Kinderschutz

Eine starke Allianz für Kinder

 

Missbrauchsprävention in der Weltkirche

von Franz Marcus

Fachleute schätzen, dass in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas jedes dritte Kind von sexueller Gewalt betroffen ist. Das Kindermissionswerk »Die Sternsinger« (KMW) und das Centre for Child Protection (CCP, Zentrum für Kinderschutz) in Rom arbeiten eng zusammen, wenn es um Präventionsmaßnahmen gegen Kindesmissbrauch und Ausbildung von Multiplikatoren aus der ganzen Welt geht. Die Aufgabe ist riesig, aber das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Themas wächst. Und die Absolventen des »Safeguarding«-Kurses am CCP haben gute Ideen, wie sie den Kinderschutz an ihren Einsatzorten vorantreiben können.

Autor

Franz Marcus

Dr. theol., wurde im Jahr 2004 zum dritten Vorstandsmitglied des Kindermissionswerks »Die Sternsinger« berufen. Seit Januar 2017 ist Franz Marcus dort Beauftragter für Kinderschutz im Ausland. Von 2002 bis 2017 leitete er den Projektbereich des Kindermissionswerks. Zuvor war er als Leiter des Bildungsreferats bei der Bischöflichen Aktion Adveniat in Essen tätig und arbeitete unter anderem bei Misereor und der Gesellschaft zur Förderung des Nord-Süd-Dialogs, dem heutigen Exposure- und Dialogprogramm e.V., in Bonn.

 

»Ich war schockiert, was ich alles nicht wusste«, das bekannte Theresa Sanyatwe aus Harare, Simbabwe, nachdem sie von September 2019 bis Februar 2020 erfolgreich am Studiengang »Safeguarding for minors« (»Schutz für Minderjährige«) des Centre for Child Protection (CCP) in Rom teilgenommen hatte. Die Einrichtung, die Maßstäbe für die Missbrauchsprävention in- und außerhalb der Kirche setzt und an der Päpstlichen Universität Gregoriana angesiedelt ist, trägt weltweit mit Bildungs-, Lobby- und Forschungsprogrammen zur Sensibilisierung und Schulung im Bereich der Prävention von sexuellem Missbrauch bei kirchlichen und nichtkirchlichen Personen und Institutionen bei. In den Kursen des CCP lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aus allen Kontinenten stammen, wie sie in ihren Heimatländern ein sicheres Umfeld für Kinder und Jugendliche schaffen und wie Kinder aufgefangen und begleitet werden sollen, die durch Missbrauchs- und Gewalterfahrungen traumatisiert sind.

Das Kindermissionswerk »Die Sternsinger« (KMW) und das CCP in Rom verbindet eine intensive Kooperation im Bereich der Missbrauchsprävention in der Weltkirche, die hier am Beispiel der Präventionsschulung von Theresa Sanyatwe dargestellt werden soll.

Theresa Sanyatwe konnte dank eines Stipendiums des KMW am Kurs in Rom teilnehmen. Sie war in ihrem Heimatland als Lehrerin und Seelsorgerin tätig und arbeitet seit zwei Jahren im Bereich der Missbrauchsprävention der Simbabwischen Bischofskonferenz. Nach ihrem Diplomkurs in Rom wird sie ihr Engagement für die Missbrauchsprävention in der Kirche und Gesellschaft Simbabwes fortsetzen und intensivieren. Sie wusste nach ihrem Kurs genau, was sie nach der Rückkehr in ihr Heimatland machen möchte. Anlässlich eines Besuchs im KMW in Aachen erläuterte sie ihre anspruchsvollen Pläne: »Den Bischöfen werde ich vorschlagen, eine Kommission für Safeguarding (Schutzmaßnahmen) zu gründen, die Weiterbildungen anbietet, aber sich auch mit Missbrauchsfällen beschäftigt. Ich will also etwas ganz Neues aufbauen. Ich möchte ein Team schulen, das aus zwei Anwälten besteht – einem Kirchenrechtler und einem Rechtsanwalt für Zivilrecht –, einem Psychologen, einem Arzt, einem Journalisten und einer Vertretung der Victim friendly Unit (»Opferfreundliche Einheit«), das ist eine Einheit der simbabwischen Polizei, die die Opfer unterstützt. Dieses Ad-hoc-Team ist dann im Einsatz, wenn Missbrauchsfälle gemeldet werden.«

