Frieden und Zusammenhalt

Länderbericht: Kasachstan - Zwischen Unterdrückung und Entfaltung

 

Kasachstan: Wechselvolle Religionsgeschichte

von Thomas Helm

Nach der Islamisierung Kasachstans im 15. und 16. Jahrhundert gab es immer wieder lange Phasen der Unterdrückung der Religion. Vor allem in der Sowjetzeit propagierte die kommunistische Regierung den Atheismus. Heute stellen die Muslime mit 63 Prozent die Mehrheit, gefolgt von den orthodoxen Christen (33 Prozent). Unterschiedliche kulturelle Elemente haben sich in Kasachstan mit den Religionen vermischt, der Islam ist dort stärker entpolitisiert als in anderen Weltgegenden. Heute werden der Austausch unter den Religionsvertretern und die friedliche Koexistenz zwischen den Gläubigen gefördert. Restriktive Gesetze, die vor Extremismus schützen sollen, schaden jedoch allen Religionsgemeinschaften im Land.

Autor

Thomas Helm

Staatsexamen in Sozialwissenschaften (Schwerpunkt: Wirtschaftswissenschaften) und Geschichte. Er leitet das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kasachstan seit August 2015. Zuvor war er unter anderem im Leadership Board der internationalen Agentur Ketchum und in der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag tätig.

 

Die Bevölkerungsgruppen auf dem Gebiet des heutigen Zentralasien lebten lange Zeit in nomadischen Stammesgesellschaften, welche an die Verbindung des Menschen mit allen anderen lebenden Formen in der Umwelt glaubten. Zentraler Bestandteil der Religion des Schamanismus ist die Vorstellung, dass der spirituelle Schamane magische Kräfte besitzt und somit als Geistlicher auftritt. Einen ersten Einschnitt in diese Lebensweise gab es ab dem 8. Jahrhundert. Die Gebiete Zentralasiens, welche Bestandteil der Seidenstraße waren, kamen durch den florierenden Handel in Kontakt mit dem Islam. Da die Nomaden jedoch sehr zurückhaltend in Bezug auf die neue Religion waren, kann man nur von einer langsamen und schrittweisen Islamisierung der Bevölkerung sprechen.

Im 13. und 14. Jahrhundert wurde das Steppenland auf dem heutigen Gebiet Kasachstans politisch interessant. So gab es zunächst Eroberungsbestrebungen von Dschingis Khan und später von den Horden Timurs. Aber auch für Iwan den Großen (1440–1505) war das Land von zentraler Bedeutung. Der Plan des Moskauer Großfürsten war es, die Herrschaft der Mongolen über das Gebiet der russisch-orthodoxen Kirche zu beenden.

Die größte Islamisierungswelle fand im 15. und 16. Jahrhundert statt, wodurch eine in erster Linie sufistische Strömung des Islam in das Land kam. Jedoch ließen sich die kasachischen Nomaden erst spät auf die neuen religiösen Lehren ein, übernahmen diese nur partiell und fügten sie in ihre eigenen Lebensweisen ein. Um das Jahr 1720 verfolgte Zar Peter der Große die Vision eines orthodoxen russischen Großreichs. Die massive Expansion seiner Außengrenzen war nur in Form von autonomen regionalen Verwaltungen realisierbar. Um eine Einheit im Reich zu schaffen, benötigte es eine homogene Staatsreligion. Dieses Bestreben führte zu weitreichenden Zerstörungen von Moscheen. Eine weitere Folge war die Reformierung des Rechtssystems. Dieses sollte fortan den Anweisungen des Zaren untergeordnet sein, anstatt der islamischen Scharia zu folgen.

