Ordensfrauen und Missbrauch

Spiritueller Missbrauch

Selbstbestimmung in spirituellen Fragen ist zentral

von Doris Reisinger

In Orden und geistlichen Gemeinschaften kommt es oft zu unterschiedlichen Formen spirituellen Missbrauchs. Wie er geschieht, was er für Ordensleute bedeutet und was dagegen getan werden kann: Diesen Fragen stellt sich die Kirche erst in jüngerer Zeit. Um Missbrauch zukünftig zu vermeiden, ist es wichtig, dass Ordensleute beim Eintritt in eine Gemeinschaft ihre Rechte kennen, um missbräuchlichen Strukturen entgegenwirken zu können.

Autorin

Doris Reisinger

(geb. Wagner) 1983 geb. in Ansbach. Autorin und Theologin, studierte in Rom, Freiburg i. Br. und Erfurt Philosophie und katholische Theologie und promovierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Analytischer Philosophie. Seit Herbst 2019 ist sie Lehrbeauftragte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
E-Mail: reisinger@sankt-georgen.de

Doris Reisinger (geb. Wagner) hat in der geistlichen Familie Das Werk über Jahre hinweg spirituellen und sexuellen Missbrauch erlebt. Seit ihrem Austritt setzt sie sich dafür ein, dass die Ursachen spirituellen Missbrauchs benannt und bekämpft werden können. Die Theologin und Philosophin hält Vorträge und Vorlesungen und hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben.

 

 

 

Spiritualisierte Gewalt

Im Gegensatz zu sexualisierter Gewalt klingt »geistlicher Missbrauch«, »spiritueller Missbrauch« oder auch »spiritualisierte Gewalt« erst einmal etwas weniger schlimm.[1] Dabei ist beides oft untrennbar miteinander verbunden. Auch spiritualisierte Gewalt drückt sich nicht selten in drastischen Übergriffen aus. Spiritualisierte Gewalt äußert sich unter anderem im ständigen Kontrollieren, Einschränken und Abwerten eines Menschen, im gewaltsamen Beenden seiner Freundschaften und tragenden Beziehungen, im Zerstören von Dingen und Werten, die ihm sehr viel bedeuten – alles im Namen Gottes, unter Berufung auf »religiösen Gehorsam« oder auf ein vermeintlich geistliches Ziel. Wenn eigentlich geschätzte Menschen unter Berufung auf geistliche Prinzipien derart verletzend in das eigene Leben eingreifen, kann das eine extrem traumatische Erfahrung sein, die Betroffene ein Leben lang belastet. Im Einzelfall können die Folgen sogar noch schwerwiegender sein als die Folgen sexualisierter Gewalt.

 


Ordensleute sind besonders gefährdet

In Orden, Instituten des geweihten Lebens und neuen geistlichen Gemeinschaften kann es besonders leicht zu spiritualisierter Gewalt kommen, aus drei Gründen:

Erstens, weil hier die Ideale besonders groß sind. Nicht umsonst ist von »Berufung« und der »Hingabe des eigenen Lebens« die Rede. Diese hohen Ideale sind oft mit einem Pathos verbunden und lösen eine geistliche Dynamik aus, in der Maß halten und vernünftig bleiben schwer wird.
Zweitens, weil die Geschichte dieser Lebensform und die Gestalten vieler heiliger Ordensleute (extreme) Übergriffe zu legitimieren scheinen (denken wir an manche Legenden aus dem Leben des heiligen Benedikt, der heiligen Klara oder der heiligen Theresia von Lisieux), als ob normale menschliche Bedürfnisse wie ausreichender Schlaf, Nahrung, medizinische Versorgung, eine sinnvolle Tätigkeit und Freundschaften im Ordensleben keinen Platz hätten oder als ob satte, ausgeschlafene Ordensmenschen mit ausreichend Freunden und Freizeit, die gut für sich sorgen und zwischendurch auch einmal gemütlich auf dem Sofa sitzen, keine guten Ordensleute sein könnten.