 

Ein weltweites Problem

Welche Herausforderungen vor Theresa und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern liegt, lässt sich nur erahnen. Für Simbabwe liegen keine genauen Statistiken über die Anzahl von Kindern und Jugendlichen vor, die sexuell missbraucht werden. Wir wissen aber mit Sicherheit, dass sexuelle Gewalt in allen Ländern der Erde, in allen Kulturräumen und in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt. Fachleute sind sich einig, dass in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas schätzungsweise jedes dritte Kind betroffen ist, in manchen Gegenden sogar mehr. Eine Ordensschwester, die in einem Slum am Rande der nicaraguanischen Hauptstadt Managua eine große Schule leitet, äußerte mir gegenüber resigniert: »Ich kenne keine einzige Familie unter meinen rund 1.400 Schülerinnen und Schülern, in der es nicht zu Gewalt und sexuellem Missbrauch kommt.«

Welche Not Opfer sexuellen Missbrauchs erleiden, das beschreibt die im September 2018 von der deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte MHG-Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland: »Neben einem hohen Anteil körperlicher Beschwerden« gebe es auch psychische Symptome wie »Depression, Angst, Schlaf- oder Essstörungen, posttraumatische Symptome (Flashbacks, Alpträume, Vermeidungsverhalten), Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten sowie Alkohol- und Drogenkonsum«. Man muss davon ausgehen, dass Kinder und Jugendliche, die in prekären Situationen der Südkontinente aufwachsen, die Folgen sexualisierter Gewalt noch weitaus extremer erleben als Kinder in unseren Breitengraden, weil ihnen meist keine vergleichbaren Beratungs- und Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Aus der Botschaft des Evangeliums heraus hat die Kirche den Auftrag, notleidenden Menschen in der Welt beizustehen. Dieser Auftrag gilt in besonderer Weise für die kirchlichen Hilfswerke. Das KMW fördert jährlich etwa 2.000 Projekte in Afrika, Asien, Ozeanien, Lateinamerika, der Karibik und in Osteuropa. Als Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland stellt das KMW das Wohl benachteiligter Kinder und Jugendlicher in den Mittelpunkt jener, die an Hunger und Krankheit, Ausbeutung und Unterdrückung, mangelnden Bildungschancen und Zukunftsperspektiven leiden, aber auch derjenigen, die sexualisierte Gewalt erleiden oder erlitten haben.

Das KMW stellt immer wieder fest, dass in seinen Projektländern sexueller Missbrauch durch prekäre Lebensverhältnisse, kriegerische Auseinandersetzungen, humanitäre Katastrophen, soziale Gefälle und Abhängigkeiten, Ausbeutung von Frauen, Jugendlichen und Kindern sowie defizitäre Bildungs- und Rechtssysteme begünstigt wird. Alle diese Situationen, die den Alltag der Länder prägen, erhöhen nicht nur die Gefahr, dass es zu sexualisierter Gewalt kommt, sondern sie machen es zudem auch leicht, diese zu negieren, zu verharmlosen oder zu vertuschen.

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FOTO: FRITZ STARK
Im Lindalva-Zentrum in Phnom Penh können Kinder von Textilarbeiterinnen in einer geschütztenAtmosphäre lernen, spielen und sich entfalten. Ihre Mütter arbeiten oft zehn Stunden am Tag in den Fabriken. Die Kleinsten wären ansonsten sich selbst überlassen.