Rassismus bekämpfen

Unbewusster und bewusster Rassismus

Meine Erfahrungen als tschadischer Ordensmann in Deutschland

von Rodrigue Naortangar

Bewusster und unbewusster Rassismus gehören noch immer zum Alltag in Deutschland. Doch was sich seit Jahrhunderten durch Sozialisation und Erziehung in die Köpfe der Menschen gebrannt hat, muss nicht für immer ihre Vorstellungen und ihr Verhalten prägen. Es ist ein langer Weg, aber am Ende könnte ein neues Miteinander stehen, in dem niemand aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe ausgegrenzt wird.

Autor

Rodrigue Naortangar

kommt gebürtig aus dem Tschad. Im Jahr 1999 trat er der Gesellschaft Jesu (Jesuiten) bei. Er studierte Philosophie in der Demokratischen Republik Kongo und Theologie in der Côte d’Ivoire. Die Promotion in Katholischer Theologie erfolgte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Parallel dazu studierte er Ethnologie an der Goethe Universität. Seit 2015 arbeitet er als Dozent am Institut de Théologie de la Compagnie de Jésus in Abidjan, Côte d’Ivoire, und ist Leiter des dortigen Verlags.

 

Struktureller Rassismus sollte in einem Rechtsstaat undenkbar sein, besonders dann, wenn Menschenrechte einen elementaren Bestandteil des Grundgesetzes dieses Staates ausmachen. Gleiches gilt auch mit Blick auf die katholische Kirche, die sich als Expertin in Sachen Menschlichkeit und Fürsorge versteht. Der Fall des in den USA von einem weißen Polizisten ermordeten Schwarzen Afroamerikaners George Floyd zeigt, dass selbst in Rechtsstaaten struktureller Rassismus nicht nur theoretisch vorstellbar, sondern auch de facto Realität ist. Da die katholische Kirche Teil der Gesellschaft ist, muss man davon ausgehen, dass ein solcher Rassismus auch vor kirchlichen Strukturen nicht Halt macht. Sich allein auf die vorhandenen Antidiskriminierungsgesetze zu berufen, reicht nicht aus, um eine Gesellschaft von strukturellem Rassismus loszusprechen. Vielmehr muss ihm tagtäglich Einhalt in zwischenmenschlichen Beziehungen geboten werden, und zwar im Hinblick auf Gedanken, Worte, Taten und Haltungen, die entweder zu einem passiven Wegschauen oder sogar zu einem aktiv rassistischen Handeln führen können. Auf welch vielfache Weise sich Rassismus in unserer Gesellschaft äußern kann, möchte ich anhand persönlicher Erfahrungen als afrikanischer Ordensmann in Deutschland ausführen.

 

Rassismus im Alltag

Deutschland präsentiert sich gegenüber dem Ausland gern als »Land der Dichter und Denker«. Es gilt auch als Heimat zuverlässiger und disziplinierter Menschen sowie als Produzent und Lieferant qualitativ hochwertiger Waren. Das sonst hohe Ansehen Deutschlands wird zugleich aber oft auch von negativen Vorurteilen überschattet: Vor dem Hintergrund der menschenverachtenden Ideologie der Nazis und aufgrund der Erfahrungen des Holocausts sowie des Anstiegs des Rechtsextremismus in den vergangenen Jahren wird Deutschland als ein sozial-gesellschaftlicher Raum angesehen, innerhalb dessen Rassismus gedeiht. Mit diesem Vorurteil wurde ich immer wieder in meinem tschadischen, aber auch kongolesischen, kamerunischen und ivorischen Arbeitsumfeld konfrontiert, besonders dann, wenn ich davon sprach, dass ich mein Theologiestudium in Deutschland fortsetzen werde. Da ich bereits einige Jahre meiner Kindheit dort verbracht und während dieser Zeit Rassismus kaum wahrgenommen hatte, hielt ich dieses Negativbild für überzogen und realitätsfern.