 

Folgenschwerer Paradigmenwechsel

Im Vergleich zur bisherigen Entwicklung fand ein folgenschwerer Paradigmenwechsel unter Zarin Katharina II. (1729–1796), genannt „der Großen“, statt. Religiöse Akzeptanz wurde das neue Dogma der offiziellen Politik. Dadurch besserten sich die Beziehungen mit der muslimischen Gemeinschaft, was zur Loyalität gegenüber der Zarin führte. Durch die Einführung der Muslimischen Orenburger Ver-sammlung im Jahre 1788 fand eine Institutionalisierung des Glaubens statt. Diese übernahm die Funktion einer religiösen Administration. Die Zarin beauftragte zudem tatarische Missionare mit dem Ziel, eine Sesshaftigkeit der Bevölkerung zu erreichen und so die Nomaden zu urbanisieren. Diese Entwicklung fand im 19. Jahrhundert durch den Bruch mit der Politik Katharinas II. ein Ende. Der Islam wurde nun nicht mehr als progressive Strömung, sondern als – so das damalige Narrativ – fanatischer Glaube dargestellt, vor dessen Einfluss sich die kasachische Bevölkerung schützen müsste. Im Zeitgeist der UdSSR fand dann eine grundlegende Unterdrückung religiösen Gedankenguts und eine starke Unterstützung und Propagierung des Atheismus durch die kommunistische Regierung statt. Zwischen den Jahren 1917 und 1939 wurden 140.000 muslimische Kleriker verhaftet, verbannt oder sogar umgebracht. Zwar war die Religiosität der Menschen für das kommunistische Regime ein Problem, transzendente Überzeugungen hatten jedoch weiterhin Bestand und religiöse Alltagsrituale wurden immer noch praktiziert. Um die Kontrolle zu bewahren, versuchte das Regime, religiöse Strömungen mit den sowjetischen Normen kompatibel zu machen. Das bedeutete, dass Religion sich so anpassen sollte, dass sie in Loyalität zum Staat existieren konnte. Jedoch muss klar herausgestellt werden, dass aufgrund der massiven Unterdrückung der religiösen Gemeinden keine Möglichkeit bestand, legal die Grundzüge einer Religion zu erlernen. Dennoch kam es vereinzelt zu nichtregistriertem Religionsunterricht.

Seit dem Ende der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Republik Kasachstan 1991 ist ein Aufblühen von religiösen Gemeinschaften zu verzeichnen. Neue Moscheen und andere Sakralbauten sind entstanden, alte Gebäude wurden renoviert. Der Glaube wird heute wieder vermehrt von jungen Kasachen als ein Teil ihres Lebens geschätzt und praktiziert.

Auch die Geburtenrate Kasachstans ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, besonders im Bereich der ethnischen Kasachen. Aktuell beträgt die Einwohnerzahl des Landes etwa 18,2 Millionen Einwohner. Davon sind die meisten Kasachen (63,1 %), gefolgt von Russen (23,7 %), Usbeken (2,9 %), Ukrainern (2,1 %), Uiguren (1,4 %), Tataren (1,3 %), Deutschen (1,1 %) und anderen (4,4 %).

 

Religionsgemeinschaften im Land

Das heutige Kasachstan ist durch das Zusammenleben mehrerer Religionen geprägt. Prozentual betrachtet machen die Anhänger des Islam hierbei mit 63 Prozent (eigentlich wollen wir Prozent im Fließtext immer ausschreiben; oben würde ich es als Zeichen stehen lassen, da die Zahlen in Klammern stehen, aber entscheide Du) klar die Mehrheit aus. 33 Prozent der Bevölkerung sind orthodoxe Christen, zwei Prozent katholische und ein Prozent evangelische Christen. Bei diesen Angaben handelt es sich um staatliche Angaben zu registrierten Mitgliedern der Religionsgemeinschaften.

