Forum Weltkirche - Zeitschrift für Kirche und Gesellschaft mit weltweitem Blick

Pastorale Vernetzung

Theologie durch gesprochene Poesie

Äthiopiens Dichterschulen

von Daniel Assefa

übersetzt von Robert Bryce

In Äthiopien gibt es traditionelle Dichterschulen (Poetry Schools), in denen die Schüler in einem wertschätzenden und auf Gemeinschaft ausgerichteten Umfeld lernen, Gedichte zu verfassen. Sie lassen sich dabei von biblischen Geschichten, der Natur und aktuellen Ereignissen inspirieren. Die Ergebnisse ihrer Arbeit bereichern den theologischen Diskurs und fördern die Lebendigkeit von Liturgie und Gemeindeleben.

In theologischen Institutionen wird der Diskurs oft in prosaischer Form geführt. In der Bibel hingegen sind theologische Themen sowohl in Prosa als auch in Versform verfasst. Die Psalmen, das Buch Hiob, konkreter die Weisheitsliteratur und mehrere Prophetenbücher, sind als Gedicht angelegt. In verschiedenen Hymnen des Neuen Testaments manifestiert sich die Bedeutung der Poesie in der Heiligen Schrift.

Autor

Daniel Assefa

ist Direktor des Tibeb Research and Retreat Center in Addis Abeba, Äthiopien, einer neuen Einrichtung unter Kardinal Berhaneysous D. Souraphiel. Seine Forschungsinteressen umfassen das Judentum des Zweiten Tempels, die äthiopische biblische Hermeneutik, die Textgeschichte der äthiopischen Bibel und apokalyptische Literatur.

Kirchenväter wie der Heilige Ephräm der Syrer gaben ihren theologischen Überlegungen mit einer Vielzahl von Gedichten Ausdruck. Gleiches gilt für die christliche Liturgie, deren Hymnen und Gebete häufig in Versform verfasst sind. Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob der heutige theologische Diskurs auf Prosa beschränkt sein muss. Sollte die zeitgenössische Theologie nicht auch Raum für Poesie geben? Wie sieht es diesbezüglich in der christlichen Tradition Äthiopiens aus? In Äthiopien gibt es zwar auch als Prosatext verfasste theologische Abhandlungen, dennoch lässt sich konstatieren, dass Poesie bei theologischen Reflexionen stets eine wichtige Rolle gespielt hat. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Existenz traditioneller Dichterschulen (Poetry Schools), in denen die Schüler lernen, inspiriert von biblischen Geschichten, Naturbeobachtungen und aktuellen Geschehnissen neue Gedichte zu verfassen und zu improvisieren. In diesem Beitrag sollen die wichtigen didaktischen und inspirierenden theologischen Werte untersucht werden, die in diesen traditionellen Schulen einen hohen Stellenwert haben.

 

Poesie, Theologie und Leben

Theologisches Wissen findet sich innerhalb der lebendigen äthiopischen mündlichen traditionellen Poesie, die in Äthiopien als Qene bezeichnet wird. Das Repertoire wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die herausragenden Gedichte finden Eingang in das kollektive Gedächtnis. Das Repertoire wächst ständig, weil Jahr für Jahr hunderttausende neuer Gedichte verfasst werden. Durch eine Art Filterprozess werden die herausragendsten Gedichte von der Gesellschaft und der Gelehrtengemeinschaft akzeptiert und gewürdigt.

Eine enge Verknüpfung von Lernen und Leben ist Garant für Qualität. Das gilt auch für die Theologie. Heute besteht eine enge Verbindung zwischen den Schulen für traditionelle äthiopische Poesie sowie der Gottesverehrung und gesellschaftlichen Ereignissen. Die Schulen bieten ein Programm mit Relevanz für das praktische Leben. Als Inspiration dienen dabei nicht nur alte Texte, die heiligen Schriften oder die Kirchenväter, sondern auch die Natur, die Flora und Fauna sowie aktuelle Geschehnisse. Diese Gedichte lassen keine Dichotomie zwischen dem Leben und der Theologie des Lernens entstehen. Die Dichterschule hält ihre Schüler an, ...

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FOTO: MISSIO AACHEN
Daniel Assefa (fünfte Person von links, erste Reihe) lud die Mitglieder von Netzwerk Pastoral Afrika 2019 nach Addis Abeba an sein damaliges Forschungszentrum ein. Im Rahmen der Konferenz präsentierten er und sein Team die ersten Forschungserkenntnisse zur Bereicherung der äthiopischen Dichtkunst für die Theologie.