Aber wie steht es um die Solidaritätsbereitschaft? Mir scheint, dass die Corona-Pandemie geradezu schonungslos Stärken und Schwächen unseres politischen, gesellschaftlichen und auch kirchlichen Zusammenlebens widerspiegelt und offenlegt. Es lohnt daher, mit Hilfe eines „Corona-Spiegels“ die deutsche, internationale und die kirchliche Ebene in den Blick zu nehmen.

Was die deutsche Situation betrifft, so hat der Umgang mit der Pandemie gezeigt, dass wir in einem stabilen und politisch handlungsfähigen Gemeinwesen leben. Die Interessen der älteren und besonders verletzlichen Mitbürgerinnen und Mitbürgern fanden in den staatlichen Maßnahmen ihren Niederschlag. Um die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen, wurden bestimmte Freiheitsrechte vorübergehend eingeschränkt. Große Teile der Bevölkerung haben sich durch ihre Bereitschaft, die Einschränkungen mitzutragen, verantwortungsvoll und solidarisch verhalten. Dabei hatten und haben viele Menschen zugleich mit gravierenden finanziellen Einbußen oder Verlust der Erwerbsarbeit zu kämpfen sowie mit existentiellen Sorgen. Familien sind besonders herausgefordert, ebenso Kranke und Ältere, deren Besuche eingeschränkt waren. Vieles ging nur mit Distanz. Die Pandemie hat aber auch gezeigt, mit welch kreativen Ideen unsere Mitmenschen die Situation der Isolation erträglicher zu machen wissen. Das Engagement und der Einsatz derjenigen, die in der Gesundheitsbranche und im Einzelhandel arbeiten, verdienen großen Respekt. Es ist zu wünschen, dass diese Berufsgruppen nun auch in der Arbeits- und Wirtschaftspolitik die Anerkennung erlangen, die ihnen zusteht.

Mit der sukzessiven Öffnung und Belebung der Städte sind inzwischen auch Proteste gewachsen. Es entstanden seltsame Koalitionen von völlig berechtigten Anliegen mit solchen von Esoterikern und Verschwörungstheoretikern, von rechten und linken Demonstranten. Die teils kruden Thesen und Forderungen zeugen von einem bisweilen irrational anmutenden Misstrauen gegenüber politischen Entscheidungen oder fachmedizinischen Erkenntnissen. Unter dem Deckmantel der freien Selbstbestimmung fordern Menschen die Rücknahme aller Beschränkungen. So sehr Kritik und Demonstrationen zur Natur einer jeden Demokratie gehören, so zeigen nicht wenige eine wutgetriebene Wirklichkeitstrübung und stellen ihre Selbstbestimmung radikal über das Wohl anderer. Hier offenbart sich ein eklatanter Mangel an Solidarität – vor allem mit den besonders gefährdeten Risikogruppen. Misstrauen ist gerade keine Basis konstruktiver Kritik, denn diese ist geprägt vom gegenseitigen Verstehen-Wollen und von einem gemeinsamen Sich-auf-den-Weg-machen. In den Populismus-Debatten der zurückliegenden Jahre ist bereits deutlich geworden, dass dieser dialogische Charakter, der für offene und zugleich starke Gesellschaften grundlegend ist, zu erodieren droht. Die Corona-Krise bestätigt den Befund. Diesen Trend umzukehren, bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Wie stellt sich die internationale Zusammenarbeit dar? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird gegenwärtig dafür kritisiert, nicht angemessen auf den Virusausbruch in China reagiert zu haben. Den US-amerikanischen Präsidenten hat dies zu drastischen Schritten veranlasst. Die Zahlungen der USA an die WHO wurden gestoppt und die Zusammenarbeit aufgekündigt. Unabhängig davon, ob die Kritik berechtigt sein mag: Inmitten einer globalen Gesundheitskrise verschärfen die USA ihre unilaterale Politik. Die institutionelle internationale Kooperation wird eingeschränkt oder ganz beendet. Dies kann auf allen möglichen Feldern (Sicherheit, Handel, Umwelt) zu schwerwiegenden Folgen führen; beim Umgang mit einer Pandemie könnte der Schaden besonders dramatisch ausfallen.

Aber auch andere Länder stellen tatsächliche oder vermeintliche Eigeninteressen in den Vordergrund. China und Russland scheinen keinen offenen Umgang mit ihren Infektions- und Todesraten zu pflegen. Der brasilianische Präsident weigert sich, die Gefährlichkeit des Virus anzuerkennen und droht sein Land in eine epidemiologische Katastrophe zu führen, deren Opfer vor allem die armen Bevölkerungsgruppen sein werden. Weitere Beispiele dieser Art ließen sich anfügen. Sie alle zeigen, dass Trends, die wir gegenwärtig in der Weltpolitik wahrnehmen, durch die Pandemie noch verstärkt werden. Verschiedene Akteure haben eine weitreichende Erosion internationaler Institutionen auf ihrer Agenda, verfolgen vor allem machtpolitische Eigeninteressen und stellen den Multilateralismus in Frage. Ein wenigstens teilweise überwunden geglaubter Politikstil erlebt sein unheilvolles Comeback. Weite Teile der heutigen Politik scheinen von grundlegendem Misstrauen geprägt zu sein und lassen internationale Solidarität und Verantwortung für das Weltgemeinwohl schmerzlich vermissen.