Der Islam ist zwar die weitverbreitetste Religion, aber Kasachstan ist dennoch kein islamisches Land, das beispielsweise mit Staaten in Nordafrika oder dem Nahen Osten vergleichbar wäre. Die Inklusion von Gewohnheiten, welche teilweise im Widerspruch zur klassischen Lehre stehen, ist nicht nur in Kasachstan, sondern in ganz Zentralasien weit verbreitet. Die Ursache dafür ist historisch begründet. Die entscheidende Periode der Islamisierung lässt sich auf das 15. und 16. Jahrhundert datieren. Die Naqshbandi- und Jassawi-Bruderschaft missionierte große Teile der Bevölkerung. Neben immer wiederkehrenden Phasen der Unterdrückung durch das Russische, später das Sowjetische Reich, war es die Zeit unter Katharina II., in der sich der Islam entfalten konnte. Jedoch trafen die islamischen Lehren in all diesen Jahrhunderten auf verschiedene kulturelle Elemente und vermischten sich mit ihnen. Dazu zählen die turko-mongolische Ideologie, sakrale Rechte der Dschingisiden, Schamanismus oder auch der Glaube an die himmlische Herkunft der mongolischen Herrscher. Diese Einflüsse prägen die Religion in Zentralasien nachhaltig, wodurch im Vergleich zu Ländern des Nahen und Mittleren Ostens Unterschiede im islamischen Glaubensleben bestehen. So gibt es nur ganz wenige Muslime in Kasachstan, die der Scharia Vorrang vor staatlichen Rechtssetzungen einräumen würden. Insgesamt ist der islamische Glaube in Kasachstan weit stärker entpolitisiert als in den Ländern des Nahen Ostens.

Ein Großteil der Christen in Kasachstan bekennt sich zum russisch-orthodoxen Glauben. Dies lässt sich historisch in erster Linie durch die russische Expansion erklären. Der großflächige Wiederaufbau von Kirchen und Kathedralen ab 1990 spielt hierbei natürlich auch eine entscheidende Rolle. Von den insgesamt 295 Kirchen befinden sich die meisten in den Regionen Almaty, Akmola, Kostanai sowie im Norden und Osten des Landes. Nahezu alle diese Gotteshäuser haben integrierte Schulen, welche Schülerinnen und Schülern die fundamentalen Elemente der orthodoxen Lehre beibringen.

Primär wird das christliche Bild in Kasachstan von der russisch-orthodoxen Kirche geprägt, doch es gibt auch zahlreiche katholische Gemeinden. Aktuell leben ca. 182.600 Angehörige der katholischen Kirche im Land. Durch die schweren Restriktionen in der UdSSR musste die katholische Kirche jedoch fast komplett neu aufgebaut werden. Beispielsweise fehlte es an ausgebildeten Ordensleuten und Priestern. Auf der einen Seite konnte dies dadurch ausgeglichen werden, dass Geistliche aus Deutschland, Polen, der Slowakei, Italien und Frankreich nach Kasachstan kamen. Auf der anderen Seite emigrierten jedoch viele ethnische Deutsche in den 1990er-Jahren in die Heimat ihrer Vorfahren – polnische und belo-russische Bürger folgten alsbald. Dieser Mitgliederschwund machte der katholischen Kirche stark zu schaffen. Zu den Höhepunkten in der neueren Geschichte der katholischen Kirche in Kasachstan zählt der Besuch von Papst Johannes Paul II. im September 2001. Zu diesem Ereignis versammelten sich zahlreiche Gläubige aus Kasachstan, aber auch aus den angrenzenden Gebieten.

Mehr als 95 Prozent der Gläubigen in Kasachstan können sich entweder mit dem Islam oder dem Christentum identifizieren, jedoch gibt es auch noch kleinere religiöse Gemeinden, die hier kurz beleuchtet werden sollen. So leben noch rund 45.000 bis 50.000 Juden in Kasachstan – vornehmlich in Großstädten wie Astana, Almaty oder Schymkent, jedoch auch auf dem Land.