Während meines Aufenthalts in Deutschland durfte ich die deutsche Wirklichkeit nun aus der Perspektive eines Erwachsenen beobachten. Ich stellte fest, dass Rassismus sowohl auf einer bewussten als auch auf einer unbewussten Ebene vorzufinden ist. Mit Blick auf Zweitere aber befindet man sich oft in einer Grauzone, bei der die Grenze zwischen rassistischen und nicht rassistischen Worten, Taten und Haltungen nicht immer eindeutig bestimmbar ist. Diese Feststellung erklärt meines Erachtens, warum struktureller Rassismus trotz entsprechender Antidiskriminierungsgesetzte weiterhin existiert.

Meine Erfahrungen mit bewusstem Rassismus möchte ich anhand dreier Beispiele beschreiben. Der erste Fall ereignete sich in einer U-Bahn kurz nach meiner Ankunft in Deutschland. Kurz zuvor hatte ich aus den Medien erfahren, dass die Polizei die Leiche einer Nigerianerin in einer norddeutschen Stadt gefunden hatte und in ihrem Bericht erklärte, dass es sich möglicherweise um einen Mord aus rassistischen Gründen handele. Diese Nachricht hatte ich vor Augen, als ich eines nachts von einem Kinobesuch heimkehrte und in der U-Bahn scheinbar betrunkenen jungen Männern gegenübersaß, die mich böse anschauten. Als sich die U-Bahn leerte, wurden diese aggressiver und versuchten, mich mit provokanten und eindeutig rassistischen Sprüchen einzuschüchtern. Trotz meiner Angst blieb ich zunächst ruhig sitzen. An der nächsten Haltestelle stieg ich dann aber doch hastig aus, obwohl ich meine eigentliche Zielstation noch nicht erreicht hatte. Ich war derart von Angst ergriffen, dass ich bis zum Abschluss meines Aufenthalts in Deutschland vermied, nachts allein die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Die zweite rassistische Begegnung erlebte ich im Rahmen meiner Einschreibung an einer staatlich-öffentlichen Universität. Ich wollte meine Unterlagen beim zuständigen Fachbereich einreichen, um meine offizielle Studiengenehmigung zu erhalten. Ich fand mich dafür im Büro einer Beamtin ein, die selbst zum Lehrkörper zählte und mich mit einer herablassenden Haltung empfing. Die Unterlagen, die ich ihr vorlegte, schaute sie nur desinteressiert an. Letztlich schickte sie mich mit der Aussage fort, dass ich hier am falschen Ort sei. Einen Hinweis darauf, wo ich mich stattdessen vorstellen muss, erhielt ich nicht von ihr. Ich ging daraufhin zum International Office (Büro für internationale Studierende), und berichtete den Zuständigen dort von meinem Aufeinandertreffen mit der Beamtin. Als ich ihren Namen nannte, zeigte man sich wenig überrascht. Im Nachhinein erfuhr ich, dass andere ausländische Studierende ähnliche Erfahrungen mit eben jener Beamtin gemacht hatten.

Das dritte Beispiel fand im Kontext der Fußballweltmeisterschaft 2012 statt, bei der der Schwarze Italiener Mario Balotelli mit zwei Toren die deutsche Mannschaft aus dem Wettkampf scheiden ließ. Zu diesem Anlass hörte ich sowohl bei Stammtischdebatten als auch aus dem Mund reflektierter Menschen rassistische Schimpfworte, die insbesondere Balotellis Schwarze Hautfarbe betrafen.  

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FOTO: TAHIR DELLA/ISD-BUND E.V.
Gemeinsam haben sich die beiden Vereine Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e.V. (ISD) und Berlin Postkolonial e.V. lange dafür eingesetzt, dass die »Mohrenstraße« in Berlin in »Anton-Wilhelm-Amo-Straße« umbenannt wird – mit Erfolg. Es ist ein erster Ansatz, um dem fehlenden geschichtlichen Narrativ Schwarzer bedeutender Persönlichkeiten und deren Leistungen einen Platz einzuräumen.