Drittens, weil Ordensleute im Regelfall ein intensives Gemeinschaftsleben haben, in das der oder die Einzelne auf mehreren Ebenen eng eingebunden ist: rechtlich, spirituell, finanziell, sozial, emotional. Wenn es in einem so engen, hierarchisch strukturierten, mehrschichtigen Miteinander zu einer Schieflage kommt, wenn die Ideale des geweihten Lebens verzerrt werden, die Leitung der Gemeinschaft das Wohl der Einzelnen aus dem Blick verliert oder es kein ausgewogenes System geteilter Verantwortung in der Gemeinschaft gibt, können Einzelne es sehr schwer haben, dies rechtzeitig zu bemerken und effektiv gegenzusteuern.

Alle drei Punkte – die großen Ideale, die manchmal unkritisch gelesenen Geschichten der Heiligen und eine mehrschichtige Abhängigkeit von der eigenen Gemeinschaft – spielen beim geistlichen Missbrauch im Ordensleben eine Rolle. Beispielsweise dominieren in manchen Gemeinschaften Ideale bedingungsloser Hingabe und Leidensbereitschaft den Alltag, so dass das Wohl und die normalen menschlichen Bedürfnisse der Ordensleute aus dem Blick geraten oder sogar absichtlich vernachlässigt werden. Dort kann es als »normal« gelten, dass Ordensfrauen praktisch in ständiger Rufbereitschaft sind, ungeachtet der Grenzen ihrer persönlichen Belastbarkeit. Wenn sie gebraucht werden, müssen sie parat stehen, frühmorgens, spätabends oder nachts. Sie leben ohne geregelte Arbeitszeiten, meist ohne Dank und selbstverständlich ohne Lohn. Im Postulat und Noviziat werden diese Ordensfrauen von ihren Oberen und ihren Beichtvätern dazu aufgefordert, diese Belastung ständiger Bereitschaft als ganz selbstverständlich aufzufassen und sie gerne, gleichmütig, »hochherzig « und mit einem Lächeln zu tragen: Der Ausspruch »Im Geist unserer heiligen Gründerin« dient beispielsweise als Rechtfertigung und Motivation. Gelingt es den Frauen nicht, diesen hohen an sie gestellten Erwartungen gerecht zu werden, schämen sie sich und erleben manchmal auch, dass ihre Oberinnen oder Mitschwestern sie dafür »beschämen«. Etwa, wenn sie mehr Schlaf brauchen, ständig krank sind oder nicht so schnell und hart arbeiten können wie Mitschwestern; wenn sie langsamer sind, ihnen unter Druck viele Fehler unterlaufen und sie mehr Pausen brauchen. So kommt zum Stress der ständigen Arbeitsbereitschaft, Fremdbestimmung und mangelnden Wertschätzung der Stress sozialer Kontrolle in der Gemeinschaft und der Stress, sich selbst als ungenügend zu empfinden. Auf Dauer hält das kein Mensch durch. Ordensleute haben ein Recht darauf, dass ihre natürlichen menschlichen Grenzen von ihren Oberinnen, Mitschwestern und Mitbrüdern als eben natürlich und damit normal respektiert werden und dass sie selbstverständlich Anspruch auf geregelte, sichere und angemessene Ruhe- und Erholungszeiten haben. Das ist im Übrigen ordensrechtlich auch vorgesehen. Wo das nicht der Fall ist, kann es gefährliche Konsequenzen haben, sowohl für die physische als auch für die psychische Gesundheit der Betroffenen und darüber hinaus für deren Arbeit. Wer ständig über der Grenze der eigenen Belastbarkeit, ohne verlässlichen Ausgleich, Freiraum und angemessene Wertschätzung arbeitet, wird schwerlich die Konzentration, Achtsamkeit und Empathie aufbringen können, die die tägliche Arbeit erfordert.

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FOTO: KNA-BILD
Doris Reisinger vertritt die Ansicht, dass das Ordensleben nur dann blühen kann, wenn die geistliche Selbstbestimmung von Ordensleuten geschützt wird. Kontrolle und Fremdbestimmung zerstören hingegen das geistliche Leben.
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Reisinger nimmt an einer Veranstaltung von Voices of faith in Rom teil. Die Fraueninitiative in der katholischen Kirche setzt sich unter anderem für ein Stimmrecht von Ordensfrauen bei Synoden ein.