Ähnlich wie das Judentum hat auch der Buddhismus sehr wenige Anhänger. Zwar gab es bereits im 1. Jahrhundert den ersten Kontakt, und vom 16. bis 18. Jahrhundert wurden aktiv Klöster im Osten und Süden des Landes betrieben, aber die Religion konnte sich nicht wirklich in der Gesellschaft verankern. Heute wird der Buddhismus von einigen wenigen, vor allem aus Korea und Tibet stammenden Bürgern praktiziert.

Für die Betrachtung der Religionen in Kasachstan ist auch das Erbe der Sowjetunion von großer Bedeutung. Die postsowjetische Phase sorgte für neue Freiheiten, die unterschiedliche Auswirkungen hatten. Zum einen war bei vielen Religionsgemeinschaften ein Mitgliederschwund zu verzeichnen, da Gläubige in ihre Heimatländer auswanderten. Zum anderen bot sich auch die Möglichkeit einer Rückbesinnung auf das eigene religiöse Erbe und es kam zu einem Mitgliederzuwachs. Dem offenen Praktizieren religiöser Traditionen und dem Aufbau von Gebetshäusern, Tempeln und Kirchen standen und stehen staatliche Initiativen zur Kontrolle und Einschränkung der Religionen entgegen. Das Gesetz für religiöse Aktivitäten von Oktober 2011 sollte zwar in erster Linie der Beobachtung des islamischen Extremismus dienen, führte aber letztlich zur Verringerung der registrierten Glaubensgemeinschaften von 46 auf 17.

 

Verletzung der Religionsfreiheit

Die Religionsfreiheit ist tief in der kasachischen Verfassung verankert. Jedoch muss klar herausgestellt werden, dass es dennoch zu politisch motivierten Eingriffen in die Aktivitäten und Freiheiten der Religionsgemeinschaften kommt.

Im Jahr 2011 kam es in Teilen des Landes vermehrt zu islamistischen Terroranschlägen. Bewaffnete Übergriffe, Selbstmordattentate und Schießereien in Almaty, Schymkent, Aktöbe und der Hauptstadt Astana erschütterten die Bevölkerung. Aufgrund der Angst vor einer unkontrollierten Radikalisierung von Individuen erließ Präsident Nasarbajew im Oktober 2011 das Gesetz „Über religiöse Aktivitäten und Organisationen“. Dies stieß sofort auf Widerstand. Die Gruppe Soldaten des Kalifats (Jund al-Khilafah) forderte eine Änderung, die die Einschränkungen der Glaubensausübung sowie das Gebetsverbot am Arbeitsplatz rückgängig machen sollte – andernfalls müsse die Regierung mit weiteren Anschlägen rechnen. So übernahmen die Soldaten des Kalifats Verantwortung für die Morde im November 2011 in Taras.

Eine der entschiedensten Einschränkungen durch das neue Religionsgesetz ist die Pflicht zur erneuten Registrierung von religiösen Gruppen. Bereits kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes meldeten 78 Gruppierungen, dass sie große Probleme bekommen würden und die Auflagen als unfair erachteten. Dennoch hat die kasachische Regierung alle bisher registrierten religiösen Gruppen landesweit erneut geprüft. Nach den neuen Maßstäben sollen lokale Vereinigungen mindestens 50 Mitglieder haben, regionale 500 und nationale mindestens 5.000. Dadurch haben kleinere Gemeinden und Sekten nur sehr geringe Chancen, diesen Prozess zu überstehen und eine erneute Zulassung zu erhalten.

 

Religiöse Radikalisierung

Die einzelnen Religionsgemeinschaften leben in Kasachstan im Großen und Ganzen friedlich zusammen. Es ist aber ein zunehmend radikalisierender Einfluss von außerhalb der Staatsgrenzen zu verzeichnen. Das Religionsgesetz vom Oktober 2011 hatte das Ziel, Sicherheit und Stabilität für das Land zu gewährleisten. Die Ursache für diese Maßnahme stellten die Anschläge im Jahr 2011 dar. Die Angst der Regierung ist hierbei nicht unbegründet. Jedoch bemängeln Menschenrechtsorganisationen, dass dieses Gesetz für eine einfachere Strafverfolgung von missliebigen Bürgern oder zum Aufspüren von Personen in sozialen Netzwerken genutzt werden kann. Da die primäre Rekrutierung (von Mitgliedern? Gläubigen?Terroristen? – wer ist gemeint?) über das Internet erfolgt, ist auch dieses von den Beschränkungen der Regierung betroffen.