Diese Tendenzen der internationalen Politik laufen der Tradition der kirchlichen Sozial- und Friedenslehre eindeutig zuwider. Internationale Zusammenarbeit in starken Institutionen dient dem Gemeinwohl in der Regel am besten und trägt dazu bei, gerade die Armen zu schützen und zu stärken. Für diese auf geschichtlicher Erfahrung beruhende Einsicht müssen wir als Kirche weiterhin und verstärkt in den politischen Diskussionen – international und im eigenen Land – werben. Der Corona-Spiegel zeigt die Dringlichkeit einer Politik, die an tragfähigen weltweiten Beziehungen arbeitet.

Wenden wir diesen Spiegel schließlich auch auf die katholische Kirche an. Gerade die Aussetzung öffentlicher Gottesdienste hat unser religiöses Leben in vielen Ländern der Welt empfindlich getroffen. Die pandemiebedingten Einschränkungen haben gezeigt, wie wichtig die Communio und die Eucharistie für viele Menschen sind. Das liturgische Fasten, so unerwünscht es war, hat manchen neu die Augen geöffnet für die Schätze, aus denen wir leben dürfen. Es sind zahlreiche Gebetsinitiativen entstanden, Christinnen und Christen feierten Hausgottesdienste oder schlossen sich über digitale Technik für Gottesdienste zusammen.

Gleichwohl hatten die Diskussionen in der Kirche manchmal eine bedenkliche Schlagseite. Einige, unter ihnen auch Priester und Bischöfe, haben die Gesundheitskrise heruntergespielt und die Einschränkungen des gottesdienstlichen Lebens als kirchenfeindlich bewertet. Dem kann ich mich keineswegs anschließen. Wenn wir mit Unglück und widrigen Umständen konfrontiert sind, so dürfen wir uns als Glaubende vielmehr von Gott darin bestärkt wissen, in diesen Situationen das Notwendige, Richtige und Menschenfreundliche zu tun. In Zeiten der Pandemie besteht dies darin, das Gebets- und Gottesdienstleben so zu gestalten, dass möglichst niemand gefährdet wird. Und ebenso ist uns aufgetragen, die menschlichen Brücken, gerade zu den Schwachen und Alten, zu verstärken. Zeiten der Not sind Zeiten des Gebets und der Nächstenliebe.

Gesundheit ist nicht alles. Wer wüsste das besser als religiöse Menschen, die im Horizont des Ewigen leben. Aber das karitative Engagement der Kirche und auch ihre weltweite Mission haben durch die Geschichte hindurch immer einen Schwerpunkt auf das gesundheitliche Wohlergehen der Menschen gelegt. Noch heute ist es so, dass die Kirchen in vielen Ländern der wichtigste Träger von Gesundheitseinrichtungen für die Armen sind. Dieser Dienst am Menschen ist immer zugleich ein Dienst an Gott, für den wir dankbar sein dürfen. Krankenstationen und Hospitäler sind an vielen Orten des Elends auch Zeugnisse der internationalen Solidarität, die in der Kirche lebendig ist. Die Orden und unsere Hilfswerke leisten hier großartige Arbeit, deren Bedeutung gerade in Zeiten einer Gesundheitskrise offenkundig wird.

Auch daran wird sichtbar: Die katholische Kirche ist Weltkirche. Damit ist die Gemeinschaft immer größer als der eigene Kirchturm, die eigene Pfarrei, das eigene Bistum, die Kirche im eigenen Land. Gerade über Angehörige im Ausland, über die muttersprachlichen Gemeinden, die Partnerdiözesen, die Orden und Priester aus der Weltkirche eröffnen sich uns persönliche Schicksale und länderspezifische Erfahrungen mit der Corona-Pandemie und rufen uns dazu auf, füreinander da zu sein.

Alles in allem zeigt uns der Corona-Spiegel ein Paradox: Während die Eindämmung der Erkrankung und die Unterbrechung der Infektionsketten offenkundig am besten über den Weg der Isolation zu erreichen sind, offenbart der globale Charakter der Pandemie, dass gerade jetzt international solidarisches Handeln von Nöten ist. Also, Nähe trotz Distanz. Dazu bedarf es gegenseitigen Vertrauens und des Willens zur Zusammenarbeit. Als Christinnen und Christen sind wir gerufen, mit Gottes frohmachender und stärkender Botschaft für die Menschen da zu sein – ein Klima des Misstrauens und der Abschottung verträgt sich damit nicht.

 

FOTO: ERNST ZERCHE
Der Comboni-Missionar Bruder Günther Nährich besucht zusammen mit Hebamme Mary Akello eine junge Patientin im Krankenhaus von Matany, Uganda. Jährlich werden hier 63.000 Menschen ambulant und etwa 10.000 stationär versorgt. Die Corona-Krise stellt das Personal vor großeHerausforderungen.