Buchbesprechung

Die Suche nach der friedlichen Koexistenz –

 

Buchbesprechung
Dissertationsschrift von Gideon Pwakim

von Franz Gmainer-Pranzl

Ein friedliches Miteinander suchen – ein Motiv, das gleichermaßen abgedroschen wie unrealistisch klingt und angesichts vieler politischer Erfahrungen weltweit, die gegen eine solche friedliche Koexistenz sprechen, wie ein Märchen erscheint? Der junge nordnigerianische Theologe und Priester Gideon Pwakim macht sich mit seiner Dissertation auf die Suche nach diesem friedlichen Miteinander – und wird fündig.

Autor

Franz Gmainer-Franzl

Studium der Theologie und Philosophie in Linz, Innsbruck und Wien. Seit 2009 ist er Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen die interkulturell-theologische Erkenntnislehre, die Theologie in Afrika sowie der Dialog mit der Kritischen Entwicklungsforschung.

Hat nicht Samuel Huntington, der vor mittlerweile 25 Jahren seinen Clash of Civilizations publizierte, Recht behalten mit seiner Ansage, dass sich kulturelle und religiöse Identitäten entlang von »Bruchlinien« entzünden, die die Menschheit abgründig durchziehen, ohne dass Aussicht auf eine Verständigung oder gar ein Miteinander zwischen »den einen« und »den anderen« bestünde? Ist die Dissertation »The Persistence of Religious Violence in Northern Nigeria and the Search for Peaceful Co-Existence«, die der junge nordnigerianische Theologe und Priester Gideon Pwakim im Herbst 2018 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main vorlegte, nicht ein weiteres Beispiel für die naive Erwartung, man könne mit Aufrufen zum Frieden und theologischen Beiträgen soziale, ethnische und ökonomische Konflikte entschärfen? Die Überlegungen, die Gideon Pwakim in den sieben Kapiteln seiner Studie entwickelt, haben weder mit interreligiösen Glasperlenspielen noch mit afropessimistischen Inszenierungen eines »More of the same« (im Sinn der Darstellung Afrikas als Katastrophenkontinent) zu tun, dafür aber sehr viel mit (1) interdisziplinärer Kompetenz, (2) kontextueller Sensibilität und (3) interkulturell-theologischer Kreativität – Charakteristika einer bemerkenswerten systematisch-theologischen Untersuchung, auf die etwas näher eingegangen werden soll.

(1) Zum einen hat das Buch den üblichen Aufbau einer Arbeit, die sich einem speziellen Kontext von Theologie und Kirche, Gesellschaft und Kultur widmet: Eine Einführung in die Thematik »Religion und Gewalt« in Nordnigeria (wobei sich Pwakim gegenüber der oft vertretenen Position, Gewalt habe an sich nichts mit Religion zu tun, etwas zurückhaltend zeigt), die politische und soziale Situation in Nordnigeria, die gesellschaftliche Relevanz interreligiöser Dialoge, Auskunft über die Methodologie der Erhebung und Interpretation von (Interview-)Daten sowie die Präsentation eines Ansatzes einer Theologie der Versöhnung und Gastfreundschaft im Anschluss an traditionelle afrikanische Lebensformen. Zum anderen aber zeichnet sich diese Arbeit dadurch aus, dass sie einen ernsthaften interdisziplinären Dialog führt: mit Ansätzen der Friedens- und Konfliktforschung, mit kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu Formen der Gastfreundschaft und nicht zuletzt mit sozialwissenschaftlichen Methoden zur Interviewführung.

(2) Die Aufmerksamkeit für den Kontext »Nordnigeria« zeigt sich bei Pwakim nicht in einer kulturalistischen Inszenierung, sondern in einer multiperspektivischen und (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen Kontext, der von ethnischer und religiöser Pluralität, sozialen und postkolonialen Konflikten und den Folgen von Armut, Ungerechtigkeit und Perspektivenlosigkeit junger Menschen geprägt ist. Die Herausforderungen religiös aufgeladener Gewalt sowie die Möglichkeiten interkultureller beziehungsweise interreligiöser Verständigung hängen zutiefst mit prekären, ja dramatischen Lebensbedingungen zusammen – so das Profil kontextueller Theologie bei Gideon Pwakim.

(3) Und nicht zuletzt ist es die differenzierte Weiterentwicklung traditionell-afrikanischer Konzepte beziehungsweise Prozesse von Versöhnung und Gastfreundschaft, die nach Pwakim auch und gerade heute dazu beitragen können, Konflikte zu bearbeiten, Traumata zu hei- len, Recht zu sprechen und nicht zuletzt Wiedergutmachung und Versöhnung zu ermöglichen. Schließlich ist es das Modell der Gastfreundschaft, das für Pwakim einen echten Ansatz eines friedlichen Miteinanders eröffnet. Ziel einer Praxis der Gastfreundschaft »ist nicht die Erfüllung sozialer Verpflichtungen, sondern die Herstellung und Aufrechterhaltung einer herzlichen Beziehung – einer Beziehung die das menschliche Wohlergehen fördert« [1], so eine zentrale These, mit der nicht nur ein halbwegs konfliktfreies Miteinander in einer pluralen Gesellschaft angezielt ist, sondern – entsprechend den traditionellen Regeln der Aufnahme von Gästen – die Übernahme von Verantwortung füreinander. Für das Leben in Nordnigeria würde das bedeuten, »dass Muslime und Christen niemals eine Situation zulassen würden, dass eine Situation, die es rechtfertigen würde, dass sie sich gegenseitig angreifen, nie wieder eintritt« [2]. Mit dieser interdisziplinär und interreligiös profilierten »Theologie der Gastfreundschaft« hat Gideon Pwakim eine erhellende und zugleich realistische Perspektive auf Versöhnung und Frieden in einem schwierigen Lebenskontext aufgezeigt und darüber hinaus Anregungen zur Praxis und Methodik theologischen Denkens gegeben, das für den Kontext Europa möglicherweise wichtiger werden wird, als wir uns das heute vorstellen können.

 

Buchbesprechung: Die Suche nach der friedlichen Koexistenz – Dissertationsschrift von Gideon Pwakim

Anmerkungen

[1] Gideon Pwakim: The Persistence of Religious Violence in Northern Nigeria and the Search for Peaceful Co-Existence. A Theological Perspective, Black Tower Publishers 2020, S. 303.

[2] Ebd., S. 321f.