Auf extremistische Initiativen folgen staatliche Reaktionen, was wiederum Gegenreaktionen hervorruft. Einschränkungen und Sanktionen werden von Terrororganisationen als Argument genutzt, um neue Mitglieder anzuwerben, welche eben genau diese Art der Repression zu spüren bekommen. So bedingen sich beide Akteure, der Staat und die Extremisten, auf negative Art und Weise. Dies ist nicht im Interesse der kasachischen Regierung, und so stellt sich die Frage nach dem richtigen Umgang mit entsprechenden Personengruppen.

 

Dialogpotential

Kasachstan versucht seit Jahren, den friedlichen Dialog zwischen den Weltreligionen zu etablieren. Maßgeblich ist dafür der ehemalige Präsident Nursultan Nasarbajew verantwortlich. Auf seine Initiative wurde 2003 die erste Konferenz der Weltreligionen eröffnet. Ziel ist es, den Austausch zwischen Religionsvertretern und eine friedliche Koexistenz zwischen den Gläubigen zu fördern. Der Kongress findet alle drei Jahre statt. Es nehmen jeweils hochrangige Vertreter des Islam, des Christentums, des Judentums, des Buddhismus, des Hinduismus, aber auch des Taoismus, Shintoismus und Zoroastrismus teil.

Neben dieser staatlichen Form des Dialoges gibt es auch Initiativen der einzelnen Religionsgemeinschaften. Die spirituelle Verwaltung der Muslime in Kasachstan (SAMK) repräsentiert den Islam im Land. Auch die durch sie vertretenen Muslime sind Teil der Konferenz der Weltreligionen und organisieren regelmäßig eigene öffentliche Veranstaltungen. Interreligiöse Seminare sollen das gegenseitige Verständnis fördern. Auch die orthodoxe Kirche nimmt vermehrt an interreligiösen Dialoginitiativen teil. Über die Jahre wurde die orthodoxe Kirche zudem ein zuverlässiger Partner des Staates und sorgt in dieser Rolle für Stabilität und Frieden. So unterstützt sie beispielsweise die Durchführung des traditionellen Neujahrsfests Nauryz.

Natürlich leistet auch die katholische Kirche einen Beitrag zum Dialog. Im Rahmen von Konferenzen und Runden Tischen sprechen sich katholische Religionsvertreter dafür aus, durch Treffen mit Andersgläubigen Frieden und Harmonie zwischen den Religionen herzustellen. Wie ein hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche in Kasachstan, der nicht genannt werden möchte, berichtet, hat sich die katholische Kirche auch aktiv für eine Gesetzesänderung eingesetzt. So durften Jugendliche unter 16 Jahren ohne die Einwilligung beider Elternteile keine religiöse Zeremonie und keinen Gottesdienst besuchen. Jedoch wurde nicht genau definiert, was im Falle von alleinerziehenden Müttern oder Vätern geschehen sollte. Nach vielen Debatten wurde ein Kompromiss erzielt, der vorsieht, dass eine Bescheinigung von einem Elternteil, einem nahen Verwandten oder einem Vormund ausreicht.

 

Fazit

Die Grundproblematik der Religionsfreiheit in Kasachstan lässt sich sehr gut mit einem Zitat des ehemaligen Präsidenten Nursultan Nasarbajew beschreiben. Im September 2011 sagte er vor dem Parlament: „Wir sprechen hier nicht von einer Einschränkung der Religionsfreiheit. Unser Ziel ist der Schutz unserer Nation vor Extremismus, genauso wie es alle anderen Staaten auch machen, vor allem jene, die den Islam als ihre Staatsreligion anerkannt haben.“ Die Angst der Regierung vor extremistischen und islamistischen Strömungen ist immens groß. Diese Angst ist auch begründet, aber die Maßnahmen gegen diese Gefahr sind teilweise unverhältnismäßig.

Das Ziel der Regierung, die Gesellschaft mittels Legislative vor Anschlägen zu schützen, greift zu kurz und schränkt zudem die Religionsfreiheit ein. Vor allem kleinere religiöse Gemeinden haben große Probleme mit den gesetzlichen Vorschriften, müssen strengere Richtlinien einhalten oder werden im schlimmsten Fall nicht erneut registriert. Aber auch Anhänger der drei thematisierten großen Religionen bzw. Konfessionen – Islam, orthodoxe Kirche und katholische Kirche – können ihren Glauben nicht frei praktizieren. Die Implementierung und Erweiterung der Gesetze haben dazu geführt, dass Gläubige immer größere Kompromisse eingehen und auf Dinge verzichten müssen, die Bestandteil ihres religiösen Lebens sind. Der Islam steht dabei besonders im Fokus. Seine Anhänger müssen spezifische Regeln einhalten und bei einem Verstoß mit hohen Strafen rechnen. Es lastet eine Art „Generalverdacht“ auf vielen muslimischen Gemeinden, anfällig für Extremismus zu sein. Entscheidet sich die Regierung für weitere Einschränkungen sowie Kontrolle und sucht nicht den Dialog, könnte dies zu weiterem Unmut führen – nicht nur unter den Muslimen.

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FOTO: ADOBE STOCK
Der Ak-Orda-Präsidentenpalast in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan am Ufer des Flusses Ischim. Er ist direkt am östlichen Ende des Water-Green-Boulevards gelegen, an dem sich auch der Bajterek-Turm, das Wahrzeichen der Stadt, befindet.
FOTO: ADOBE STOCK
Die russisch-orthodoxe Christi-Himmelfahrt-Kathedrale ist ein Wahrzeichen der Großstadt Almaty. Sie wurde 1907 eingeweiht, steht unter Denkmalschutz und wurde zwischenzeitlich als Museumgenutzt. Im Jahr 1995 wurde sie aber wieder offiziell an die Eparchie Almaty und Semipalatinsk übergeben.

Kasachstan auf einen Blick:

Fläche: 2.724.900 Quadratkilometer (größter Binnenstaat der Erde)

Einwohner: 18,6 Millionen; die Bevölkerungsdichte ist mit sieben Einwohnern pro Quadratkilometer eine der niedrigsten der Welt

Hauptstadt: Nur-Sultan

Staatsform: Republik

Religionen: 63 % Muslime, 33 % orthodoxe Christen, 2 % Katholiken, 1 % Protestanten, wenige Juden und Buddhisten

Wirtschaft: Erdöl- und Erdgasförderung, Ölprodukte, Steinkohle, Zinn, Uran, Eisen, Phosphor; Hütten- und Chemieindustrie

Amtssprachen: Russisch, Kasachisch

Quellen: The World Factbook, Auswärtiges Amt, Wikipedia

 

Johannes Weitzel | 2020
Karte Kasachstan

Info und Literaturempfehlung

 

INFO:

Der neue Länderbericht Religionsfreiheit zu Kasachstan ist kürzlich erschienen. Sie können den Länderbericht über Katja Nikles, Referentin für Menschenrechte und Religionsfreiheit bei missio Aachen, anfordern:

 

LITERATUR:

Thomas Helm, Religionsfreiheit: Kasachstan, Hrsg. Internationales Katholisches Missionswerk missio e.V. (Länderbericht Religionsfreiheit 47), Aachen 2020.

 

Anmerkung:

1 Bis 2019 hieß die Hauptstadt Astana. Inzwischen wurde sie in Nur-Sultan umbenannt.